Himbeerrote Erdbeeren

Wir sind am Nachmittag auf unserem Bett eingeschlafen.
Als wir langsam wach werden schieben sich Erinnerungsfetzen in den Halbschlaf. Gut, dass unsere Katzentherapeuten nicht lange auf sich warten lassen und orientierend auf uns zu treteln beginnen. Wir öffnen die Augen. Der Anblick unserer Fellnasen beruhigt uns. Dennoch fühlen wir uns, als hätte man uns mit dem Hammer eins über den Kopf gehauen. Längst sind wir aufgestanden und verrichten Alltagsdinge, als uns immer noch ein schwerer Schleier neblig die Sicht und das Gespür für die Welt nimmt. Frische Luft vom Balkon brachte schließlich zwar Sauerstoff zurück ins betäubte Leben, für die Gedämpftheit jedoch hatte die belebende Lungenfüllung keine Lösung. Irgendwo in mir konnte ich Tränen stecken spüren. Nicht in den Augen. Viel tiefer. Als Druck auf der Brust und Muskelkrampf im Herzen.

Und dann war da in unserem Kopf diese Schnecke
auf der himbeerroten Erdbeere.
Ein Foto, das uns vor kurzem zufällig in die Hände gefallen ist und das wir von Anfang an so bezaubernd fanden. Es gesellte sich zu dem Schrecklichen, das gerade unsere Seele durchzog und beflügelte eine sehr alte Freundin. Unsere Phantasie.
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Wir begleiteten Violetta die kleine Schnecke aus dem Haus ins regennasse Gras des taufrischen Sommergartens. Dort spürten wir die Linderung, die überall in der Luft lag. Wir freuten uns über einen Schmetterling, der Violetta beinahe auf den Fühler geflogen wäre. Ein klitzebisschen hätte sie sich dabei fast erschrocken und wäre zurück ins Haus. Aber dann kroch sie mutig weiter. „Glücklich, wer in sich zu Hause ist“, dacht sie sich. „Ich wohne wo ich bin und kann mir des Schutzes stets sicher sein.“ Violetta glitt über die zarten Grashälmchen und freute sich ihres Schneckenlebens. Sie schlürfte am Tropfen auf dem Salatblatt. Gut, man hätte vielleicht meinen können, dass das Blatt an der Stelle hinterher ein klein bisschen durchscheinender bis löchrig gewesen wäre. Dabei hatte sie ganz bestimmt nur Durst. Das täuschte sicher. Oder hat Violetta etwa heimlich davon genascht? Ihr kleines Schneckbäuchlein fühlte sich auf jeden Fall sehr zufrieden an.
Je länger wir die kleine Schnecke auf ihrem Streifzug begleiteten, umso lichter und freier fühlte sich auch unsere Seele. Sie atmete mit einem tiefen Seufzer auf und spürte wieder Leben.
Am Ende des Abenteuers erklommen wir schließlich mit der Schnecke Violetta gemeinsam im Schneckentempo den „Mount Erdbeerrest“. Menschen hätten eine so große Erdbeere für eine so kleine Schnecke vielleicht als Hürde gesehen. Doch Violetta lachte nur und schmatzte vom saftigen Gipfel. „Wer Zeit hat, kennt keine Hürden. Irgendwo ist immer ein Weg.“

Und eine weitere Moral von der Geschicht‘:
Schöne Fotos in der Schublade können in schweren Momenten sehr hilfreich sein, weil sie auch im Kopf wieder schöne Bilder einziehen lassen.

Merci Frühling

Die Sonne scheint.
Ich liege auf meinem Bett und blicke zum Fenster. Die Luft flirrt vor Energie. Im Ausschnitt des glasigen Fensterrahmens wiegen kurz vorm Himmel kaum sichtbar die Birkenäste. Ich richte mich etwas auf. Wie Haare fallen die dünnen, langen Zweigspitzen an den Astenden nach unten. Berkana, die Lichtbringerin mit weißem Stamm, säuselt von Frühling. Ob sie eine Botschaft habe, frage ich sie. „Das Leben ist bunt“, sagt sie. „Schwarz-weiß bunt wie mein Stamm und das Licht lässt die Farben wachsen grün wie die Hoffnung.“
Der Moment ist sinnlich. Ich beiße in das Dunkel. Schwarz ist die Schokolade, die wenig später in meinem Mund beginnt zu schmelzen. Der Saft schießt in den Birkenstämmen vor dem Haus. Sie sind wieder voll mit Leben. Ihre weiße Farbe hat das Holz in der eisigen Kälte vor Frostbruch bewahrt. Den Temperaturunterschieden durch die schrägstehende Wintersonne wäre sie mit braunem Rindenantlitz nicht gewachsen. Ihre Maske hat sie vor tieferen Schäden bewahrt. Nun im Frühjahr kehrt sie lebendig zurück. Ihre Lebensgeister erwachen. Bittersüß ist der Geschmack in meinem Mund. Er spiegelt den Nachgeschmack des Winters ebenso, wie den der Nacht. Wir hängen unseren Gedanken vom werden und vergehen nach. Dann essen wir langsam das letzte Stück des schokoladigen Rippchens. Als der letzte Hauch meine Kehle durchzieht, kehre ich mit meinen Sinnen ins Jetzt zurück. Die dunkle Jahreszeit ist gerade vorbei. Nun stehen wieder helle Stunden vor der Tür. Ich stehe auf. Es zieht mich nach draußen. Mein Blick fällt auf das zerknüllte Schokoladenpapier. Mein Tag startet.

„Merci, dass es dich gibt!“ 🙂

Melinas Fragen und Schmetterlingsphilosophien 🙂

Die lieben Melinas haben uns in den Kommentaren zu „Ein Beitrag für eure Fragen“ ihre Gedanken und Themenwünsche zukommen lassen.

Tolle Idee, liebe Sofie!
Was wenn diese Diagnose DIS eben nur eine Diagnose ist und mehr nicht? Vielleicht ist es ein revolutionärer Gedanke, wenn wir alle als vorgeburtlich, in der Kleinkindzeit, in der Kindheit, in der Jugend, und auch noch später ALLE sehr traumatisiert sind, alle dissoziiert sind, gespalten, geschädigt, „zu Tode“ verletzt, gebrochen, verstört….worden sind und wir im Grunde alle Therapie bräuchten….oder eben eine andere Sichtweise entwickeln müssten, statt nur den sog. „Kranken“ (mit Diagnose) eine Therapie zu genehmigen?
Wenn ich mich Tag für Tag umsehe und in den vielen Begegnungen des Tages soviele Menschen mit verletzten Seelen erlebe, die ausblenden, nicht reflektieren, alles abwehren was ihnen nicht gefällt, blind und mit Scheuklappen herumlaufen, mit den Fingern auf andere zeigen…..denke ich, dass die Menschen hier in den Blogs bei Dir und vielen anderen und auch bei mir mit diesen Diagnosen DIS, DDNOS, Borderlines ….mitlesen und sich äußern, doch eigentlich die Sorte Mensch sind, die am wenigsten therapiebedürftig sind, weil sie imstande sind, einen ehrlichen Blick auf sich selbst und diese sich zerstörende Welt in der Lage sind – zu werfen….Was sagst Du dazu? Und findest Du es auch, dass es eigentlich ein Geschenk ist, dass wir durch unser Schicksal gelernt haben stärker und mutiger zu werden um die Wahrheiten in uns und in der Welt zu suchen?

Manche Fragestellungen sind fast schon philosophisch und wir mussten sie erst einmal auf uns wirken lassen. Dabei war es sehr interessant darüber nachzusinnen. Im folgenden wollen wir euch einen kleinen Einblick in unsere Schmetterlingsphilosophie diesbezüglich geben. 😉 Weiterlesen

Eisige Liebe

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Unter meinen Schuhen knirscht das Gras vor Kälte. Nur ganz kurz wollte ich aus dem Haus. Einen kleinen Eindruck des Klirrens einfangen. Einen Schnippsel von 10×15 aus dieser riesigen Welt stanzen. Einen den man mit nach drinnen nehmen kann, ohne dass der Schnee schmilzt. Mein Atem gefriert in der Morgensonne. Die beschlagene Atemwolke wandert durch die Winterlandschaft bis über den Gartenzaun. Dort macht sie sich unsichtbar. Vielleicht hat sie auch ein Zwerg eingesammelt, der unter den roten Hagebutten seine Frühjahrspfeife rauchte. Wer weiß?
Der Rauhreif mochte nicht an den Bäumen halten. Zu trocken war es heute Nacht für die Wintergeister. Nur das Gras flüstert mit jeder meiner Bewegungen von zerbrechlicher Eisigkeit. Meine Fingerspitze berührt einen kleinen Halm. Schnell verliert er seine Steifheit in der körperwarmen Umgebung. Ich beobachte mit Staunen die neue Schwingungsfähigkeit. Gleichzeitig spüre ich, wie meine nackten Füße in den Halbschuhen sich dem restlichen Gras anpassen. Meine Erdung fröstelt, wie die Erde auf der sie halt findet. Mit vorsichtigem Schritt laufe ich über die Pflanzendecke zurück ins Haus. Auf Zimmertemperatur schmelzen meine Eindrücke in die Tasten. Zu Wortbildern zerflossen umschmeicheln sie das Foto. Die Natur hat heute Morgen ihre Fußabdrücke auf meiner Seele hinterlasssen. Zart und voll Gefühl. Mir versprochen, dass sie trägt. Auch in den eisigsten Momenten kann Liebe stecken. ❤️

Katermorgen

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Eine kleine Miezekatze streckt mir ihr nasses Schnäuzchen in mein schlaftrunkenes Gesicht. Es kitzelt.
Ich versuche das zu ignorieren und weiter zu natzen. Meine Lippen schmunzeln. Die weiche Decke umhüllt uns warm. Vielleicht mag sich unser Fellknäul ja mit uns einkringeln?
Wenig später spüre ich erneut die Schnurrhaare über meine Nasenspitze gleiten und den kleinen Kopf gegen meine Wange drücken. Müde grummle ich ein bisschen. Ich will im Traummodus bleiben und nicht wach werden. Ein schnurrender Motor antwortet. Die Pfoten treteln auf meiner Brust. „Er zieht sich bestimmt nur die Bettdecke gerade“, hoffe ich. Bald sitzt der Kater ruhig. Wir Atmen im gleichen Rhytmus.
Stille.
Ich lasse mich gerade dem Schlaf entgegenfallen, als eine Pfote in meinem Gesicht aufschlägt. Ohne Krallen, aber doch so, dass ich der Realität schnell näher bin, als meinem ersehnten Traumland. Ein verwaschenes Motzen trifft auf die immunen und von Natur aus gut gedämmten Ohren des Raubtieres, das sich gerade trocken denkt: „Sehr gut! Schritt eins wäre vollbracht. Sie reagiert.“ Was Schritt zwei ist, hätte live beobachtet so ausgesehen:
Eine Katze klettert vom Bett und nimmt dann über den Schreibtisch neuen Anlauf. Mit einer Arschbombe landet sie anschließend in der Magengrube ihres Frauchens, das bis zu diesem Zeitpunkt die Augen geschlossen hatte. Nun schnellt es mit einem lauten „Urgs“ hoch. Noch bevor ihre Worte gegen das rasante Spiel in Fahrt kommen können, schmeißt ihr der Herr seinen Dickschädel ins Gesicht und umschmeichelt es mit robustem Einsatz.
Ein paar Huster, Schniefer und Räusperer später, haben wir sein Fell und die losen Katzenhaare wieder aus der Nase und müssen lachen.
„Frühstück!?“
„ Miau!“

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.
„Wer bist du?“ fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. „Ich … ich bin die Traurigkeit“, flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.
„Ach, die Traurigkeit“, rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
„Kennst du mich denn“, fragte die Traurigkeit misstrauisch.
„Natürlich kenne ich dich“, antwortete die alte Frau, „immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja, aber …“ argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?“
„Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst – verzeih diese absurde Feststellung – du siehst so traurig aus?“
„Ich … ich bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. „So, traurig bist du“, wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?“
Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und …
„Ach, weißt du“, begann sie zögernd und tief verwundert, „es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen.“
„Da hast du sicher Recht“, warf die alte Frau ein. „Aber erzähle mir ein wenig davon.“
Die Traurigkeit fuhr fort: „Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.
Sie sagen „Papperlapapp – das Leben ist heiter“, und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.
Sie sagen „Gelobt sei, was hart macht“, und dann haben sie Herzschmerzen.
Sie sagen „Man muss sich nur zusammenreißen“ und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen „Weinen ist nur für Schwächlinge“, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen.“
„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?“
Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Ja, das will ich“, sagte sie schlicht, „aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich.
Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.
Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.“
Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.
Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm. „Wie weich und sanft sie sich anfühlt“, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. „Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt.“
Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin.
„Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?“
„Ich“, antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. „Ich bin die Hoffnung!“

© Inge Wuthe http://www.inge-wuthe.de/traurigetraurigkeit.htm

Ilsebill und das Weihnachtsfest

Die kleine Elfe hüpfte zart von Kerze zu Kerze.
Für ungeübte Augen war sie kaum zu sehen. Nur ein kurzes Flackern der Flamme machte ihren Flügelschlag sichtbar. Im schummrigen Lichtschein tanzte das Naturwesen leichtfüßig durch die Regale, über die Bücher und schaukelte im Mistelzweig. Immer wieder flatterte die Elfe zum Fenster, um nach draußen zu blicken und den eisigen Schneezwerglein bei der Arbeit zuzusehen. Schützend legten sie weiße Decken über Pflanzen, Bäume und Blätter. So  konnte ihnen der Frost nichts anhaben. Ilsebill, so hieß die Elfe, hatte beschlossen sich etwas drinnen aufzuwärmen. Bei der netten jungen Frau fühlte sie sich wohl. Sie beobachtete das Menschenkind gerne bei der Arbeit. Oft sagte es „Danke“, hatte Respekt vor der Natur und legte kleine Steinchen auf den Balkon, wenn ihr die Naturwesen wieder einmal weiter halfen. Der Wind vertraute der Frau und flüsterte ihr so manchen guten Tipp ins Ohr, wenn sie im Alltag ins Straucheln kam.
Manchmal musste Ilsebill kichern. Herrlich verspielt hüpfte das Menschenkind dann durch die Wohnung und sang. Einmal, da hätte sich die junge Elfe fast erschrocken. Gerade setzte sie sich auf das kleine Schränkchen zur Rast, als die Frau sie bemerkte und direkt anblickte. Das war ungewöhnlich. Ilsebill war es gewohnt, dass Menschen eher durch sie hindurchblickten. „Oh, wie schön, dass du da bist. Ich hoffe dir geht es gut“, sagte das Mädchen kurz und selbstverständlich, ehe es fröhlich im Tagesplan weiter machte. Seitdem kommt die kleine Elfe noch öfter. Sie mag die Stimmung und sie mag es sein zu dürfen und ihre Identität in der Realität spüren zu können.
Bald ist es Weihnachten. Im Nussbaum vor dem Haus lebt Ilsebill mit ihrer Elfenfamilie. Diesmal wird das Fest anders sein. Das spürte sie.
Die letzten Jahre wahren die guten Kräfte unsichtbare Bewohner des Gartens, die dem Ort Seele verliehen und halfen, wo sie konnten. Dieses Mal sind sie mittendrin. Sie gehören dazu und werden nicht ausgegrenzt. Ein offenes Herz hat das ermöglicht.
Ilsebill lehnte sich über die Orange auf der Küchenzeile. Die sanfte, feenhafte Berührung der Haut, ließ ihren fruchtigen Duft riechbar werden. Die Elfe träumte vor sich hin.
In der Weihnachtsnacht wird sie flattern und mit ihren Flügeln Glücksstaub für das neue Jahr an den Christbaum stäuben. Die Kräfte des Baumgeistes werden sie dabei unterstützen. Rote Schleifen aus Bast fädelt das Menschenkind achtsam an die Zweige. Jede für einen Wunsch. Die guten Geister werden die Anliegen fort ins Universum tragen und im neuen Jahr fruchtbar machen.
„Ich habe eine Aufgabe“, freut sich Ilsebill. „Ihr Herz hat mich sichtbar gemacht.“

Wenn Herzen sich mit Liebe sichtbar machen, können sie gemeinsam Sterne vom Himmel holen. Nicht nur an Weihnachten…💕

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Erzähl dir deine Geschichte

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Die Abende sind lang und finster. In der Jahreszeit hängen viele schwierige Erinnerungen. Der beste Grund, um uns eine schöne Geschichte zu gönnen. Wir werden uns heute vorlesen und kindliche Momente gönnen, damit unsere Seelen wieder bei uns ankommen. Im Innen lodert bereits der imaginierte Kamin. In Decken gekuschelt hören wir uns gegenseitig zu und lauschen dem inneren Wissen.

Wir wünschen euch einen schönen Abend!

Schneeruhe mit Katzentatzen

lynx-2155641_1920.jpgAuf der Terrasse liegt Schnee.
Die kleine Elfe aus Stein reckt nur noch den Kopf aus dem weißen Flaum.
Mir scheint die Sonne auf die Schultern.
Durch das Fenster zaubert sich so Wärme in mein Leben, obwohl es draußen eisig kalt ist.
Die kleinen Meisen suchen eifrig nach einem Mittagsmahl. Mein Kater ebenfalls.
Er sitzt in der Küche und starrt den leeren Napf auf eine Weise an, dass ich seine lautlosen Wünsche schreiend laut nachvollziehen kann. Eine Zeit lang widerstehe ich. Dann gebe ich nach, ehe das gut gebaute Tier verhungert. 😊
Dieses eklig, weis-nasse, vom Himmel fallende Zeugs verhindert seit einigen Tagen, dass die zarten Tatzen vor die Türe gesetzt werden. Einmal hat es die Katzendame des Hauses mit dem Herrn zusammen versucht. Das Resultat waren vorwurfsvolle Blicke, was ich nun wieder angestellt habe, dass das Revier so unbegehbar verwüstet ist. Dann drehten sich beide auf den Hinterpfoten um und marschierten an die warme Heizung. Seitdem genügt Ihnen der Blick hinaus ins freie und kurze Testschnupperer aus der Türe. Überwiegend schläft und träumt man sich in bessere Zeiten. Dann wieder fegen sie unausgelastet durch die Wohnung und balgen sich, wie kleine Kinder. Meine Versuche ihnen einen Spaziergang schmackhaft zu machen und der Langeweile Abhilfe zu verschaffen scheitern kläglich. Einmal habe ich es gewagt sie vor die Türe zu setzen und ein paar Minuten zu warten, ob sie bei einer Revierpatrouille nicht doch Spaß hätten. „Wir wissen ja, dass du manchmal nicht alle Tassen im Schrank hast, aber jetzt übertreibst du’s wirklich“, gaben mir ihre Blicke dann unmissverständlich zu verstehen. Steif ans Haus gequetscht blieben sie vor der Fensterscheibe sitzen, um Einlass einzufordern. Also gut, der Katzen Wille ist mir Befehl.
Dann lieber doch gemeinsam kuscheln. Da sind sich die Tiger einig.
Mit einer Decke ziehen wir uns gemeinsam für einen entspannten Tag in den eigenen vier Wänden zurück. Wir genießen – Ich, die Innens und die Katzen.
Schnurr.

Irgendwie Anders

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Das „Irgendwie Anders“-Buch ist seit Langem eines der absoluten Lieblingsbücher der kleinen Innenpersonen hier.
„Sosehr er sich auch bemühte, wie die anderen zu sein, Irgendwie Anders war irgendwie anders. Deswegen lebte er auch ganz allein auf einem hohen Berg und hatte keinen einzigen Freund. Bis eines Tages ein seltsames Etwas vor seiner Tür stand. Das sah ganz anders aus als Irgendwie Anders, aber es behauptete, genau wie er zu sein…“
Wir empfinden es als ziemlich untriggernd und die Bilder zu den Texten sind toll gezeichnet. Zudem macht es auf so wundervolle und witzige Weise einfach Mut so zu sein, wie man ist.
Weil die letzte Zeit so schwer war, besitzen die Kleinen seit heute ein eigenes Exemplar, das sie  jederzeit anschaun und lesen können, quasi als Hilfe die seelische und körperliche Durststrecke besser zu überstehen.
Das folgende Zitat stammt aus diesem Bilderbuch: 🙂

„Und ehe Irgendwie Anders auch nur bis drei zählen konnte, war es schon im Zimmer…
…und setzte sich auf die Papiertüte.
„Kenn ich dich?“, fragte Irgendwie Anders verwirrt.
„Ob du mich kennst?“, fragte das Etwas und lachte.
„Natürlich! Guck mich doch mal ganz genau an, na los doch!“
Und Irgendwie Anders guckte.
Er lief um das Etwas herum, guckte vorn, guckte hinten. Und weil er nicht wusste, was er sagen sollte, sagte er nichts.
„Verstehst du denn nicht!“, rief das Etwas. „Ich bin genau wie du! Du bist irgendwie anders – und ich auch.“
Und es streckte wieder seine Pfote aus und lächelte.

Wie es mit den beiden noch weiter geht und was Irgendwie Anders und das Etwas sonst noch so erleben, können wir leider nicht alles schreiben und die Bilder dazu leider auch nicht mit einstellen. Wir hoffen aber, der kleine Ausschnitt bringt euch auch etwas zum schmunzeln.
Wie uns. 🙂