Flügel im Käfig

„Wenn man mit gebrochenen Flügeln in einem Käfig sitzt,
kann einem Freiheit wie ein unerreichbarer Schatz erscheinen.

Ich weiß das, weil ich selbst in einem Käfig gesessen habe.“

Beth Kempton

Manchmal scheint das, was man erreichen möchte so unendlich fern.
Das Zielbild klar vor Augen, aber keine Ahnung, wie man es erreichen kann oder soll.
Die Flügel tun weh und die Angst überhaupt nocheinmal darüber nachzudenken und den Träumen nachzufliegen ist rießig, vor lauter Panik vor erneuter Verletzung und dem zerreißenden Schmerz, den jeder Gedanke, wie ein Finger auf altfrischen Wunden, auslöst.
Am liebsten würde man sich dann einfach nur verkriechen und nie wieder irgendetwas tun.

Die Käfige unseres Lebens haben sich im Laufe der Zeit verändert.
Zuerst waren die Gitterstangen hart wie Stahl und von außen fest betoniert.
Dann hatten wir manchmal Freigang mit den zerschundenen Flügeln, die Täter uns gebrochen hatten und die verhindern sollten, dass wir nicht mehr zurückkommen und uns anders entwickeln.
Irgendwann waren die äußeren Grenzen aufgebrochen, aber der Gedankenkäfig blieb, flügelzertrümmernde Gedanken hielten uns im Zaum, wo vorher Täter standen und die Wunden durf-konnten nicht heilen. Manchmal kam es mir so vor, als wären diese Grenzen noch aus viel härterem und unüberwindbarerem Material als die Stahlgitterstangen zuvor.

Seit zwei Tagen fliegen wir.
Erstaunt wie ein Vogelkind, das aus dem Nest fällt, reflexartig anfängt mit den Flügeln zu schlagen und fasziniert von sich und den eigenen bislang unentdeckten Fähigkeiten ist.
Vorher hatten wir gar nicht bemerkt, dass die Flügel Stück für Stück nachgewachsen waren.
Groß und Stark und fähig uns ein Stück zu tragen.
Aber nicht nur nachgewachsen.
Es stecken auch völlig neue Federn drin und sie sind bunter und besonderer, als sie es jemals waren.
Für den Moment fühlen wir Glück.

Wir glauben, dass jeder Mensch Flügel hat.
Selbst, wenn er sie nicht bemerkt.
Wenn sie gebrochen und zerschunden scheinen.
Wenn er sie aus Angst abgelegt hat.
Wenn alles sinnlos und ohne Hoffnung scheint.
Und der ureigenste Instinkt, der in den Flügeln steckt, ist es zu heilen.
Schwingen zu können und zu fliegen.
Und wenn wir sie mit unserem Bewusstsein nicht lassen, dann versuchen sie es heimlich.
Immer wieder.
Jemand oder etwas, das so viel Heilungsinstinkt hat, ist nicht krank oder gebrochen.
Der ist nur vorrübergehend nicht erreichbar.
Zum Kräftesammeln und Flügel aus Tränen kleben.
Glitzerfunkelnde Tränenfedern, neben hoffnungslachendem Gefieder.

Man kann Menschen nicht ihre Flügel nehmen, nur den Glauben in ihre Tragfähigkeit.

Vatertag

Die Gedanken im Kopf sind diffus.
Das Grauen schlägt immer wieder durch graue Löcher in der Nebelwand des Lachens.
Das scheinbar normale Leben bröselt an Tagen wie diesen.
Bis zum Mittag halten uns Gedanken und Bilder regungslos im Bett gefangen, ehe wir den Tag beginnen und versuchen unsere Synapsen doch noch zum lernen zu bewegen. Doch wo sollen die Zahlen, Daten und Definitionen hin, wenn ihr Speicherplatz gerade von anderen Fakten eingenommen wird. Es sind vergangene Fakten, eigentlich. Für uns werden sie in diesen Momenten gegenwärtige Realität.
Vatertag.
Wir leben in einer Welt, in der es für uns nie einen Vater gab, weil sein Vater-sein darin bestand, uns zu missbrauchen, zu foltern, abzurichten und möglichst gewinnbringend an andere weiterzuverkaufen. Ein Kinderleben als nüchternes Wirtschaftsgut und Objekt der unterschiedlichsten Bedürfnisbefriedigungen.
Wie gut für die Täter, dass man zudem unter dem Deckmantel von menschengemachter Religion so ziemlich alles rechtfertigen kann.

Was soll nun dieser Vatertag für uns bedeuten?!

Wir stellen fest, dass wir es unglaublich schön finden, dass es tatsächlich Väter gibt, die den Mut haben Ihre Kinder mit aller Liebe, Respekt, emotionaler Zuwendung und Wertschätzung großzuziehen. Dass es Väter gibt, die den Mut haben gefühlvoll und sanft zu sein und ihren Kindern damit alle großen Stärken, die sie zum Leben brauchen vermitteln.
Und wir finden, dass es noch mehr davon geben müsste und man denen die es schaffen einen Orden verleihen sollte, weil sie damit so viel wertvolles für ihre Kinder, aber auch für eine gesunde Gesellschaft leisten.
Danke euch liebevollen Vätern da draußen für die großartige Arbeit, die Ihr leistet! 🙂
Danke, dass wir beim beobachten auch ein Stückchen Heilung bekommen, weil wir sehen, dass es auch anders geht und Männer doch auch anders sein können…

Wir stellen fest, dass wir traurig sind.
Darüber, dass wir selbst nie einen Vater hatten.
Darüber, dass wir sein Wunschkind waren, um eine Leibeigene für die Auslebung sämtlicher Gewalt- und sexueller Phantasien zu produzieren.
Und dass es immer noch viel zu viele Väter gibt, die mit dem, was sie ihren Kindern antun, ungeschoren davon kommen.
Und dass es immer noch viel zu leicht ist ein Kind auszubeuten und zu verkaufen und viel zu wenig hinterfragt wird.
Und wir sind wütend, dass sich manche Väter diese Rechte über unschuldige, schutzbefohlene Kinder herausnehmen.
Und wir hoffen, dass immer mehr Opfer den Mut finden zu reden und anderen Opfern damit Mut machen es Ihnen gleich zu tun und die Gesellschaft irgendwann nicht mehr in der Lage ist derartige Gewalt und Missbrauch in Familien zu leugnen, dass denen die sich an ihren Kinder vergangen haben irgendwann das Handwerk gelegt werden kann.

Ihr gewalttätigen Väter da draußen zieht euch warm an!
Euere Kinder sind mutiger, als ihr es je vermutet hättet.

Herzeis im Aprilschnee

Zarte Schneeflocken taumeln vom grauen Aprilhimmel und bedecken mit weiß-wässriger Schicht das zarte Grün und die roten Tulpen und die gelben Narzissen und alles was schon angefangen hatte zu leben unter ihrer schmelzrig, fragilen Eisigkeit. Die feinen hellen Triebspitzen der Bäume scheinen sich nicht über das Kalt zu wundern, mit dem sie begrüßt werden. Von Zeit zu Zeit schütteln sie sich ein bisschen im Wetterschauspiel und schaffen sich damit Platz unterm Schneematsch, der plump zu Boden fällt und sich von dort aus überlegt, ober er nun ganz tauen mag oder in seiner weißklumpigen Gestalt noch etwas auf der Erde verweilt.
Hinter den Wolken sieht es nach Sonne aus und unter dem Schnee nach grünem Leben.
Meint man.
Wir fühlen uns etwas wie die zarten Pflänzchen im Garten, die gerade voll Mut damit begonnen hatten ihre Spitzchen doch wieder wachsen zu lassen und darauf hofften, dass jetzt die Sonne und das Leben kommt.
Es war Urlaub, es war frei, es gab Zeit, Menschen und Situationen, die uns wie die Sonne waren, die uns aus unserer Hülle lockte. Die Seele atmete schrittweise erst kleine, dann größere Luftzüge und vergaß dabei zeitweiße das erstickende Blau, das der Alltag und die Erinnerungen ihr oft überzogen. Sie lachte.
Beim Augenaufschlag heute Morgen war dann plötzlich alles anders.
Wie das Wetter.
Der Tag begann mit einem „Ich kann nicht mehr“.
Um unser Herz war es, als hätten uns die Schneeflocken mitten in die Seele geschneit und fröstelnd alles Lebendige zugedeckt. Das Bunt der letzten Tage in uns schien plötzlich grau wie der Himmel.
Tränentropfende Einsamkeit lag auf unserer Gefühlswelt.
Nichts macht Sinn, alle haben uns vergessen, keiner mag uns…
Unser Zustand ebenso wenig erklärbar, wie die Wetterwechsel im April.
Innere Getriebenheit.
Wir fühlen nicht nur einfach so, wir können gar nicht anders.
Wenn Emotionen plötzlich umschwenken und in uns nicht weichen wollen, trotz aller logischer Erklärungen aus der Gegenwart, trotz allem gesehen werden, trotz aller Ablenkung und wir dennoch das Gefühl haben, wir zerfetzten an einem Umstand, ist allzu oft das Trauma am Werk.
Gerade weiß ich nicht, was es in uns diesmal hat schneien lassen und den Wintereinbruch im Frühjahr brachte.
Ich weiß, dass Ostern ist, dass ich geträumt habe, ehe ich aufgewacht bin, wenn auch nicht mehr genau was und dass die Vergangenheit heute mit Bildern und Emotionen sehr eindrücklich an unsere Gegenwartstür klopft.
Ich weiß, dass wir bei allem was wir erlebt haben oft Schwierigkeiten mit unserer Umwelt haben und manche Dinge einfach nicht gut können.
Genau so ist es aber auch die Umwelt, die uns beeinflusst und es uns oft schwer und manchmal auch leichter macht.
Allzu oft ist es nicht leicht dann abzuschätzen, ob der Auslöser in uns oder im Außen, allein in der Vergangenheit oder in der Gegenwart oder in beidem liegt.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht so wichtig, weil ohnehin alles zusammenwirkt.
Heilung heißt wohl auch in guter Beziehung zu sein.
Die Wolken werden nie ihr Potenzial verlieren es schneien zu lassen, auch nicht im Sommer. Ein Stück tragen sie die Tropfen in ihnen am Himmel entlang. Der Rest liegt an der Umwelt und was sie daraus macht.

Karfreitag mit Holundersekt

Es ist Karfreitag.
Mal wieder.
Diesmal haben wir vorgesorgt.
Die kollektive Tristesse und Selbstkasteiung, die sich bei vielen gläubigen Christen aus unserer Umgebung über den Tag legt, machen wir nicht mit. Dennoch triggert sie.
Traurigkeiten gibt es in unserem Leben schon genug. Im Jahr 2017 lassen wir uns nicht mehr vorschreiben, wann wir etwas zu tun und zu lassen haben, schon gar nicht von einer Religion.
Die Emotionen sind aufgewühlt.
Lange genug haben wir um diese Feiertage gehungert, weil wir damit auf die bevorstehenden Rituale vorbereitet wurden.
Heute Morgen gab es Kakao für die Kleinen.
Später ein Glas Holundersekt für uns alle.
Wir haben überlebt.
Wie leben.
Und das tun wir so, wie wir es wollen! 🙂

Osterwochendienstag

Kaum war die letzte Woche geschafft und der Osterurlaub erreicht, sind wir auch schon mitten drin im Feiertagsregen.
Wir merken wie es im Innen arbeitet, auch wenn wir versuchen uns im Außen mit Angenehmen zu beschäftigen.
Gut, dass die Sonne scheint. Das tut dem Gemüt und den verspannten Muskeln gut, die nach den wärmenden Strahlen lechzen.
In der milchigen Frühe jetzt ein paar aktuelle Gedanken für den Blog zusammenreimen und sie möglichst sortiert zu einem Beitrag abfischen. Wir fischen im Nebel, denn nicht nur der Morgen ist milchig, sondern auch die spinnfädenartig, dissoziationsumwobenen Gedankenräume, durch die das aufgehende Sonnenlicht nur schwerlich ins Innere fällt. Die Bewegungen sind lansam, die Welt traumhaft, unser Sein eingefroren. Dennoch bleiben von Zeit zu Zeit an der Synapsenangel Worte und Satzteile hängen, die sich für Aussagesätze eignen und zusammensetzen lassen.
In der Vorstellung geht alles schneller, als es ist.
Zähneputzen, anziehen, losgehen.
Tagesplan:
Arzt.
Frühstück.
Freundin.
Bei mir selbst ankommen.
Im Triggerblitzlichtgewitter erhellen Lichtspots Szenen der Erinnerung an Ostern, Feiertage und das Drumherum.
Unverständliches, Unaussprechliches, Ungeheuerliches.
Es ist dennoch wahr.
Oft wird erwartet, dass Überlebende schnell damit umgehen lernen und darüber hinwegkommen und wenn wir es tun, dann „kommen wir gut damit klar“ und Außenstehende sind zufrieden.
Trauer ist mir in diesen Tagen oft ein echtes Bedürfnis. Egal wie lange etwas her ist. Gut mit etwas klar zu kommen, heißt für mich, dass ich mir meine Bedürfnisse diesbezüglich mittlerweile, so gut ich kann, erlaube und nicht, sie so zu beschneiden, dass andere glücklich sind.
Es gibt so viele Dinge, die betrauert werden müssen und wenn das Lachen auch an diesen Tagen zurück kommen soll, dann müssen Tränen darüber fließen dürfen.

Redetropfen

Die Regentropfen rutschen im Frühlingsgrau die Scheiben hinunter und sammeln auf Ihrem Weg andere Wassertropfen, die ihre Rinngeschwindigkeit sprunghaft beschleunigen. Unten angekommen werden sie zum Regenfensterbrettbächlein, dass Zielsicher auf die Regenrinne zusteuert.
Spaß. Spiel. Naturgesetz.

Durch die wassernassen Scheiben verschwimmt mein Blick und lässt die Häuser der Nachbarschaft unscharf erscheinen.
Im Innen bewegen sich kleinere Innenpersonen müde in den Tag.
Mir ist kalt. Die imaginierte Decke wärmt nicht, drum hole ich mir eine andere. Eine echte. Eine zum Anfassen und begreifen.
Entgegen dem Fluss der Wassertropfen erlebe ich selbst gerade kraftlose Stagnation.
Meine Gefühle sind irgendwo eingefroren und drängen trotzdem mit ihren Eismassen an die Oberfläche.
Die Abschlussprüfungen stehen kurz bevor und ich schleppe mich Mühsam vorwärts, wie der Kämpfer, der kurz vor dem Ziel zusammen gebrochen ist und eigentlich nicht mehr kann.
Der Kopf mag nicht mehr lernen und das Herz nicht mehr schweigen.
Mir ist danach Worte zu finden, für das was uns zugestoßen ist und mit meinem Viele-sein darüber zu sprechen.
Und dann sehe ich in die erschrockenen Gesichter der Menschen, die nicht mal ansatzweise von all dem wissen und trotzdem überfordert sind von der bloßen Andeutung, dass wir Gewalt erlebt haben. Die scheinende Sonnenworte mögen, aber nicht die grauschillernden Redetropfen.
Ich höre ihr mal lautes und mal stummes: „Ich halte das was du erzählst nicht aus.“
Und manchmal frage ich mich, warum verdammt nochmal die sich nicht einfach zusammenreißen können. Schließlich ist es mir passiert und nicht ihnen.
Und ich spüre mein Misstrauen und die Vorsicht denen gegenüber, die mir ein offenes Ohr anbieten, weil ich Angst habe, letztlich doch wieder verlassen zu werden, wenn sie wüssten…
Und dann schreibe ich eine Zeile und lösche sie wieder und schreibe eine neue und lösche sie wieder und dann…
… rinnen mir einfach die Tränen über die Wangen, weil ich das Kind fühle, dass sich so schrecklich einsam fühlt und mit ihm auch ich und so gerne reden würde und einfach nicht mehr schweigen will und die Isolation hasst, in die es gedrängt wird und irgendwie nirgendwo wirklich ankommt.

Die Regentropfen laufen die Scheiben hinunter und meine Tränen tun es Ihnen auf meinen Wangen gleich.
Wo ist der Platz wo wir ganz sein dürfen?

National Multiple Personality Day 2017

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Heute ist „National Multiple Personality Day“.

Für uns ist das ein guter Anlass mal wieder schöne Sachen für die Innenleute zu machen, uns bewusst wahrzunehmen und das zu tun, was uns eben gut tut, um dabei im Gefühl von „gesehen werden“ ein kleines Stückchen näher zusammenzurücken. Es bedeutet anzunehmen was war und das Beste daraus zu machen und auch, wenn es als bunt strukturierter Haufen oft schwierig ist, so schätzen wir uns doch gegenseitig wert und den Einsatz, den jeder/jede/jedes Innen für unser Überleben beigetragen hat.
Eine kleine Feier dafür, dass wir überlebt haben. Für uns selbst.

Wir wünschen euch allen einen schönen Sonntag! 🙂

Orgasmuszwänge

Ich sitze auf dem Rand der Badewanne, gerade dabei mich selbst zu befriedigen, weil ich den Schmerz und den Druck, der von Zeit zu Zeit in mir anflutet noch immer nicht anders lösen kann, als mir mit Gewalt einen Orgasmus zu verschaffen.
Trigger.
Autopilot.
Vor dem Orgasmus geht gar nichts mehr.
Ein anderes Ziel lässt mein Kopf nicht mehr zu.
Der Weg dorthin ist völlig egal.
Aufhören geht nicht.
Es geht nicht darum Sexualität zu erleben.
Alles worum es geht, ist den verdammten Schmerz und Verzweiflungsdruck, der in Wellen innerer Leere mündet zu beenden.
So schnell wie möglich.
Es ist nicht angenehm.
Es ist purer Stress.
In der Regel sacke ich nach dem Orgasmus dann in mir zusammen.
Tränen rinnen über mein Gesicht.
Die Anspannung fällt ab.
Der Trancezustand geht zurück.
Langsam werden wieder andere Gedanken zum und über das Leben und den Alltag möglich, ehe ich mich aufrapple und beginne wieder zu funktionieren.

Meiner Seele sitzen die dreckigen Forderungen Ihrer Folterer noch immer im Nacken.
Vorbei war es all zu oft erst, wenn der Orgasmus passiert ist.
Das Ende der Qualen, wurde zu häufig an diese Forderung geknüpft.
Was davon übrig geblieben ist, ist das Grundgerüst als Überlebensmechanismus.
Anforderung/Trigger –> Druck/Angst/Überforderung –> Dem Druck und der Angst (wobei ich diese in der Situation oft gar nicht bewusst wahrnehme, weil nur noch der Drang den Druck zu beenden spürbar ist) irgendwie entkommen müssen, weil er nicht mehr auszuhalten ist –> Selbstbefriedigung mit Orgasmus –> Druck und Angst lässt (zumindest kurzfristig) nach.
Manchmal erlebe ich den Druck auch, wenn Erinnerungen nach oben kommen. Die Seele denkt sich wohl: „Lieber mache ich es selbst, als es gleich erneut erleben zu müssen.“ Tatsächlich lassen sich unsere Erinnerungsbilder damit manchmal kurzzeitig nochmal unterdrücken.
Statt Angst, ohnmächtiger Verzweiflung, Schrecken und Scham erlebe ich dann Lust.

Lange Zeit haben wir damit gehadert, wie wir bei den ganzen Schrecklichkeiten überhaupt noch an Lust denken können.
Heute denke ich, es ist das gute Recht jedes Körpers sich die Folter so angenehm wie möglich zu gestalten.
Dadurch ist es nicht weniger Folter, aber es gibt die Chance sie zu überleben.

Die gewollte Zufallsgeste

Samstagabend.
Die Fingernägel sind gerade frisch lackiert.
Es tippt sich noch etwas vorsichtig.

Im Kopf ist viel.
So viel, dass die Gedanken Loopings schlagen.
Gefühlswirrwarr.

Im Alltag sind wir gestern zufällig auf einen Mann getroffen.
Sehr lange nicht gesehen.
Eine kleine „harmlose“ Geste mit einem Lächeln.
Wir wissen, was es in dieser Kombination zu bedeuten hat.
Eines von den Zeichen, das uns schon vor langer Zeit beigebracht worden ist, das in Gruppierungen und organisiertem Verbrechen so gerne genutzt wird.
Doch wir bemerken es.
Diesmal weigern wir uns, wehren uns gegen den Reflex, den man normalerweise dadurch auslösen kann.
Wir gewinnen.
Diesmal verlassen wir die Situation und holen uns Hilfe.
Sicherheit.

Ich bin froh, die Situation souverän gelöst zu haben.
Wir sind stolz auf uns!
Derartige Situationen händeln zu können war viel Arbeit.

Was bleibt ist die Erinnerung ans Damals.
Brechreiz,
weil wir Ihn wieder vor uns stehen sehen.
Wie er uns hält,
um unseren Kopf fasst,
uns vergewaltigt,
das Gefühl zu ersticken,
seine Worte,
sein Atem,
seine Lust an unserer Erniedrigung,
sein alles.

Es bedeutet Heilung für uns, der Vergangenheit immer mehr ins Auge zu sehen, sie zu verstehen und darüber Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Gleichzeitig tut nichts so weh, wie die Heilung selbst, die in aller Bitterkeit fordert, das was war zu realisieren.

Hab Mut zu sprechen!

In Gruppierungen und organisiertem Verbrechen wird so einiges unternommen, um die Opfer dauerhaft zum Schweigen zu bringen.
Neben Folter und Qual, sind es vor allem auch die Indoktrinierungen und Vorhersagen, was passieren wird, wenn man es dennoch schafft zu sprechen, die Opfer davon abhalten ihr Schweigen zu brechen.
„Dir glaubt sowieso keiner“, „Alle werden sagen, dass du lügst“, „Sie werden dich für verrückt halten“, etc…

Vor zwei Wochen haben wir uns aus einer großen Not heraus einem unserer Lehrer anvertraut.
Haben etwas von der Gewalt erzählt die wir erlebt haben.
Wir bereuen es nicht. Im Gegenteil.
Er ist zu einer großen Hilfe für uns im Schulalltag geworden.
Es entlastet uns zu wissen, dass jemand bescheid weiß, falls etwas wäre und es uns nicht gut geht.
Allein zu spüren, dass er ein Mann ist und dennoch nicht im geringsten daran denken würde einem Kind so etwas anzutun, ist heilsam für uns.
Zudem:
Er glaubt.
Er zweifelt nicht, nennt uns keine Lügnerin und er ist an unserer Seite.
Einfach so.
Mittlerweile weiß noch eine weitere Lehrerin bescheid.
Auch Sie hilft uns sehr.
Auch Sie glaubt.

Zwei Lehrer sind zu wichtigen Säulen in unserem Alltag geworden.
Sie geben uns neben der schulischen Hilfe, die Sicherheit verstanden zu werden, Ansprechpartner zu haben für den Notfall und etwas gesehen zu werden, mit dem was hinter der Funktionierfassade abläuft.
Möglich geworden durch Worte, die wir hörbar haben werden lassen, auch wenn sie nur schwer über unsere Lippen kamen.

Wir sind dankbar dafür!
Es zeigt, dass es sich lohnt, das Schweigen doch an geeigneter Stelle zu brechen.
Die Vorhersagen der Täter sind ein weiteres Mal nicht eingetreten.

Hab Mut zu sprechen, es lohnt sich!
Es sind die Täter, die lügen!