Buchstabensuppe mit Milchreis und Zimt

Ich möchte schreiben. Irgendetwas. Einfach nur ausdrücken. Was auch immer. Bloggen. Denn theoretisch, glaube ich zumindest, hätte ich Spaß daran, wenn sich die Buchstaben in meinem Kopf zu Worten sortieren ließen.
In meinem Kopf bröseln die Buchstaben wild durcheinander, schwirren vor meine Augen und durchwandern unsortiert meine Gehirngänge. Von Zeit zu Zeit formatieren sie sich zu brüchigen Wortteilen, ehe sie wieder irgendwo versinken.
Programme – Therapie – Anstrengung – bilden die ABC-Fetzen sich zu Worten.
Und weil die Programme ihrerseits selbst Worte bilden, wird es voll im Kopf und ungreifbar. Nur „Klirren“ und „Zerspringen“ bleiben über. „Die Glaskönigin“ flüstert es im Hinterkopf und macht auf ein Stück Mind-Control-Verwirrungs-Erlebnis aufmerksam, das noch zu fragmentiert ist um es wirklich zu begreifen.
Die bunten Buchstaben schwirren weiter und bilden aus einem Kindermund das Wort „Monsterchen“ ehe mein Körper sich in Bewegung setzt, um das Monsterchen zu holen und auf unseren Schoß zu setzen. Schließlich soll es ja bei uns sein dürfen.
Lutscher. Hunger. Vorlesen.
Erinnerung. Müde. Langeweile.
Malen. Angst. Geborgenheit.
Telefonieren. Reden. Spaß.
Schweigen. Hüpfen. Vorfreude.
Traurigkeit. Lachen. Gemeinsamkeit.
Die Buchstabengebilde treffen sich, nur um direkt anschließend wieder zu zerfallen und mal mehr, mal weniger Sinn zu ergeben. Manche kämpfen miteinander und fechten um die Reihenfolge der Umsetzung, des von ihnen ausgedrückten Inhaltes oder bilden sich besonders häufig, um sicher zu gehen wahrgenommen zu werden.
Aktuell kann der Kampf „Hunger“ gegen „Müdigkeit“ live beobachtet werden, denn er möchte gestillt werden, auch wenn manche sich zu schlapp fühlen, um Essen zu machen. Ebenso finden die Austragungen zu „Dissoziation“ gegen „Gegenwart“, „Eigene gegen fremde Worte“,“Bewegung“ gegen „Ruhe und Liegen“ und einiger anderer wichtiger innerer Uneinigkeiten statt.
Nicht zuletzt sind da auch noch die Rangeleien um die körperliche Vorherrschaft „Klein gegen Groß“ frei nach dem Motto „Gleiches Recht für alle“.
Während ich weiter die Buchstabenworte im Kopf beobachte formatieren sich die ersten vorläufigen Kampfergebnisse für das Duell „Hunger gegen Müdigkeit“. Der Hunger hat sich durchgesetzt, so dass ich mich nun doch aufmachen muss, um mir etwas zu essen zu machen. Hmm, aber was?
Zeit und Platz für neue Gefechte.
Buchstabensuppe mit Milchreis und Zimt.

„Jenseits des Vorstellbaren“ – Die Kultüberlebende Jeannie Riseman zu Dissoziation

Als wir vor längerer Zeit mal wieder eine Zweifelkrise an der mittlerweile eigentlich mehrfach bestätigten Diagnose DIS hatten, haben wir den Ausschnitt aus einem Text der Kultüberlebenden Jeannie Riseman zu lesen bekommen, der uns sehr geholfen hat, das innere Chaos und die immer wiederkehrenden Programmschleifen gegen das erkennen der eigenen inneren Strukturen zu sortieren und die inneren Entweder/Oder-Kämpfe etwas zu mildern. Darum möchten wir hier einen Auszug aus dem Text mit freundlicher Genehmigung des „Asanger Verlags“ wiedergeben:

„Klinisch gesprochen werden die Menschen heute generell in entweder multipel/nicht-multipel oder innerhalb eines Spektrums der Dissoziation gesehen. Entweder/oder mit einer deutlichen Abgrenzung – oder viel/wenig mit Abstufungen. Was mir \“passend\“ erscheint, ist ein Modell, welches zulässt zu beschreiben, dass Informationen auf vielerlei Weise gleichzeitig gespeichert werden. In meinem Büro speichere ich einen Großteil derselben Informationen auf dem Computer, auf Disketten, auf Papier in einem Aktenschrank und lege sie (außerdem noch) in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden ab. Vieles ist überflüssig. Wenn ich wollte, könnte ich auch noch Audio- oder Videokasetten oder CDs hinzufügen und so die Anzahl der Speichermethoden erhöhen. Außerdem könnte ich den ganzen Wust auswendig lernen oder in Form von Petroglyphen (Höhlenbildern) anlegen. Die Ablagesysteme wären zwar andere, doch die Informationen wären dieselben. Auch kann ich diese Informationen auf vielerlei unterschiedliche Weise ordnen. Nach Namen, bildhaften Darstellungen, Größe, Datum, Autor oder Titel oder chronologisch, nach dem Dezimalsystem. Die Informationen lassen sich in hunderte von Sprachen übersetzen. Es können Querverweise gemacht werden. Wenn man diese Fülle von Systemen betrachtet – welches ist dann das \“echte\“ Betriebssystem? Da die Kultinformationen in meinem Kopf gespeichert sind, glaube ich, dass alle Speichersysteme gleichermaßen \“echt\“ sind. Ich kann gleichzeitig multipel, nicht-multipel, eine \“schlummernde\“ dissoziative Identität, eine potenzielle dissoziative Identität und so weiter sein. Ich \“bin\“ das System, das ich gerade anwende. In einem klassischeren Sinne kann ich gleichzeitig bewusst und unbewusst Informationen speichern. Ich kann sie in Form von Handlungen sowie von Wörtern abspeichern. Mein Körper \“weiß\“, wie man Fahrrad fährt, und vergisst es nicht, wenn ich es schaffe dieses Wissen in Worte zu fassen um einem anderen Fahrradfahren beizubringen. Doch meistens ist es mir im Alltag nicht präsent. Es gibt vieles, was \“wirklich\“ bewusst ist, wenn ich daran denke und wirklich unbewusst, wenn ich nicht daran denke, und \“wirklich\“ teilbewusst, wenn es mir im Hinterkopf umherschwirrt oder mir auf der Zunge liegt. Ich muss keine Wahl treffen: Die Zuschreibungen können hintereinander oder auch gleichzeitig richtig sein.\“

Jeannie Riseman in „Jenseits des Vorstellbaren – Therapie bei Ritueller Gewalt und Mindcontrol“ von Alison Miller, Seite 138, Asanger Verlag

Auch, wenn wir nicht in jedem Punkt, mit der Autorin des Textes übereinstimmen, so finden wir doch das Beispiel mit den „Ablagesystemen“ sehr passend.
Für uns zeigt das sehr deutlich, das das erkennen der DIS an uns selber erschwert sein kann, wenn wir im Gehirn ein „Ablagesystem“ nutzen, bzw. Tätergewollt nutzen müssen, in dem nur ein Teil der Informationen über unser Dasein abgelegt worden ist. Wir müssen nicht darüber nachdenken ob wir nun multipel sind, oder nicht. Das das „Ablagesystem Multipel“ bei uns grundsätzlich existiert, hat sich oft genug gezeigt. Wenn ich mich als Alltagsperson gerade nicht als multipel wahrnehme, weil ich die anderen Innens aus welchen Gründen auch immer nicht wahrnehmen kann, heißt das nicht, dass die komplette Diagnose nicht mehr stimmt oder falsch war. Genauso wenig, wie ein Ordner am PC nicht nicht mehr vorhanden ist, nur weil ich mich grade mit einem Unterordner beschäftige und so nur einen Teil der Information einsehen kann. Es heißt nur, dass es für mich für den Moment keinen Zugang dazu gibt. Ich fühle mich dann vielleicht nicht multipel, dennoch bin ich es zu jeder Zeit.
Da wir oft nicht bewusst und aktiv steuern können, welches der „Systeme“ uns zugänglich ist oder welches wir nutzen wollen, möchten wir Jeannie Risemans Aussage „Ich /“bin“/ das System, das ich gerade nutze!“ für uns mit „…oder nutzen muss, bzw. kann.“ ergänzen.
Wir sind immer wir, aber die eigene Definition unseres Selbst hängt stark mit dem zusammen, was wir gerade fähig sind von uns wahrzunehmen.