Verstummt – Anwaltswirren, Helfergewalt und völliges k.o.

Wir sitzen völlig fertig auf unserem Bett. Das Telefon klingelt – mehrfach. Gerne würden wir ran gehen. Doch wir können nicht. Es kommt kein Ton mehr über unsere Lippen. Auf Instagram haben wir heute darüber geschrieben, dass eine Entschuldigung kein Radiergummi ist. Ich bin froh, dass mir zumindest das Schreiben noch als Kommunikationsweg zur Verfügung steht. Wirklich greifen, was mir seit Stunden die Sprache verschlägt kann ich nicht. Vermutlich ist es eine Mischung aus vielen Komponenten. Angst, Verzweiflung, Scham, Schuld, schwere Depression, die Osterfeiertage… Beim inneren Reflektieren über den Tag bemerken wir recht unvermittelt noch eine weitere Komponente – Wut!

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Insekten, Sodomie und rituelle Gewalt

Ich setze mich langsam auf und wische mir den Schweiß von der Stirn. „Was für eine Nacht!“, denke ich und bin darum bemüht die verstreuten Ecken meines Bewusstseins zu einem weniger wattigen Etwas zusammenzusetzen. Aufstehen, Zähneputzen, Kaffee kochen… Die Albträume sitzen mir noch mit ihren spitzen Angstmomenten in den Knochen. Orientieren. Als die ersten warmen Schlucke langsam meine Kehle Hinunterfliesen komme ich etwas im Heute an. Seit Tagen schon nimmt die Falshbackdichte deutlich zu. Erinnerungen an das vergangene beuteln mich. Ein besonderes Cluster bilden die Traumata, in die auf unterschiedliche Art und Weise Tiere eingebunden waren.

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„Schwer erkrankt“

Ich sitze bleischwer im Sessel. Meine Augen starren ins Leere. In Gedanken wiederhole ich einen Satz aus einer ärztlichen Stellungnahme: „Die Patientin ist schwer erkrankt.“ Wie auf einer alten Schreibmaschine läuft er immer wieder in meinen Gedanken vorbei und springt am Ende der Zeile wieder auf Anfang. „Schwer erkrankt.“ Meine Beine zappeln unruhig hin und her. Die Anspannung ist enorm hoch. Wir funktionieren nicht mehr. Nicht mehr wirklich. Das macht Panik. Letzte Woche haben wir uns krank melden lassen müssen, weil wir selbst nicht mehr dazu im Stande gewesen wären. Zum einen, weil wir tatsächlich dermaßen platt waren, dass wir nicht mehr sprechen konnten, zum anderen, weil wir es selbst nicht hätten so entscheiden dürfen. Krise. Aber lieber sterben, als vereinbarte Aufgaben und Termine nicht erfüllen, denn sonst stirbt man. Sagt mein Stammhirn. Gefühlter neuer Höhepunkt in der Abwärtsspirale. Versagt. Heute eine Nachricht vom Arbeitgeber. Anscheinend war nicht klar, dass ich auch am Wochenende und bis auf weiteres nicht arbeitsfähig bin. Ich soll erscheinen. Doch ich kann nicht. Eigentlich. Ich hadere. Soll ich es doch tun? Kann ich irgendwie letzte Kräfte mobilisieren. Immerhin gefällt mir der Job ja. Ich habe doch eigentlich „nur“ Stress. Innere kämpfe. Seit Tagen lebe ich in dichter Watte. Aufstehen ist mir nicht mehr möglich. Ich vergesse alles. Bin taub. Die Welt ist stumpf und bedeutungslos. Mein Körper niedergeschlagen wie nach einem enorm schweren Kraftakt. Alles schmerzt. Mein Innen läuft Dauermarathon. Die Physis liegt reglos im Bett. Mindestens Zwei Spuren streiten sich nun also untereinander. Sie sind sich uneinig, was wir zu leisten im Stande sind. Denn wie miserabel es uns wirklich geht, hat nur ein minimaler Bruchteil unseres Gehirns in Ansätzen überhaupt mitbekommen. Und von diesem kleinen Teil ist wiederum der Großteil ein kognitiv entferntes mentales Konstrukt und keine emotionale Wahrnhemung. Der Rest lullt sich dissoziativ den Zustand kurz vorm Suizid mitten im Totalzusammenbruch schön. Die Ernsthaftigkeit der Lage wird uns nicht bewusst. Uns fehlt ja nicht wirklich was – außer, dass wir nicht mehr können. Was also dem Chef antworten? Ich suche Hilfe bei meiner besten Freundin. Dann taucht der Satz aus der Stellungnahme wieder auf. „Schwer erkrankt.“ Ich versuche irgendwie den Graben zwischen den Wahrnehmungswelten zu überbrücken. „Der Arzt sagt, wir sind schwer erkrankt“, halte ich mich in Gedanken fest. „Also könnten wir es vielleicht wagen in Betracht zu ziehen uns krank zu melden.“ Andererseits: Mir macht das doch Spaß, ich habe mir immer gewünscht das einmal tun zu dürfen und dafür bezahlt zu werden. Dann kann es doch nicht zu schlimm sein. Vielleicht muss ich mich nur aufraffen…

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Dysfunktionale Funktion

Ich sitze in meinem Sessel und lehne mich erschöpft zurück. Aus dem Küchenfenster zieht der Dunst des Kochwassers in die kalte Winterluft. Die Worte sind rar. Ich bin irgendwie sprachlos, obwohl es so vieles zu sagen gäbe. Schlafen möchte ich und ruhen. Doch die Möglichkeit zu Erholung finde ich kaum. Immer wenn ich in den letzten Wochen dachte, dass ich nun endlich etwas Zeit haben würde, weil wichtige Amtspost abgearbeitet war, kam der nächste unerfreuliche Vorfall, der an meinen nicht mehr vorhandenen Kräften nagte. Selbstverständlich war die Erledigung eilig. Warten konnte die Auseinandersetzung damit jeweils nicht. Nur eines muss hier immer warten: Ich. Oder wir. Und unsere Bedürfnisse. So kurz vor dem Mittagessen schießt mir nur ein Gedanke durch den Kopf: „Ich habe es satt! Diese ewig andauernde, nie enden wollende dysfunktionale Zwangsfunktion, die über alle meine Grenzen geht, kotzt mich an.“

Wir sind kraftlos und gebrochen wie nie zuvor in unserem Leben. In jeder Zelle unseres Seins spüren wir, dass wir uns aufarbeiten, wenn wir aus den alten Mustern der scheinbaren Unerschöpflichkeit nicht endlich ausbrechen. Gleichzeitig hält uns die unsichtbare Macht der alten Traumata fleißig gefangen. Nicht aufgeben, nicht zusammenbrechen, nichts anmerken lassen. Leisten. Ich Frage mich, wie es wohl wäre, wenn ich viele Dinge wirklich nicht mehr erledigen würde, wenn die Post liegen bliebe, Fristen verstreichen, weil wir nicht können. Im letzten Arztbericht steht unter anderem: „Schwere Depression.“ Das hat die Dissoziation nur noch nicht so ganz gecheckt. So geht der Raubbau an unserer Substanz täglich weiter. Ich habe Angst davor irgendwann einfach tot zu sein ohne es zu wollen, weil wir das alles nicht mehr aushalten und sich doch jemand wie gelernt das Leben nimmt. (Ihr braucht euch keine Sorgen um uns zu machen. Wir werden aktuell engmaschig medizinisch und therapeutisch betreut. Unsere Helfer haben gemeinsam mit uns die Suizidalität im Blick.)

Mein Verstand weiß, dass ich längst nicht mehr die Letzte sein muss, die stehen bleibt, egal was passiert. Unser Körper weiß es nicht. Ich bin unendlich erschöpft. So fühle ich schon morgens. „Ich kann nicht mehr aufstehen“, denke ich. Noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, sehe ich allerdings wie mein Körper sich von unsichtbar Hand bewegt aus dem Bett quält, aufsteht, sich fertig macht und bei seinen Terminen erscheint. Abends nach der Rückkehr nach Hause klappen wir dann regelmäßig zusammen. Für uns. Alleine. Wenn es niemand merkt. „Ich brauche Hilfe“, denke ich und höre mich allzu oft im gleichen Moment sagen: „Alles in Ordnung. Ich schaffe das.“ Je mehr ich funktioniere und über meine Grenzen gehe umso tiefer und existenzieller wird die Not im Inneren. Ein Teufelskreis.

Ich bin froh, dass es derzeit zumindest einige Menschen gibt, die an den Vorgängen hinter der Maske teilhaben und uns spüren lassen, dass sie uns ernsthaft helfen wollen. Die Angst das alles nicht zu schaffen bleibt dennoch.

Wortwolken

Ich denk‘ in unsortierten Wortwolken,
die meinen Schädel stalken.
Nichts davon macht Sinn, denn der Sinn ist nur zu denken
und meine überreizten Zellen von eben diesem abzulenken.

Ich sammle Möglichkeits-Cluster und Panikschwärme.
Meditation sollte helfen, doch die nutzen sie gerne.
Sie vermehr’n sich in Ruhe und reisen durch die Zeit,
wo ein Unheil mich findet ist auch das nächste nicht weit.

Gedanken denken in Linien, doch die Seele tut’s nicht,
weil sie immer im jetzt ist und über’s fühlen nur spricht.
Ihr ist egal wann was war und wie Hemisphären das werten,
sie verlässt sich auf zentrale Emotionserfahrungsexperten.

Hier sitz ich und fühle und will nur noch sterben.
Gründe gibt’s viele, die in der Wortwolke werben.
Gedanken kreisen und pendeln und frier’n manchmal ein,
dann wird der Körper wie Blei und das Herz schwer wie Stein.

Manchmal machen sie Nebel und manchmal klären sie auf.
Doch nun mache ich erst Mal von meinen Gedankenverweigerungsrechten gebrauch.
Ich starr zur Zimmerdecke, steck mit dem Füßen im Sumpf,
langsam werde ich müde und frage mich dumpf:

Wenn das denken nicht wäre wie wär‘ es zu sein?
Dann hätt‘ ich nie mehr was vor mir und wäre jenseits vom Schein
der Masken, die ich täglich trage.
So schließ ich und sinke in die Wortwolkenfrage.

Copyright by „Sofies viele Welten“

Körpererinnerungen und Schwangerschaft – auf der Suche nach dem erlösenden Zaubertrank

Ich sitze am Pc und fühle mich wund bis auf die Knochen. In der Küche brutzelt mein Mittagessen vor sich hin. Mit wippendem Fuß lehne ich im Sessel und bin stark bemüht mein Nervensystem zur Ruhe zu bringen. Atmen. Aus dem Fernseher tönt Asterix und Obelix. Wie eine unbeugsame Gallierin versuche auch ich mich aufrecht zu halten. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich bereits mit meiner eigenen Mutterschaft innerhalb der alten Gewaltsysteme. Spätestens aber mit Halloween und Allerheiligen liegen diese Verletzungen in uns wieder so brach, dass wir vor Schmerz darüber fast zu Grunde gehen. Erneut stellen wir fest: Es ist eine Sache, wenn wir die Bilder im Kopf händeln müssen und nochmal eine ganz andere, wenn der gesamte Körper von der Vergangenheit erzählt.

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Samstags im Café

Ich sitze im Café. Vor mir bewegt sich das stille Wasser im Glas. Auf der angrenzenden Hauptstraße fahren die Autos vorbei. Der Wind im Schatten ist kühl und doch erträglich. Drinnen sitzen kommt nicht in Frage. Ungeimpft. Ungetestet. Aus medizinischen Gründen zu denen auch unser Trauma zählt. Über die neuen Regelungen kann ich mich kaum aufregen. Wir kennen Ausgrenzung unser Leben lang, nur die Gründe und Rechtfertigungen haben sich immer wieder geändert. Nun aber wollen wir die Herbstsonne genießen. Etwas, was uns niemand verbieten kann.

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Die Brombeerfee

Mit bedachtem Schritt streife ich durchs Unterholz. Zwischen Bäumen, Sträuchern und Beeren folge ich einer kleinen Schneise durch das Dickicht. Über mir Klopft es. Pock pock. Mein Blick ist darum bemüht die Füße vor unsichtbaren Ranken zu schonen, die sie zu Fall bringen könnten. Aus dem grünen Brombeerlaub leuchten mir kleine Früchte entgegen. Kurz bleibe ich stehen, um mich zu ihnen zu bücken. Ich muss schmunzeln. Eine Brombeerfee hüpft durch meine Gedanken. Im leichten Abendwind wippt sie auf den Früchten. Keck schlägt sie die Beine übereinander und zwinkert mir zu. Dann malt sie weiter. Mit sanftem Pinselstrich. Langsam das Rot färben. Die Natur sitzt in diesen Tagen mit Freude bei der Arbeit. Erntezeit.

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Blick in den Spiegel – Erinnerungen an alte Momente im Badezimmer

Wir stehen vor dem Spiegel im Badezimmer und blicken uns in die Augen. Aus ihnen laufen kleine, stumme Tränen. In der Feuchtigkeit der Pupille spiegelt sich das Licht und der Spiegel und darin das, was sich im Spiegel spiegelt und eigentlich hinter uns liegt – in Raum und Zeit. Die Realität in eine so kleine Dimension projeziert, dass sie kaum noch wahrnehmbar ist. Ich schaue mir tief in die Seelenfenster. In ihnen öffnet sich ein Tor. Ich falle. Zurück in die Vergangenheit. In das, was dort hinter mir lag und stand. Jeden Morgen. Vor der Schule. Wenn wir uns fertig machen sollten für den Tag. Wenn unser Vater zu uns kam. Seine Blicke unseren Körper trafen, seine feuchten Lippen Hals, Gesicht und Mund küssten, seine Hände über unseren Körper wanderten, uns auszogen und er in uns eindrang, wenn er wollte. Alles woran ich mich klammerte war mein Spiegelbild in dem ich mir begegnete und durch mich hindurch fiel. In dem ich alles ausgeblendet habe und doch alles enthalten war. Konzentration, nach vorne schauen, weiter machen. Die Wirklichkeit unwirklich werden lassen, indem ich sie innerlich ignorierte.

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Sonnwendgewitter

Stürmisch prasselt der Gewitterregen zu Boden. Meine Lungen japsen nach dem frischen Sauerstoff, den er in die Luft spült. Blitze zucken über den Nachthimmel. Doch ihre Bedrohung bleibt aus. Eine gewisse Sanftheit lässt sich im Donnergrollen spüren. Pflanzen und Tiere haben durstig auf das Wasser gewartet. Nun lindert es die feurige Energie der letzten Tage und bringt entspanntes Leben zurück. Kühler Wind erscheint als wenig aufgeregter Begleiter. Es ist, als würde er peitschend flüstern und den Wolken bei ihrer Bewässerungsreise unter die Arme greifen. Zerstören, nein, das möchte er nicht. Nur die erfrischende Wirkung erhöhen. In meiner Nase sind alle Elemente vereint. Die feuchte Erde mit ihrem stabilen Geruch. Die Nässe des Regens mit seiner säuerlichen Lebhaftigkeit. Der Wind, der die Informationen zu mir trägt und die feurige Kraft der abklingenden Schwüle. Über die Schönheit der Naturbeobachtungen vergesse ich die Bedeutung der Nacht.

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