Duschwassertropfen und Gedankenspuren

Die letzten Tropfen des Duschwassers laufen noch über meine Nase. Von den Haarspitzen aus bilden sich kleine Rinnsale über meinen Rücken. Immer wieder geraten sie kurz ins Stocken ehe sie weiterfließen. Es ist als müssten sie Anlauf nehmen und sich sammeln, bevor sie sich in die Tiefe stürzen. Manche der kleinen Bäche münden ineinander. Andere ziehen alleine längere und kürzere Spuren über meine nackte Haut. In der Nase der Duft des Shampoos. Eine Mischung aus süß und doch angenehm frisch. Mit den Händen greife ich nach dem großen Duschtuch auf der Ablage. Ich breite die Arme aus, um mich dann in das flauschige Frottee zu hüllen. Übereinanderschlagen, Ecke einstecken, fertig. Ein Turban um die lange Mähne. Dann sind die Rinnsale trockengelegt. Auf der Hautoberfläche bleibt nur ein Hauch von Feuchtigkeit zurück, der kühl in Raum und Zeit verdunstet. Ich lasse mich in den Sessel fallen. Erschöpft. Vor dem Fenster weht das Aprilwetter. In mir Totenstille. Es ist als würde ich selbst darin den Schreien der Traumata lauschen, wie sie widerhallen, gegen die Schädeldecke prallen und in vernichtendes Nichts münden. Mein Schädel ein schwarzes Loch voller Abgründe.

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„Schwer erkrankt“

Ich sitze bleischwer im Sessel. Meine Augen starren ins Leere. In Gedanken wiederhole ich einen Satz aus einer ärztlichen Stellungnahme: „Die Patientin ist schwer erkrankt.“ Wie auf einer alten Schreibmaschine läuft er immer wieder in meinen Gedanken vorbei und springt am Ende der Zeile wieder auf Anfang. „Schwer erkrankt.“ Meine Beine zappeln unruhig hin und her. Die Anspannung ist enorm hoch. Wir funktionieren nicht mehr. Nicht mehr wirklich. Das macht Panik. Letzte Woche haben wir uns krank melden lassen müssen, weil wir selbst nicht mehr dazu im Stande gewesen wären. Zum einen, weil wir tatsächlich dermaßen platt waren, dass wir nicht mehr sprechen konnten, zum anderen, weil wir es selbst nicht hätten so entscheiden dürfen. Krise. Aber lieber sterben, als vereinbarte Aufgaben und Termine nicht erfüllen, denn sonst stirbt man. Sagt mein Stammhirn. Gefühlter neuer Höhepunkt in der Abwärtsspirale. Versagt. Heute eine Nachricht vom Arbeitgeber. Anscheinend war nicht klar, dass ich auch am Wochenende und bis auf weiteres nicht arbeitsfähig bin. Ich soll erscheinen. Doch ich kann nicht. Eigentlich. Ich hadere. Soll ich es doch tun? Kann ich irgendwie letzte Kräfte mobilisieren. Immerhin gefällt mir der Job ja. Ich habe doch eigentlich „nur“ Stress. Innere kämpfe. Seit Tagen lebe ich in dichter Watte. Aufstehen ist mir nicht mehr möglich. Ich vergesse alles. Bin taub. Die Welt ist stumpf und bedeutungslos. Mein Körper niedergeschlagen wie nach einem enorm schweren Kraftakt. Alles schmerzt. Mein Innen läuft Dauermarathon. Die Physis liegt reglos im Bett. Mindestens Zwei Spuren streiten sich nun also untereinander. Sie sind sich uneinig, was wir zu leisten im Stande sind. Denn wie miserabel es uns wirklich geht, hat nur ein minimaler Bruchteil unseres Gehirns in Ansätzen überhaupt mitbekommen. Und von diesem kleinen Teil ist wiederum der Großteil ein kognitiv entferntes mentales Konstrukt und keine emotionale Wahrnhemung. Der Rest lullt sich dissoziativ den Zustand kurz vorm Suizid mitten im Totalzusammenbruch schön. Die Ernsthaftigkeit der Lage wird uns nicht bewusst. Uns fehlt ja nicht wirklich was – außer, dass wir nicht mehr können. Was also dem Chef antworten? Ich suche Hilfe bei meiner besten Freundin. Dann taucht der Satz aus der Stellungnahme wieder auf. „Schwer erkrankt.“ Ich versuche irgendwie den Graben zwischen den Wahrnehmungswelten zu überbrücken. „Der Arzt sagt, wir sind schwer erkrankt“, halte ich mich in Gedanken fest. „Also könnten wir es vielleicht wagen in Betracht zu ziehen uns krank zu melden.“ Andererseits: Mir macht das doch Spaß, ich habe mir immer gewünscht das einmal tun zu dürfen und dafür bezahlt zu werden. Dann kann es doch nicht zu schlimm sein. Vielleicht muss ich mich nur aufraffen…

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Schuld und Bindung

Seit einigen Wochen schon belastet mich ein Gefühl besonders schwer – Schuld. Über einige Zeit hatte ich den Eindruck ich hätte einen guten Umgang damit gefunden. Zugegebener Maßen war meine Herangehensweise eher rational orientiert. Dann erwischte mich ein Trigger eiskalt. Erinnerungen brachen mit tiefer emotionaler Qualität wieder auf. Ich saß plötzlich in einem tiefen See aus Tränen, Verzweiflung und Schuld. Unendlicher schwerer Schuld. Schuld, die so schwer wiegt, dass ich mich schon schuldig dafür fühle überhaupt noch zu leben und zu atmen. Schuld, die mir jedes Recht auf Erleichterung meiner Beschwerden nimmt. Sie scheinen gerechte und vergleichsweise milde Strafe zu sein. Schuld, die mir auch die Erlaubnis entzieht meine Flashbacks dosiert verarbeiten zu wollen, weil es ja wohl das mindeste ist, dass ich wenigstens aushalte zu sehen und mich dem zu stellen, was da passiert ist und nicht auch noch deswegen rumjammere, weil es mir zu viel ist. Schließlich bin ich schuld. Eine Therapeutin hat mir in meiner Verzweiflung etwas zum Thema Schuld und Bindung erklärt. Das möchte ich euch jetzt zusammengefasst wiedergeben und meine Gedanken dazu in diesem Beitrag mit euch teilen.

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„Spaziergänge“ und innere Dynamiken

Der Wind rauscht rauh am Haus vorbei. Das kalte Wetter hält mich drinnen im Warmen. Auf dem Smartphone scrolle ich durch Nachrichten und Social-Media-Beiträge. Immer wieder stolpere ich heute und auch in den letzten Tagen und Wochen über Artikel zu den sogenannten „Spaziergängen“ auf denen Menschen gegen die geltenden und kommenden Corona-Maßnahmen protestieren. Nicht zuletzt ist dort die drohende Impfpflicht ein zentrales Thema. Das bedenkliche daran: Rechtsextreme, so heißt es, würden diese Gelegenheit für ihre Zwecke nutzen und nationalsozialistisches Gedankengut verbreiten. Die Demokratie werde auf diese Weise unterwandert und gefährdet. Das darf nicht sein. Also werden nun auch die Menschen laut, denen die Vorstellung wiedersagt, dass Nazis durch unsere Straßen spazieren und halten dagegen. Mahnende Stimmen äußern sich: „Mit Nazis geht man nicht spazieren.“ „Wer mit diesen Menschen spazieren geht, ist selbst Abschaum.“ Demos gegen die Demos finden statt. Oft zeitgleich, um den Raum der „Spaziergänger“ einzuschränken. Ich merke, dass ich innerlich vielfältig auf die Proteste von beiden Seiten reagiere. Das äußere Chaos spiegelt sich im Inneren. Trigger. Angst. Panik. Eine Frage stellt sich mir besonders: „Worum geht es jetzt eigentlich? Wem? Und weshalb?“ Das will ich für mich einmal sortieren.

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Dysfunktionale Funktion

Ich sitze in meinem Sessel und lehne mich erschöpft zurück. Aus dem Küchenfenster zieht der Dunst des Kochwassers in die kalte Winterluft. Die Worte sind rar. Ich bin irgendwie sprachlos, obwohl es so vieles zu sagen gäbe. Schlafen möchte ich und ruhen. Doch die Möglichkeit zu Erholung finde ich kaum. Immer wenn ich in den letzten Wochen dachte, dass ich nun endlich etwas Zeit haben würde, weil wichtige Amtspost abgearbeitet war, kam der nächste unerfreuliche Vorfall, der an meinen nicht mehr vorhandenen Kräften nagte. Selbstverständlich war die Erledigung eilig. Warten konnte die Auseinandersetzung damit jeweils nicht. Nur eines muss hier immer warten: Ich. Oder wir. Und unsere Bedürfnisse. So kurz vor dem Mittagessen schießt mir nur ein Gedanke durch den Kopf: „Ich habe es satt! Diese ewig andauernde, nie enden wollende dysfunktionale Zwangsfunktion, die über alle meine Grenzen geht, kotzt mich an.“

Wir sind kraftlos und gebrochen wie nie zuvor in unserem Leben. In jeder Zelle unseres Seins spüren wir, dass wir uns aufarbeiten, wenn wir aus den alten Mustern der scheinbaren Unerschöpflichkeit nicht endlich ausbrechen. Gleichzeitig hält uns die unsichtbare Macht der alten Traumata fleißig gefangen. Nicht aufgeben, nicht zusammenbrechen, nichts anmerken lassen. Leisten. Ich Frage mich, wie es wohl wäre, wenn ich viele Dinge wirklich nicht mehr erledigen würde, wenn die Post liegen bliebe, Fristen verstreichen, weil wir nicht können. Im letzten Arztbericht steht unter anderem: „Schwere Depression.“ Das hat die Dissoziation nur noch nicht so ganz gecheckt. So geht der Raubbau an unserer Substanz täglich weiter. Ich habe Angst davor irgendwann einfach tot zu sein ohne es zu wollen, weil wir das alles nicht mehr aushalten und sich doch jemand wie gelernt das Leben nimmt. (Ihr braucht euch keine Sorgen um uns zu machen. Wir werden aktuell engmaschig medizinisch und therapeutisch betreut. Unsere Helfer haben gemeinsam mit uns die Suizidalität im Blick.)

Mein Verstand weiß, dass ich längst nicht mehr die Letzte sein muss, die stehen bleibt, egal was passiert. Unser Körper weiß es nicht. Ich bin unendlich erschöpft. So fühle ich schon morgens. „Ich kann nicht mehr aufstehen“, denke ich. Noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, sehe ich allerdings wie mein Körper sich von unsichtbar Hand bewegt aus dem Bett quält, aufsteht, sich fertig macht und bei seinen Terminen erscheint. Abends nach der Rückkehr nach Hause klappen wir dann regelmäßig zusammen. Für uns. Alleine. Wenn es niemand merkt. „Ich brauche Hilfe“, denke ich und höre mich allzu oft im gleichen Moment sagen: „Alles in Ordnung. Ich schaffe das.“ Je mehr ich funktioniere und über meine Grenzen gehe umso tiefer und existenzieller wird die Not im Inneren. Ein Teufelskreis.

Ich bin froh, dass es derzeit zumindest einige Menschen gibt, die an den Vorgängen hinter der Maske teilhaben und uns spüren lassen, dass sie uns ernsthaft helfen wollen. Die Angst das alles nicht zu schaffen bleibt dennoch.

Wortwolken

Ich denk‘ in unsortierten Wortwolken,
die meinen Schädel stalken.
Nichts davon macht Sinn, denn der Sinn ist nur zu denken
und meine überreizten Zellen von eben diesem abzulenken.

Ich sammle Möglichkeits-Cluster und Panikschwärme.
Meditation sollte helfen, doch die nutzen sie gerne.
Sie vermehr’n sich in Ruhe und reisen durch die Zeit,
wo ein Unheil mich findet ist auch das nächste nicht weit.

Gedanken denken in Linien, doch die Seele tut’s nicht,
weil sie immer im jetzt ist und über’s fühlen nur spricht.
Ihr ist egal wann was war und wie Hemisphären das werten,
sie verlässt sich auf zentrale Emotionserfahrungsexperten.

Hier sitz ich und fühle und will nur noch sterben.
Gründe gibt’s viele, die in der Wortwolke werben.
Gedanken kreisen und pendeln und frier’n manchmal ein,
dann wird der Körper wie Blei und das Herz schwer wie Stein.

Manchmal machen sie Nebel und manchmal klären sie auf.
Doch nun mache ich erst Mal von meinen Gedankenverweigerungsrechten gebrauch.
Ich starr zur Zimmerdecke, steck mit dem Füßen im Sumpf,
langsam werde ich müde und frage mich dumpf:

Wenn das denken nicht wäre wie wär‘ es zu sein?
Dann hätt‘ ich nie mehr was vor mir und wäre jenseits vom Schein
der Masken, die ich täglich trage.
So schließ ich und sinke in die Wortwolkenfrage.

Copyright by „Sofies viele Welten“

Körpererinnerungen und Schwangerschaft – auf der Suche nach dem erlösenden Zaubertrank

Ich sitze am Pc und fühle mich wund bis auf die Knochen. In der Küche brutzelt mein Mittagessen vor sich hin. Mit wippendem Fuß lehne ich im Sessel und bin stark bemüht mein Nervensystem zur Ruhe zu bringen. Atmen. Aus dem Fernseher tönt Asterix und Obelix. Wie eine unbeugsame Gallierin versuche auch ich mich aufrecht zu halten. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich bereits mit meiner eigenen Mutterschaft innerhalb der alten Gewaltsysteme. Spätestens aber mit Halloween und Allerheiligen liegen diese Verletzungen in uns wieder so brach, dass wir vor Schmerz darüber fast zu Grunde gehen. Erneut stellen wir fest: Es ist eine Sache, wenn wir die Bilder im Kopf händeln müssen und nochmal eine ganz andere, wenn der gesamte Körper von der Vergangenheit erzählt.

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Herbsttag mit schnurrendem Ausklang

Ich sitze im warmen Wohnzimmer. Auf der Sessellehne sitzt die Tigerdame und kommuniziert eifrig. Ihre Schwanzspitze zuckt bisweilen. Es dauert nicht lange, bis sich auch der Kater dazu gesellt. Tretelnd macht er es sich auf meinem Schoß gemütlich. Zufriedenes Schnurren dringt  an unsere Ohren. Beide scheinen sich auf ihren Kuschelplätzen wohl zu fühlen. Während wir der gleichförmigen Stereo- Beschnurrung lauschen, macht unser Nervensystem den Versuch ebenfalls in leichte Entspannung zu gleiten. Der Tag war anstrengend, voll mit Triggern und die Stimmung entsprechend schnell gereizt. Immerhin aber haben wir es geschafft unser Erinnerungsglas für die verstorbenen Sternchen etwas neu zu dekorieren. Nun blicken wir auf die kleine funkelnde Lichterkette auf dem Sideboard und atmen – in den Schmerz und die kommende Nacht.

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Vielschichtige Innenwahrheiten

Unser Steißbein schmerzt vom vielen sitzen. Seit Tagen drückt es uns innerlich immer wieder bleischwer nieder. Während wir am Anfang der Woche noch zwanghaft immer wieder für Bewegung sorgten, haben wir uns heute die Auszeit einfach erlaubt. Die Frage, wie es uns geht, ist kaum zu beantworten. Wir fühlen vieles gleichzeitig. Die Spaltung wird in ihrer Gegensätzlichkeit derzeit voll spürbar. Volle Freude und tiefes Leid passieren parallel. Wie lautet die richtige Antwort auf die Frage, wie es einem geht, wenn man einerseits gerade über sterben nachdenkt, weil man vor Schmerz zerbrochen ist und andererseits gleichzeitig große Erfüllung und Lebensfreude bei anderen Tätigkeiten fühlt?

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Mutterschmerz, Trauer und Alltag ohne Kompromisse

Draußen ist es feucht. Immer wieder fällt ein schwerer Tropfen vom Himmel. Die herbstlichen Nebelschwaden des Morgens verziehen sich langsam und verschmelzen zu klarer Luft. Im großen Baum neben dem Haus zwitschern die Vögel. Der kalte Wind durch die Balkontür lässt meine Beine frösteln. Im Kopf pocht Traurigkeit. Verzweifelt knete ich das kleine Stofftier in meinen Händen. „Ich vermisse sie“, weint mein Kopf. In den Gliedern weilt reglose Starre. Manchmal schaffe ich es recht gut meinen Alltag zu regeln und mich etwas von dem Innen zu distanzieren. An anderen Tagen überrollt uns eine Welle der Emotion. Sie trifft inzwischen auch das Heute. Je näher wir uns kommen, um so weniger ist es möglich in mehreren Welten gleichzeitig zu existieren ohne sich gegenseitig zu beeinflussen. Immer mehr kann ich das akzeptieren. Es ist gut sich zu spüren, weil es gesünder ist und so fühlt es sich trotz all dem Schmerz auch an. Heute vermissen wir sie – unsere Kleinen, die einst in unserem Bauch wohnten. Mutterschmerz.

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