Ja was denn nun!? – Inneres Kind, Anteile, Ego States oder Multiple Persönlichkeit mit Innenpersonen

In letzter Zeit stößt uns die Vermischung dieser Begriffe in Internetforen oder –plattformen oft sauer auf.
Frei nach dem Motto „Sind wir nicht alle ein bisschen Multipel?“ wird munter darauf losdiskutiert, was man unter multipel sein verstehen könnte. Dabei gibt’s da unserer Meinung nach gar nicht so viel Spielraum. Entweder man ist es oder eben nicht. Die Diskussion welche Facetten man vom „Viele sein“ aus persönlicher Erfahrung kennt, erübrigt sich schlicht, wenn man es nicht ist. Und es ist aus unserer Sicht auch nicht egal, diese Begriffe einfach so miteinander zu vermischen und so zu verwässrigen, weil damit den unterschiedlichen Anforderungen von Betroffenen keine Rechnung mehr getragen wird.
„Viele sein“ ist kein lustiges Heitidei mit kleinen Innenkindern, die einfach nur spielen wollen und „Viele sein“ ist nicht ungeliebte Emotionen und Verhaltensweisen einfach auf erfundene Anteile abschieben, wie man es in manchen Internetforen langsam meinen könnte.
„Viele sein“ ist brutale Realität, die man sich nicht aussucht. Und diese Realität braucht bestimmte spezifische Dinge im Außen, die beim (Über-)Leben helfen und unterstützen, für die alle Betroffenen oft mehr als zumutbar kämpfen müssen. Wenn wir von Mutiplen Persönlichkeiten sprechen, dann haben diese die schlimmste Gewalt erlebt, die man sich vorstellen kann. Ich möchte hier keine Diskussion im Sinne von besser-schlechter, wer leidet mehr – der mit Anteilen oder der mit Innenpersonen? – oder dergleichen führen. Es geht uns schlicht darum, dass es um unterschiedliche Lebensrealitäten geht, die unterschiedliche Behandlung brauchen. Bildhaft in etwa so, als würde sich jemand den Fuß verstauchen und ein anderer sich ihn brechen. Beide haben Schmerzen an der gleichen Stelle und brauchen ohne Frage die notwendige Versorgung. Ein verstauchter Fuß tut nicht zwingend weniger weh, als ein gebrochener, nur sieht die Versorgung eben entsprechend unterschiedlich aus.
Zudem treffen wir immer wieder auf die Frage, ob es denn gut sei seinen Anteilen einen Namen zu geben oder ob man damit die Spaltung nicht noch weiter vorantreibt. Dazu wollen wir sagen, dass Multiple Persönlichkeiten erstens eben nicht irgendwelchen Anteilen Namen geben, die haben sie nämlich meist schon, oft genug auch von den Tätern bekommen. Zweitens erachten wir es für völligen Schwachsinn, dass man damit die Spaltung erweitert. Etwas Sichtbar werden zu lassen, heißt nicht, dass es größer wird, als es war, bevor man es gesehen hat.

In der Alltagsrealität erleben wir es oft, dass wir über unsere Innenpersonen reden und die Reaktion unseres Gegenübers ist: „Das kenn ich. Ich hab‘ auch so kindliche Anteile in mir.“
Die genauen Unterschiede zu erklären, fällt dann oft schwer. Wir müssen zugeben, dass wir selber zunächst doch etwas gebraucht haben, bis wir uns durch den therapeutischen Definitionswust gefunden haben.
Im Nachfolgenden versuchen wir die Begriffe „Inneres Kind“, „Anteile“, „Ego States“ und „Innenpersonen/Multiple Persönlichkeit“ einfach mal mit unseren eigenen Worten zu erklären und voneinander abzugrenzen.

„Inneres Kind“ / „Anteile“
Das innere Kind oder die Arbeit mit dem inneren Kind stellt ein therapeutisches Hilfskonstrukt dar.
Es ist eine Imagination, die wohltuend ist und bei der Heilung helfen soll. Im Grunde das gleiche Prinzip wie die „Tresorübung“ oder der innere sichere Ort.
Das innere Kind agiert nicht aktiv, genauso wenig, wie einen der Tresor von sich aus anquatscht und fragt, ob er was verschließen soll. Man benutzt die Vorstellung, wenn man sie braucht und nicht umgekehrt. Man kann sich fragen, was das innere Kind zu bestimmten Themen sagen würde, sich vorstellen, wie es reagiert oder sich fühlt und es dementsprechend in der Vorstellung versorgen. Auf diesem Weg kann eine gewisse Nachreifung von Facetten der Gesamtpersönlichkeit entstehen. Es ist jedoch nicht abgespalten und es quatscht auch nicht den Kopf voll. Wenn, dann stellt man sich vor, was es gerade sagen würde.
Bei anderen „normalen“ Anteilen verhält es sich ähnlich. Es wird sozusagen eine Facette der Gesamtpersönlichkeit für die Therapie herausgegriffen und genauer betrachtet, z.B. ein wütender Anteil oder der Berufsanteil. Es handelt sich jedoch immer um die EINE gleiche Person. Die Person weiß, dass sie manchmal kindlich, wütend, funktional, etc. sein kann und kann das auch willentlich beeinflussen.

„Abgespaltene Anteile“ / „Ego States“
Abgespaltene Anteile der Persönlichkeit entstehen durch Traumata.
Passiert ein Trauma werden die emotionalen Aspekte des Traumas abgespalten. Es entsteht also ein traumanaher Gefühlsanteil. Die betroffene Person hat in der Folge ein normales Alltags-Ich, das vom Trauma distanziert, eher betäubt und teilweise amnestisch dafür ist. Der beim Trauma entstandene emotionale Anteil trägt die emotionalen Aspekte des Traumas. Dieser taucht z.B. durch Triggerung wieder auf und schwemmt dann die Wiedererlebensqualitäten zurück ins Bewusstsein.
Die folgenden beiden Stufen der Abspaltung – Ego-States und Multiple Persönlichkeit – sind sogenannte „Komplextrauma Stufen“, d.h. Abspaltungen, die nur durch wiederholte Traumata entstehen.
Wiederholt sich die Gewalt oder die Traumatisierung, kommt es zur chronischen Abspaltung von grundlegenden Funktionen in „Teilpersönlichkeiten“, z. B.: Schreckhaftigkeit, Fluchtreflex, Kampfreflex, Schreckstarre, Unterwerfung, Rückzug nach der traumatischen Erfahrung…
Sie kommen wieder sobald der Organismus in Not gerät und das Alltags-Ich kann zunächst relativ wenig gegen diese automatischen Reaktionen tun. Man unterscheidet zwei Arten dieser „Teilpersönlichkeiten“. Die sog. „Affect States“ und die „Ego States“, also Gefühlszustände und Ichzustände.
Beispiel für einen „Affect-State“: Eine Frau leidet darunter, dass sie sehr wütend wird und ihr Gegenüber attackiert, wenn Sie unter Druck gerät und nicht weiß, wie sie diesen regeln kann. Der traumanahe Persönlichkeitsanteil „Kampf“ ist aktiviert worden, um das Problem zu lösen. Der Zustand ist aber keine „Person“, sondern ein sehr heftig und unkontrollierbar erlebter Gefühlsausbruch.
Beispiel für einen „Ego-State“: Eine Frau wirft sich in bestimmten Situationen jeden Mann an den Hals und geht mit jedem Mann ins Bett, obwohl das sonst eigentlich nicht ihrer Persönlichkeit entspricht. Der Anteil, der dann nach vorne rutscht, hat „gelernt“ sich jedem Mann anzubieten, der sie haben will.
Jeder dieser Zustände enthält nur noch bestimmte Teile und Facetten der Ursprungstraumata und nicht mehr, wie oben beschrieben, das komplette Trauma.

„Innenpersonen einer Multiplen Persönlichkeit“
Hat extreme Gewalt ihren Beginn vor dem 5. Lebensjahr, kann dies zur Entstehung einer Multiplen Persönlichkeit mit mehreren Innenpersonen führen.
Neben Persönlichkeiten, die Aspekte der erlittenen Traumata tragen, entstehen hier, im Gegensatz zur Ego-State-Disorder, auch mehrere Persönlichkeiten, die keine traumatischen Erinnerungen oder traumanahen Zustände tragen, sondern andere Funktionen für das System übernehmen und sich Alltagsaufgaben teilen. Sprich, hier war das Leben so unerträglich, dass es nicht nur mehrere Persönlichkeitsanteile brauchte, um die Traumaerfahrungen aufzuteilen, sondern auch mehrere Personen, um den Alltag zu bewältigen. Bei der DIS kann es auch zu Mischungen von alltags- und traumanahen Anteilen kommen, z.B. eine harte, wütende Alltagspersönlichkeit oder eine sensible, fürsorgliche Alltagspersönlichkeit.
Jede/r dieser Persönlichkeiten hat im Laufe der Zeit Seine/ihre eigene „Lebensgeschichte“, eigene Ansichten, Charakterzüge, Aufgaben und Vorlieben entwickelt. Die ursprünglichen Anteile haben sich also immer weiter ausdifferenziert und sind zu eigenständigen Innenpersonen geworden.
Wir persönlich mögen die Bezeichnung als vollabgespaltene Persönlichkeitsanteile hier nicht, weil es für uns schlicht nicht stimmt und nicht zu unserem Erleben passt.
Die Dissoziation ist so tiefgreifend, dass es auch im aktuellen Alltagserleben und nachdem die Gewalt zu Ende ist zu Zeitlücken kommt. Bei Wechseln von einer Persönlichkeit zu einer anderen kommt es oft zu Amnesien. Die Eine weiß dann nicht, was die Andere tut oder in der Zwischenzeit getan hat, bis sie wieder vorne ist.
Der Wechsel zwischen den Persönlichkeiten ist hier meist nicht mehr willentlich beeinflussbar.

Soweit also nun zunächst unsere Erklärungen. Wir hoffen sie sind verständlich und wir haben nichts wichtiges vergessen!
Sonst dürft ihr auch gerne Fragen stellen, wir versuchen es dann so gut wir können zu erklären.
Das Alltagserleben von multiplen Persönlichkeiten wollen wir eventuell demnächst noch etwas genauer beschreiben, weil wir gemerkt haben, dass es doch recht schwer ist, das so kurz zu fassen.

Quellen:
Viele sein – Ein Handbuch (M. Huber)

Innenkindfreude

Ganz zart und glücklich schob sich ein Gefühl in meinen Kopf.
„Wir essen nachher etwas.“, stellte das Innenkind überglücklich fest.
Erstaunt über diese große Freude wegen der Tatsache, dass wir etwas essen, horchte ich genauer nach innen.
„Na, wir essen nachher Knödel. Wir müssen heute gar nicht hungern. Wir dürfen einfach essen.“, hopste es fröhlich weiter.
Angesteckt von dem Glück und der Freude, die dieses Innen verbreitete, stellt sich auch für mich einen Moment lang Wohlgefühl ein.
Wir genießen es. Gemeinsam.
Manches scheint so selbstverständlich und hat doch so große Bedeutung…

Sommersonnwendasche und Selbstmachfest

Das zweite Jahr ist es nun, dass wir uns am 21.Juni im Garten unser ganz eigenes Feuer schüren.
Es tut uns gut, diesen Tagen unsere eigene Bedeutung zu geben. Heute unsere ganz eigenen Feste zu feiern.
Wir sind froh, dass uns in diesen Nächten nichts passiert.
Für einen Moment denken wir an die Kinder und anderen involvierten Opfer die schreckliches erleiden und hoffen, dass die Qualen für sie bald ein Ende haben, dass sie so schnell wie möglich den Weg raus aus der Gruppierung finden, dass sie auf Menschen treffen, die sehen und helfen.
Und dann singen wir unsere Lieder, laufen um unser Feuer und springen schließlich auch darüber. Nach altem Brauch soll der Sprung über das Sonnwendfeuer heilsam sein und Blockaden und Krankheiten aus der Aura entfernen. Wir stellen uns vor, wie wir von dem Feuer liebevoll gereinigt, geschützt und geheilt werden. Wir spüren angenehm die Wärme, die davon ausgeht und uns in der kühlen Dämmerung berührt. Wir genießen das Gefühl mit der Erde verbunden zu sein. Wir spüren uns selbst und freuen uns über die Helligkeit und das Licht dieses Tages.
Eine Zeit lang sehen wir einfach nur den Flammen zu, bis es uns doch zu frisch wird und wir nach drinnen gehen.
Das Feuer und die Glut lodert noch länger weiter. Immer wieder beobachten wir es vom Fenster aus. Es wird noch dauern, bis alles endgültig erlischt.
Morgen früh werden wir dann die Asche in Gläser füllen.
Die Asche des Sonnwendfeuers gilt als gutes Mittel gegen Brandwunden und wird bei Bedarf einfach auf die betroffene Körperstelle aufgetragen. Durch das Feuer ist die Asche weitestgehend steril und man muss keine Angst vor „Dreck in der Wunde“ haben.
Man kann auch eine kleine Menge mit etwas Olivenöl vermengen. Die kühlenden Mondkräfte, die dem Olivenöl zugesprochen werden, helfen nach altem Rezept zusätzlich bei der Heilung.

Kleines 1×1 zum Umgang mit Therapeuten, die gerade von einer Fortbildung oder Supervision kommen ;-)

Kurz vorab: Wir möchten betonen, dass der folgende Text mit einem lächelnden Augenzwinkern geschrieben ist und wir den Einsatz und die Fortbildungsbereitschaft zum Thema „Multiple Persönlichkeit“ und „Rituelle Gewalt“ sehr schätzen. Auch wir haben durchaus davon profitiert und wären ohne den unermüdlichen Einsatz unserer Therapeutin heute sicher nicht da, wo wir jetzt sind. Trotzdem gibt es einige Supervisions- und Fortbildungsreaktionen, die uns immer wieder begegnet sind, über die wir teils schmunzeln mussten, mit denen wir teilweise aber auch richtig zu kämpfen hatten. Aus aktuellem Anlass, haben wir nun also diesen nicht an jeder Stelle ganz ernst gemeinten Survivalguide für die ersten Therapiestunden danach verfasst:

Es ist mal wieder so weit. Die Therapeutin kommt von der Fortbildung oder Supervision zurück, auf der sie versucht hat herauszufinden, wie sie Ihrer Patientin mit ritueller Gewalterfahrung noch besser helfen kann. Im Gepäck viel neues Mal-mehr-mal-weniger-(Schein)Wissen, das in die Tat umgesetzt werden will und oft eine zutiefst verunsicherte Therapeutenseele, die sich fragt, ob sie bisher wirklich so viel übersehen und falsch gemacht hat, dass sie es jetzt auf jeden Fall gleich viel besser machen will. Aber wie gut, dass die Kollegen, da mehr Erfahrung hatten. Trotz aller entstandenen Selbstzweifel ist sie überglücklich, dass sie jetzt die Lösung für so lange unlösbar erscheinende Probleme kennt. Puh, na endlich…
Und da beginnen sie, die Therapiestörungen.
Wie also jetzt mit der Therapeutin umgehen, um ihr schonend beizubringen, dass vieles von dem, was sie jetzt für die absolute Lösung und Erleuchtung hält, so nicht umzusetzen ist, weil ein individueller Mensch vor ihr sitzt und kein Lehrbuchdummy? Wie erklären, dass die Theorie wirklich mega ist, die Praxis aber weniger? Wie ihr leidendes Selbstvertrauen wieder soweit aufbauen, dass Sie einfach wieder ihren eigenen Gefühlen vertraut? Immerhin kennt sie euch ja persönlich und nicht ihre hochgeschätzten Kollegen. Wie ihr liebevoll beibringen, dass nicht alles umsonst war? Wie selbst dabei den Kopf oben behalten und nicht in dem, was da so auf einen einstürmt, untergehen?

1. Bleibt ruhig!
Das ist besonders wichtig! Atmet erst einmal tief ein und aus. Was euch jetzt erzählt wird, scheint euerer Therapeutin vielleicht als der Rettungsanker oder Lösungsansatz schlecht hin. Vielleicht erzählt sie euch auch von Gruppenstrukturierungen oder anderen Dingen, bei denen dir und den Innies nur so die Ohren schlackern, Fragezeichen um den Kopf schwirren oder die so für euch einfach schlicht nicht stimmen. Lasst ihr für einen kurzen Moment die Freude, bevor ihr sie wieder mit der harten Realität konfrontiert.

2. Fange nicht an, an dir/euch zu Zweifeln
Manchmal ist es nicht leicht in dem Durcheinander der Therapeutin die Übersicht zu behalten. Wenn ihr dann noch die neuesten Erkenntnisse präsentiert bekommt, wie das Leben bei anderen Multis angeblich funktioniert und ihr euch darin so gar nicht wiederfindet, ist es ganz schön schwer nicht in eine Zweifelkrise abzurutschen. Doch denkt an Punkt 1 und bleibt ruhig! Ihr werdet die Gelegenheit bekommen, euere Sicht der Dinge darzulegen. Und ihr seid ein Individuum. Das ist auch bei Multis so!

3. Bestätigt euerer Therapeutin, dass es wirklich toll ist, dass sie sich so fortgebildet hat
Lob ist für die zarte Therapeutenseele sehr wichtig! Drum bestätigt sie in ihrem Tun. Sagt ihr, dass ihr es schätzt, dass sie sich so bemüht und was ihr sonst noch so gut findet. Schließlich soll sie ja nicht demotiviert, sondern nur zurück auf eine zusammenarbeitsfähige Spur gebracht werden. Seid einfühlsam, versteht ihre Not und zeigt Verständnis.

4. Übt sanfte Kritik
Jetzt, wo die Therapeutin ausreichend stabil erscheint, ist endlich der Moment gekommen, in dem ihr anfangen könnt, in euerem Sinne Kritik zu üben oder die neuen Arbeitsweisen gezielt zu hinterfragen. Geht dabei unbedingt sanft vor. Therapeuten sind empfindliche Wesen, die nicht destabilisiert werden sollten!

5. Gebt ihr Zeit damit umzugehen
Es wird vielleicht etwas dauern, bis sie mit der Verunsicherung, die die ganzen neuen Einblicke hinterlassen haben, umgehen kann. Sie hat etwas über Gewalt und Hintergründe erfahren und ihr Weltbild wurde erschüttert. Habt Geduld. Sicher ist bald schon wieder alles gut!

6. Helft euerer Therapeutin das neu gelernte zu integrieren
Zeigt ihr, wie sie das theoretisch gelernte sinnvoll einsetzen und mit der individuellen Person, die vor ihr sitzt, verbinden kann. Lasst Sie mit dem neuen Wissen nicht alleine stehen, denn sie kann oft zunächst nichts damit anfangen, weil ihr dafür schlicht die Einblicke fehlen. Helft ihr also einzuordnen. Erklärt ihr, was gut ist und was nicht und warum. Sagt ihr, dass die Fortbildung oder Supervision nicht umsonst war. Zeigt ihr ihre „Therapiefortschritte“ auf.

7. Bringt ihr bei auf Ihr Gefühl, Ihr Wissen und Ihre innere Stimme zu vertrauen
Wenn ihr das schafft, habt ihr viel gewonnen! Für jetzt und für alle zukünftigen Fortbildungen und Supervisionen. Zeigt ihr, dass Sie, selbst wenn sie Anfänger ist, therapeutisch diejenige ist, die in der Arbeit mit euch am besten weiß was zu tun ist, weil sie euch kennt. Ebenso seid Ihr die Experten für euere Geschichte und was für euch wirklich hilfreich ist. Das wird sie also nur von euch erfahren. Ermutigt sie im persönlichen Umgang mit euch bei Ihren eigenen Eindrücken zu bleiben, das Gespräch zu suchen und euch nicht aus Unsicherheit irgendetwas überzustülpen.

8. Ihr seid ein Individuum, das individuelle Behandlung erfordert
Ein wichtiger Punkt, der gerade bei überlebenden von Ritueller Gewalt gerne übersehen wird. Auf der Fortbildung hat sie z.B. gehört, dass Täterkontakt bei euch wahrscheinlich ist und ihr habt euere liebe Not ihr jetzt beizubringen, dass bei euch gerade aber keiner besteht und ihr trotzdem instabil seid. Oder es gibt eine wunderbare neue Übung, wie man belastende Dinge einfach wegpacken kann und es will bei euch einfach gar nicht funktionieren. Der Beispiele gibt es noch viele. Macht ihr klar, dass auch multiple Menschen individuell sind und jeder eine individuelle Geschichte hat. Oft leider gar nicht so leicht… Doch wenn ihr es geschafft habt, dass sie sich ihr eigenes Bild macht und die Behandlungsschritte/Methoden mit euch erarbeitet, habt ihr einen weiteren großen Meilenstein geschafft.

9. Lobt euch selbst, dass ihr diese schwierige Phase mit euerer Therapeutin durchgestanden habt
Vergesst euch nicht selbst und lobt euch auch! Denn es war anstrengend. Ihr habt einen Menschen durch eine schwierige Phase seines Lebens begleitet. Das ist nicht selbstverständlich!

10. Lobt euch gegenseitig, dass ihr zusammen geschafft habt, dass euer Verhältnis weiter gut ist
Es ist so schön am Ende festzustellen, dass die Beziehung nicht kaputt gegangen ist und vielleicht sogar noch etwas enger geworden ist, weil ihr euch aufeinander eingelassen habt. Respekt!

Und zum guten Schluss genießt einfach die Zeit bis zur nächsten Fortbildung oder Supervision… 😉

Was, wenn das Trauma einfach keinen Urlaub macht…!?

Seit über einer Woche versuchen wir nun einfach einmal Pause zu machen.
An nichts zu denken, was mit früher zu tun hat. Auszuspannen. Etwas runter zu kommen. Uns auf die Gegenwart zu konzentrieren. Das Viele-Sein in der Jetzt-Zeit zu erforschen.
Helferinnen machen Urlaub, dann machen wir es auch. Soweit der Plan.
Unser Verstand hat das wohl sofort begriffen und auf Funktionsmodus umgestellt. Unsere Seele findet die Idee bekloppt und macht da leider nicht mit. Denn wenn schon Ruhe einkehrt, dann ist ja richtig viel Platz und Zeit und Raum da, um auch mal zu ihr hin zu schauen. Hmpf…
Und dann ist da noch die lästig anstrengend gefährliche Sache mit den Programmen… Die machen auch keinen Urlaub.
Und nun?
Was, wenn die Katze schon einfach keine Lust mehr hat Reorientierungsgekrault zu werden?
Was, wenn der Kopf vor Überflutung zu platzen droht?
Was, wenn alles innen schreit, reden zu müssen, aber grade einfach keiner da ist?
Was, wenn alle Kindermalbücher dieser Welt ausgemalt werden könnten und der Schmerz dadurch trotzdem nicht beherrschbar kleiner wird?
Was, wenn die Programme nach Ausführung rufen und wunderbaren zusätzlichen Zündstoff in der „Es-ist-ja-eh-keiner-da-und-du-bist-alleine-Situation“ finden?
Was, wenn alle verbleibende Logik zu versagen droht, weil die Gefühlstiefen davon unerreicht bleiben?
Was, wenn die Versuche innerer Konferenzen zu Schlacht- und Minenfeldern werden?
Wir müssen ausharren. Versuchen es irgendwie zu schaffen.
Atmen. Weinen. Zusammenbrechen. Weitergehen.
Und irgendwo da innen ist bei alle dem solche Wut.
Wut, dass diese Arschlöcher das alles mit uns gemacht haben. Wut, dass das was sie getan haben noch immer ein Stück weit in uns wirkt. Wut, dass sie glücklich und völlig ungehindert druch’s Leben gehen.
Was für uns bleibt ist wenigstens zu versuchen, es uns ein bisschen schön zu machen. Der Versuch uns zu erlauben, das tun zu dürfen, ohne in Panik unterzugehen.
Mit der Hoffnung, dass wir es schaffen und bald nicht mehr allein sind.

Reorientierungswiesen

Copyright by "Sofies viele Welten"

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Nicht weit von unserem zu Hause lebt eine naturbelassene Wiese, die meist nur einmal im Jahr gemäht wird und auf der es deshalb so einige Dinge zu entdecken gibt, die man sonst hier nur noch selten sieht.
Also los raus. Ein paar Fotos machen. Die Ausstrahlung der Natur geniesen. Den Moment wiederfinden.
Vertrauen, dass die Erde trägt.
Und Stück für Stück hangeln wir uns an den Details der Wiese entlang. Den Blüten, den Blattformen, den Tieren.
Den sanften Wind im Haar.
Sehen die Schönheit, die uns für einen Augenblick von der Vergangenheit befreit.
Stehen mitten in den Reorientierungswiesen und der Natur.
Genießen.
Und Atmen.

Irgendwie Anders

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Das „Irgendwie Anders“-Buch ist seit Langem eines der absoluten Lieblingsbücher der kleinen Innenpersonen hier.
„Sosehr er sich auch bemühte, wie die anderen zu sein, Irgendwie Anders war irgendwie anders. Deswegen lebte er auch ganz allein auf einem hohen Berg und hatte keinen einzigen Freund. Bis eines Tages ein seltsames Etwas vor seiner Tür stand. Das sah ganz anders aus als Irgendwie Anders, aber es behauptete, genau wie er zu sein…“
Wir empfinden es als ziemlich untriggernd und die Bilder zu den Texten sind toll gezeichnet. Zudem macht es auf so wundervolle und witzige Weise einfach Mut so zu sein, wie man ist.
Weil die letzte Zeit so schwer war, besitzen die Kleinen seit heute ein eigenes Exemplar, das sie  jederzeit anschaun und lesen können, quasi als Hilfe die seelische und körperliche Durststrecke besser zu überstehen.
Das folgende Zitat stammt aus diesem Bilderbuch: 🙂

„Und ehe Irgendwie Anders auch nur bis drei zählen konnte, war es schon im Zimmer…
…und setzte sich auf die Papiertüte.
„Kenn ich dich?“, fragte Irgendwie Anders verwirrt.
„Ob du mich kennst?“, fragte das Etwas und lachte.
„Natürlich! Guck mich doch mal ganz genau an, na los doch!“
Und Irgendwie Anders guckte.
Er lief um das Etwas herum, guckte vorn, guckte hinten. Und weil er nicht wusste, was er sagen sollte, sagte er nichts.
„Verstehst du denn nicht!“, rief das Etwas. „Ich bin genau wie du! Du bist irgendwie anders – und ich auch.“
Und es streckte wieder seine Pfote aus und lächelte.

Wie es mit den beiden noch weiter geht und was Irgendwie Anders und das Etwas sonst noch so erleben, können wir leider nicht alles schreiben und die Bilder dazu leider auch nicht mit einstellen. Wir hoffen aber, der kleine Ausschnitt bringt euch auch etwas zum schmunzeln.
Wie uns. 🙂

Wer bin ich hinter den Masken?

„Wer bin ich hinter den Masken, die ich allen zeige?

Ein Spiegelbild, das lächelnd von der Hölle erzählt.

Hilflose Wut, die sich in einem Aufschrei entlädt.“

(Gefunden als Signatur im Forum „Tagebuch der Engel“ unter dem Nickname „Tränchen“, ansonsten leider ohne weitere Angaben zum Autor)

Wenn Dissoziation dissoziiert ist…

Immer wieder kamen die Zweifel nachdem ich/wir vor einigen Jahren die Diagnose, dass wir viele sind erhalten hatten.
Bin ich wirklich viele? Bin ich’s nicht? Bilde ich mir das alles nur ein?
Ich schreibe hier aus meiner Sicht. Aus der Sicht einer Alltagsperson.
Die Zweifel haben mich so in Schach gehalten, dass immer wieder wertvolle Zeit in der Therapie dafür draufging/geht, über die Zweifel an der Diagnose zu reden, statt mit dem Innen zusammenzuarbeiten und so vielleicht wichtige Lösungen zu finden.
Alles scheint unecht. Oft wie im Traum. Nicht greifbar. Wie ein Geist, den man nicht zu fassen bekommt.
Wer bin ich und wenn ja wie viele!?

Erinnerungslücken – hab ich nicht. Behauptete ich zumindest oft standhaft.
Und Innenpersonen/ innere Stimmen – die sind zwar irgendwie da, aber wahrscheinlich denk ich sie mir nur aus, um mich wichtig zu machen.
Erinnerungen waren da und doch nicht da. Ich hörte die Leute in meinem Inneren, aber es schien gleichzeitig so unwirklich, dass ich es als Einbildung abtat und Erklärungen dafür suchte, warum ich mir das einbildete.
Ich dissoziierte. War oft wie im Nebel. Bekam alles nur aus einer gewissen Entfernung mit, aber ich bemerkte es nicht. Es war so normal, dass ich nicht mitbekam, dass das Dissoziation ist, weil das ja mein normales „sich fühlen“ war.
Ähnlich war es auch mit den Innenpersonen. Das Leben mit ihnen und den damit verbundenen „Zuständen“ war so alltäglich, dass ich sie teilweise schon gar nicht mehr bemerkte. Als ich noch nichts von der DIS wusste, waren da eben diese komischen „Gedanken“, die sich immer wieder in meine schoben. Sie waren mir zwar fremd, aber ok, dann sind in meinem Kopf eben fremde Gedanken. Irgendwie wird es schon zu mir gehören, denn sonst wären die Gedanken ja nicht in meinem Kopf… Ich versuchte dem keine weitere Beachtung zu schenken, auch wenn es mir manchmal doch Angst machte. Die Stimmen in meinem Kopf waren einheitsmatschiges nebliges Gedankenfließen und wenn sie für mich doch einmal als Person erkennbar wurden, dann schien es so unwirklich, dass ich dachte es seien Rollen in die ich schlüpfe. Manchmal hatte ich das Gefühl ein einziges Rollenspiel zu sein, das ich nicht steuern konnte.
Ich konnte die Dissoziation und alles was damit zusammenhing nicht als Dissoziation greifen.
Es war normal und damit nicht vorhanden. Ich war dauerdissoziativ. Ich war wirklich unwirklich.
Das Viele-sein war für mich auch deshalb so ungreifbar, weil dazu ja wohl Dissoziation gehört, die ich aber an mir selbst nicht wahrnehmen konnte, weil ich sie dissoziiert hatte.

Vor einiger Zeit fingen diese dissoziativen Barrieren im Inneren dann an durchlässiger zu werden. Manchmal gab es jetzt kurze Momente, in denen ich weniger dissoziierte. Ich spürte plötzlich Teile meines Körpers. Gefühle kamen zurück. Alte Erinnerungen. Ich wurde sensibler für mich. Ich nahm mehr war. Vieles wurde sehr viel anstrengender, weil ich jetzt plötzlich Angst vor Dingen hatte, bei denen ich vorher nicht mal mit der Wimper gezuckt hätte. Normale alltägliche Aufgaben, wie Einkaufen oder mit Bekannten essen gehen, die ich bis dahin mal eben einfach so erledigt habe, wurden von heute auf morgen zu Mammutaufgaben, die teilweise unlösbar erschienen.

Je mehr von meinen Gefühlen und Erinnerungen zurückkommt, umso mehr stelle ich fest, dass ich tatsächlich vergesse/vergessen hatte, dass da tatsächlich Lücken sind und dass manche Dinge sich tatsächlich einfach schrecklich anfühlen.  Ich nehme zunehmend war, dass die Innenpersonen wirklich da sind und keine hinter Nebel, der unwirklich macht, verborgenen Gedankenfetzen meines Selbst. Es ist immer weniger ein „Huch, da ist was! Oder doch nicht!?“, sondern mehr ein „Huch, da ist ja tatsächlich was!“. „Hey, ich dissoziiere ja tatsächlich!“ „Hmm, da hab ich wohl wirklich was verpasst…!“ In kleinen Momenten spüre ich und kann zulassen: „Es stimmt. Ich bin tatsächlich viele.“
Ich versuche zu spüren, zuzuhören und dabei nicht verrückt zu werden.
Durch die Momente, in denen ich weniger dissoziiere gibt es plötzlich „Vergleichswerte“ durch die es für mich überhaupt erst möglich ist festzustellen, dass die Wirklichkeit von früher unwirklicher war, als gedacht. Plötzlich wird mir dann die Dissoziation bewusst. Gleichzeitig schwinden dadurch langsam meine Zweifel. Wenn die Erinnerungen wiederkommen, kann ich sehen, dass da offensichtlich vorher eine Lücke war, die mir bislang gar nicht bewusst war. Wenn ich fühle, bemerke ich plötzlich, dass etwas viel zu viel ist. Bis dahin weiß ich oft nicht, dass ich nicht weiß…
Die Dissoziation schützt vor Unerträglichem. Und weil es so unerträglich ist, dass es so unerträglich war, dass ich dissoziieren musste, schützt sie mich gleich vor sich selbst auch mit.
Eigentlich genial…
… wenn es dann nicht so schwer wäre sich selbst zu vertrauen und zu schützen.

Wortbeschreibungslos

Manchmal ist es nicht einfach die richtigen Worte zu finden,
das auszudrücken, was so tief im Innen bewegt, dass es im Außen nicht mehr greifbar ist.
Es rinnt durch die Hände des greifbaren Verstandes.
Mir fehlen die Worte.
Wurden sie noch nicht geschaffen oder finde ich sie einfach nicht?
Für die derzeitigen Abgründe und Höhenflüge meiner Seele gibt es gefühlt nichts, was absolut treffend beschreibt. Keine Begrifflichkeiten die darstellen und greifbare Bilder der inneren Wirklichkeit schaffen. Sichtbar und verständlich für mich und für das Außen.
Wie kann etwas Wirklichkeit oder ein Stück Realität werden, wenn doch Worte das Medium sind, das ausdrückt, das Wirklichkeiten schafft, aber die Worte einfach fehlen!?
Bin ich unreal? Gibt es mich gar nicht? Gibt es den Zustand in dem ich bin gar nicht?
Ungreifbar.
Ich spreche etwas aus. Ich schaffe eine Realität. Ich fasse in Worte. Ich gebe Gestalt. Mache greifbar und verständlich.
Doch in Bezug auf mein derzeitiges Befinden, auf mein derzeitiges Sein, fehlt diese Wortgestalt.
Es bleibt eine leere Hülle, die nicht mit greifbarem beschrieben werden kann und doch so furchtbar  vollgefüllt und belebt ist.
Wortbeschreibungslos.