Vergebung und Heilung

„Sie predigen die Vergebung als einen Weg zur Heilung und scheinen nicht zu wissen, daß dieser Weg eine Falle ist, in der sie sich selbst befinden. Noch nie hat nämlich die Vergebung eine Heilung bewirkt.“
Alice Miller, Die Revolte des Körpers

Im Innen wie im Außen treffen wir immer wieder auf das Thema „Verzeihen“. Oft wird Verzeihung geradezu als das Allheilmittel für körperliche und seelische Leiden angepriesen.
Bei uns ging es früher sowieso einseitigerweise immer nur darum den Tätern alles zu verzeihen und uns selbst nichts. Von klein auf haben wir im Kultsystem gelernt, wie wichtig Vergebung ist. Wie wichtig es ist den Hintergrund und die schwierige Geschichte der Täter zu sehen und dass sie uns eigentlich doch nur Gutes wollen, mit dem was sie tun. Für uns selbst galt das selbstverständlich nicht. Wir waren die Schuld pur. Dass Missbrauch, Vergewaltigung und Folter nicht gut sein können für ein Kind und es daran überhaupt nichts Positives gibt, ist eigentlich klar. Doch selbst das wurde uns als eine Notwendigkeit mit positiver Wirkung auf uns verkauft. Worauf also wütend sein!?
Wir haben uns unser ganzes Leben lang verboten überhaupt so etwas wie Wut und Hass auf die Täter und Täterinnen zu fühlen. Wir hatten Angst und Panik davor. Denn wer wütend ist oder hasst, der ist ein schlechter Mensch, der ist es nicht wert geliebt zu werden und der macht sich selbst schuldig. Zusätzliche Schuld zu der Schuld, die wir ohnehin schon durch unser bloßes Sein auf uns geladen haben, konnten wir uns nicht leisten und nicht ertragen. Das war lebensgefährlich. So wurde es uns beigebracht. Die andauernden Wahrnehmungsverdrehungen haben tief in uns gefruchtet. Wir fürchteten die Strafen, wenn wir derartige Emotionen zeigten und verdrängten Wut und Hass aus unserem Leben.
Abgesehen davon wollten wir ja nicht so sein wie die Täter.
Zudem zählen Wut, Ärger und Hass ohnehin nicht zu den gesellschaftlich akzeptierten Emotionen.
Statt wütend zu sein, dass uns bestimmte Menschen das angetan haben, haben wir versucht alles zu verzeihen und uns nicht so an den Erinnerungen und Emotionen, die in uns waren, „aufzuhängen“. Und wieder wuchs unsere Schuld und unsere Unfähigkeit, weil es so einfach nicht klappen wollte. Wir konnten einfach nicht loslassen. Phasenweise klappte die Verdrängung, nach einiger Zeit kamen diese Gefühle allerdings immer wie ein Boomerang wieder. Als wir irgendwann auch noch körperlich krank wurden sahen wir die Ursache für die Erkrankung natürlich darin, dass wir einfach nicht verzeihen und loslassen konnten und gaben uns auch dafür die Schuld.
Dann kam unsere aller beste Freundin und hat unser Denken mal eben komplett auf den Kopf gestellt. Sie besitzt die wunderbare Fähigkeit so richtig wütend zu sein und zu hassen. Sie zeigte uns etwas von ihren Emotionen. Und sie sagte uns ganz offen, dass wir ihrer Meinung nach nicht krank sind, weil wir so schuldig sind oder nicht loslassen können, sondern weil wir uns einfach nicht zuhören. Weil wir uns die Gewalt, was sie mit uns macht und was wir dazu fühlen nicht eingestehen, sondern bagatellisieren und uns selbst damit verdrängen.
Etwas heilsameres hätte uns nicht passieren können!
Was sie sagte, machte zuerst Panik in uns. Ganz vorsichtig versuchen wir uns diese Gefühle aber seitdem wieder zu erlauben und uns anzunähern. Weil wir spüren, dass sie recht hat. Wir sind nicht krank, weil wir schuldig sind und nicht verzeihen, sondern weil wir uns nicht erlauben uns zu spüren. Weil der Verstand den Körper und die Seele negiert, die ihre Wahrheit kennen. Den ganzen Ärger, den Hass, die Wut, die Traurigkeit, die Enttäuschung, die Verzweiflung…

„Erst wenn du verzeihst, bist du wirklich frei.“
Das haben wir so oft gehört.
Diese „Verzeihensbewegung“ empfinden wir als täterorientierte Kleinhaltestrategie, die freie, persönliche Entwicklung verhindert. Wie soll sich jemand frei entwickeln, wenn er sich nicht mehr spüren kann und darf, weil es moralisch verwerflich ist!?
Mittlerweile sind wir für uns zu der Überzeugung gelangt, dass die obige Aussage schlicht und ergreifend nicht stimmt. Für uns heißt das richtig. „Erst wenn du dir erlaubst dich wirklich zu fühlen, bist du frei.“ Dazu gehört auch den Hass und die Wut anzunehmen. Das ist völlig in Ordnung. Ich bin auch mit diesen Gefühlen völlig in Ordnung. Und ich stelle fest, dass ich mich wesentlich besser fühle, körperlich und seelisch, wenn mir das gelingt. Wenn alles einfach da sein darf. Dann fühle ich mich wirklich frei und erleichtert, weil meine Emotionen und damit ich nicht mehr von der Bewertung anderer abhängig sind und eine riesige Anstrengung von mir abfällt, nämlich die mich/uns selbst wegzumachen. Die gesparte Energie können wir dann zum Heilen verwenden. Dann können wir einfach ganz bei uns sein. Meiner/Unserer Wahrheit vertrauen.
Vielleicht weiß mein Verstand nicht, warum ich auf etwas so emotional reagiere und kann es nicht erklären, aber mein Körper und meine Seele kennen den Grund.

Vergebung kommt vielleicht irgendwann, vielleicht aber auch nie. Wenn, dann kommt sie von selbst, wenn all die anderen Emotionen gelebt werden konnten und keine Sekunde früher.
Eines weiß ich sicher: Krampfhaftes verzeihen und loslassen wollen macht krank, weil es krampfhaftes Gefühleverdrängen ist. Entweder es passiert oder es ist nicht die Zeit dafür.

Ich darf hassen. Ich darf wütend sein. Ich darf mich ärgern. Ich darf nachtragend sein. Ich darf anderen die Schuld geben.
Und ich darf das auch ausdrücken.
So lange und so oft ich will. So lange ich das einfach so fühle.
Und dadurch wird mir nichts passieren. Ich bin dadurch kein schlechter Mensch und ich werde deswegen nicht in ewiger Verdammnis irgendwo untergehen.
Im Gegenteil: Ich heile!
Ich muss nicht verzeihen und nichts entschuldigen. Ich darf mich spüren und damit einfach glücklich werden. 🙂

Ja was denn nun!? – Inneres Kind, Anteile, Ego States oder Multiple Persönlichkeit mit Innenpersonen

In letzter Zeit stößt uns die Vermischung dieser Begriffe in Internetforen oder –plattformen oft sauer auf.
Frei nach dem Motto „Sind wir nicht alle ein bisschen Multipel?“ wird munter darauf losdiskutiert, was man unter multipel sein verstehen könnte. Dabei gibt’s da unserer Meinung nach gar nicht so viel Spielraum. Entweder man ist es oder eben nicht. Die Diskussion welche Facetten man vom „Viele sein“ aus persönlicher Erfahrung kennt, erübrigt sich schlicht, wenn man es nicht ist. Und es ist aus unserer Sicht auch nicht egal, diese Begriffe einfach so miteinander zu vermischen und so zu verwässrigen, weil damit den unterschiedlichen Anforderungen von Betroffenen keine Rechnung mehr getragen wird.
„Viele sein“ ist kein lustiges Heitidei mit kleinen Innenkindern, die einfach nur spielen wollen und „Viele sein“ ist nicht ungeliebte Emotionen und Verhaltensweisen einfach auf erfundene Anteile abschieben, wie man es in manchen Internetforen langsam meinen könnte.
„Viele sein“ ist brutale Realität, die man sich nicht aussucht. Und diese Realität braucht bestimmte spezifische Dinge im Außen, die beim (Über-)Leben helfen und unterstützen, für die alle Betroffenen oft mehr als zumutbar kämpfen müssen. Wenn wir von Mutiplen Persönlichkeiten sprechen, dann haben diese die schlimmste Gewalt erlebt, die man sich vorstellen kann. Ich möchte hier keine Diskussion im Sinne von besser-schlechter, wer leidet mehr – der mit Anteilen oder der mit Innenpersonen? – oder dergleichen führen. Es geht uns schlicht darum, dass es um unterschiedliche Lebensrealitäten geht, die unterschiedliche Behandlung brauchen. Bildhaft in etwa so, als würde sich jemand den Fuß verstauchen und ein anderer sich ihn brechen. Beide haben Schmerzen an der gleichen Stelle und brauchen ohne Frage die notwendige Versorgung. Ein verstauchter Fuß tut nicht zwingend weniger weh, als ein gebrochener, nur sieht die Versorgung eben entsprechend unterschiedlich aus.
Zudem treffen wir immer wieder auf die Frage, ob es denn gut sei seinen Anteilen einen Namen zu geben oder ob man damit die Spaltung nicht noch weiter vorantreibt. Dazu wollen wir sagen, dass Multiple Persönlichkeiten erstens eben nicht irgendwelchen Anteilen Namen geben, die haben sie nämlich meist schon, oft genug auch von den Tätern bekommen. Zweitens erachten wir es für völligen Schwachsinn, dass man damit die Spaltung erweitert. Etwas Sichtbar werden zu lassen, heißt nicht, dass es größer wird, als es war, bevor man es gesehen hat.

In der Alltagsrealität erleben wir es oft, dass wir über unsere Innenpersonen reden und die Reaktion unseres Gegenübers ist: „Das kenn ich. Ich hab‘ auch so kindliche Anteile in mir.“
Die genauen Unterschiede zu erklären, fällt dann oft schwer. Wir müssen zugeben, dass wir selber zunächst doch etwas gebraucht haben, bis wir uns durch den therapeutischen Definitionswust gefunden haben.
Im Nachfolgenden versuchen wir die Begriffe „Inneres Kind“, „Anteile“, „Ego States“ und „Innenpersonen/Multiple Persönlichkeit“ einfach mal mit unseren eigenen Worten zu erklären und voneinander abzugrenzen.

„Inneres Kind“ / „Anteile“
Das innere Kind oder die Arbeit mit dem inneren Kind stellt ein therapeutisches Hilfskonstrukt dar.
Es ist eine Imagination, die wohltuend ist und bei der Heilung helfen soll. Im Grunde das gleiche Prinzip wie die „Tresorübung“ oder der innere sichere Ort.
Das innere Kind agiert nicht aktiv, genauso wenig, wie einen der Tresor von sich aus anquatscht und fragt, ob er was verschließen soll. Man benutzt die Vorstellung, wenn man sie braucht und nicht umgekehrt. Man kann sich fragen, was das innere Kind zu bestimmten Themen sagen würde, sich vorstellen, wie es reagiert oder sich fühlt und es dementsprechend in der Vorstellung versorgen. Auf diesem Weg kann eine gewisse Nachreifung von Facetten der Gesamtpersönlichkeit entstehen. Es ist jedoch nicht abgespalten und es quatscht auch nicht den Kopf voll. Wenn, dann stellt man sich vor, was es gerade sagen würde.
Bei anderen „normalen“ Anteilen verhält es sich ähnlich. Es wird sozusagen eine Facette der Gesamtpersönlichkeit für die Therapie herausgegriffen und genauer betrachtet, z.B. ein wütender Anteil oder der Berufsanteil. Es handelt sich jedoch immer um die EINE gleiche Person. Die Person weiß, dass sie manchmal kindlich, wütend, funktional, etc. sein kann und kann das auch willentlich beeinflussen.

„Abgespaltene Anteile“ / „Ego States“
Abgespaltene Anteile der Persönlichkeit entstehen durch Traumata.
Passiert ein Trauma werden die emotionalen Aspekte des Traumas abgespalten. Es entsteht also ein traumanaher Gefühlsanteil. Die betroffene Person hat in der Folge ein normales Alltags-Ich, das vom Trauma distanziert, eher betäubt und teilweise amnestisch dafür ist. Der beim Trauma entstandene emotionale Anteil trägt die emotionalen Aspekte des Traumas. Dieser taucht z.B. durch Triggerung wieder auf und schwemmt dann die Wiedererlebensqualitäten zurück ins Bewusstsein.
Die folgenden beiden Stufen der Abspaltung – Ego-States und Multiple Persönlichkeit – sind sogenannte „Komplextrauma Stufen“, d.h. Abspaltungen, die nur durch wiederholte Traumata entstehen.
Wiederholt sich die Gewalt oder die Traumatisierung, kommt es zur chronischen Abspaltung von grundlegenden Funktionen in „Teilpersönlichkeiten“, z. B.: Schreckhaftigkeit, Fluchtreflex, Kampfreflex, Schreckstarre, Unterwerfung, Rückzug nach der traumatischen Erfahrung…
Sie kommen wieder sobald der Organismus in Not gerät und das Alltags-Ich kann zunächst relativ wenig gegen diese automatischen Reaktionen tun. Man unterscheidet zwei Arten dieser „Teilpersönlichkeiten“. Die sog. „Affect States“ und die „Ego States“, also Gefühlszustände und Ichzustände.
Beispiel für einen „Affect-State“: Eine Frau leidet darunter, dass sie sehr wütend wird und ihr Gegenüber attackiert, wenn Sie unter Druck gerät und nicht weiß, wie sie diesen regeln kann. Der traumanahe Persönlichkeitsanteil „Kampf“ ist aktiviert worden, um das Problem zu lösen. Der Zustand ist aber keine „Person“, sondern ein sehr heftig und unkontrollierbar erlebter Gefühlsausbruch.
Beispiel für einen „Ego-State“: Eine Frau wirft sich in bestimmten Situationen jeden Mann an den Hals und geht mit jedem Mann ins Bett, obwohl das sonst eigentlich nicht ihrer Persönlichkeit entspricht. Der Anteil, der dann nach vorne rutscht, hat „gelernt“ sich jedem Mann anzubieten, der sie haben will.
Jeder dieser Zustände enthält nur noch bestimmte Teile und Facetten der Ursprungstraumata und nicht mehr, wie oben beschrieben, das komplette Trauma.

„Innenpersonen einer Multiplen Persönlichkeit“
Hat extreme Gewalt ihren Beginn vor dem 5. Lebensjahr, kann dies zur Entstehung einer Multiplen Persönlichkeit mit mehreren Innenpersonen führen.
Neben Persönlichkeiten, die Aspekte der erlittenen Traumata tragen, entstehen hier, im Gegensatz zur Ego-State-Disorder, auch mehrere Persönlichkeiten, die keine traumatischen Erinnerungen oder traumanahen Zustände tragen, sondern andere Funktionen für das System übernehmen und sich Alltagsaufgaben teilen. Sprich, hier war das Leben so unerträglich, dass es nicht nur mehrere Persönlichkeitsanteile brauchte, um die Traumaerfahrungen aufzuteilen, sondern auch mehrere Personen, um den Alltag zu bewältigen. Bei der DIS kann es auch zu Mischungen von alltags- und traumanahen Anteilen kommen, z.B. eine harte, wütende Alltagspersönlichkeit oder eine sensible, fürsorgliche Alltagspersönlichkeit.
Jede/r dieser Persönlichkeiten hat im Laufe der Zeit Seine/ihre eigene „Lebensgeschichte“, eigene Ansichten, Charakterzüge, Aufgaben und Vorlieben entwickelt. Die ursprünglichen Anteile haben sich also immer weiter ausdifferenziert und sind zu eigenständigen Innenpersonen geworden.
Wir persönlich mögen die Bezeichnung als vollabgespaltene Persönlichkeitsanteile hier nicht, weil es für uns schlicht nicht stimmt und nicht zu unserem Erleben passt.
Die Dissoziation ist so tiefgreifend, dass es auch im aktuellen Alltagserleben und nachdem die Gewalt zu Ende ist zu Zeitlücken kommt. Bei Wechseln von einer Persönlichkeit zu einer anderen kommt es oft zu Amnesien. Die Eine weiß dann nicht, was die Andere tut oder in der Zwischenzeit getan hat, bis sie wieder vorne ist.
Der Wechsel zwischen den Persönlichkeiten ist hier meist nicht mehr willentlich beeinflussbar.

Soweit also nun zunächst unsere Erklärungen. Wir hoffen sie sind verständlich und wir haben nichts wichtiges vergessen!
Sonst dürft ihr auch gerne Fragen stellen, wir versuchen es dann so gut wir können zu erklären.
Das Alltagserleben von multiplen Persönlichkeiten wollen wir eventuell demnächst noch etwas genauer beschreiben, weil wir gemerkt haben, dass es doch recht schwer ist, das so kurz zu fassen.

Quellen:
Viele sein – Ein Handbuch (M. Huber)

Reorientierungswiesen

Copyright by "Sofies viele Welten"

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Nicht weit von unserem zu Hause lebt eine naturbelassene Wiese, die meist nur einmal im Jahr gemäht wird und auf der es deshalb so einige Dinge zu entdecken gibt, die man sonst hier nur noch selten sieht.
Also los raus. Ein paar Fotos machen. Die Ausstrahlung der Natur geniesen. Den Moment wiederfinden.
Vertrauen, dass die Erde trägt.
Und Stück für Stück hangeln wir uns an den Details der Wiese entlang. Den Blüten, den Blattformen, den Tieren.
Den sanften Wind im Haar.
Sehen die Schönheit, die uns für einen Augenblick von der Vergangenheit befreit.
Stehen mitten in den Reorientierungswiesen und der Natur.
Genießen.
Und Atmen.

Wer bin ich hinter den Masken?

„Wer bin ich hinter den Masken, die ich allen zeige?

Ein Spiegelbild, das lächelnd von der Hölle erzählt.

Hilflose Wut, die sich in einem Aufschrei entlädt.“

(Gefunden als Signatur im Forum „Tagebuch der Engel“ unter dem Nickname „Tränchen“, ansonsten leider ohne weitere Angaben zum Autor)

Aggression im Körper

Wir sitzen auf dem Sofa.
Bewegen fällt schwer. Der Körper schmerzt.
In uns tobt die Autoaggression und führt zu Entzündungsherden an Organen.
Hilflos.
Was tun um dem Körper zu helfen!?
Was tun, wenn die Schulmedizin versagt!?
Was tun, wenn alle psychologischen Autoaggression-ist-Aggression-gegen-sich-selber-lass-sie-raus-und-fange-an-dich-selbst-zu-lieben-Theorien gerade auch nicht weiter helfen!?
Beim Aufstehen vom Sofa wird uns schwarz vor Augen. Der Kreislauf ist von den ständigen Entzündungsprozessen und dem andauernden Stress stark angeschlagen. Statt stehen zu bleiben laufen wir einfach schneller…
…der Ohnmacht davon.
Diesmal hat’s geklappt.

Morgen ist Thera.
Wir sind froh, dass es dort Zeit und Platz für uns gibt.
Wir haben Angst, weil wir an bestimmten Themen arbeiten müssten, um weiter zu kommen, die uns derzeit aber maßlos überfordern.
Eigentlich wünschen wir uns nur gehalten zu werden.
Weinen und gehalten werden.
Angst haben und gehalten werden.
Wütend sein und gehalten werden.
Verzweifeln und gehalten werden.
Vor Schmerz schreien und gehalten werden.
Weiteratmen und gehalten werden.

Wir leben immer noch.
Trotz allem.
Wir atmen weiter.
Trotz allem.
Und wir wollen verdammt noch mal endlich ein gesundes glückliches Leben haben, weil wir das verdient haben!

Hoffen und Heilen

Hier sitzen wir vor unserer Haustür.
Die Luft ist kühl und doch warm.
Die Katze schnuppert an den Gräslein und freut sich über die neuen Gerüche als willkommene Abwechslung im Katzenalltag.
Auf der Straße joggt ein junger Mann vorbei, dessen Lungen alles andere als gesund klingen.
Die Naturgeisterchen sind noch wach und spielen im leichten Abendwind ihr Windspiel zwischen den Blättern und Blüten der Bäume und kleinen Sträucher.
Der Tag beendet sich langsam.
Die Natur ist wunderschön.
In ihr ist so viel Frieden. So viel Heilung.
„Es ist ein wunderbares Geschenk, auf dieser Welt sein zu dürfen!“, denke ich und schäme mich gleichzeitig, dass mir bei all der Schönheit um mich mein Leben grade so schwer fällt.
Mein Leben scheint oft so unerträglich und düster und ist so voller Angst, dabei wäre es so schön, wenn ich das Jetzt genießen könnte.

Ich lebe.
Das ist mehr als das, wozu ich kräftemäßig derzeit im Stande bin.
Weil der Körper schlapp macht. Weil meine Seele bittere Tränen weint.
Ich tu’s trotzdem.
Auch wenn ich grade nicht weiß wie.
Weil ich nicht sterben wollen würde um des Sterbens Willen, sondern nur um endlich von diesen Qualen erlöst zu sein.
Und dann kommt ein Funke, ein klein bisschen Hoffnung.
Dass es doch noch irgendwann anders sein wird. Dass ich irgendwann diese Schönheit glücklich genießen kann. Dass es irgendwann irgendwo auf dieser Welt Heilung für uns gibt.

Und dann Heilen wir.
Jeden Tag ein bisschen mehr.

Und wir fangen schon heute Nacht damit an.
Im Traum.
Endlich heil und ganz.

Wenn Dissoziation dissoziiert ist…

Immer wieder kamen die Zweifel nachdem ich/wir vor einigen Jahren die Diagnose, dass wir viele sind erhalten hatten.
Bin ich wirklich viele? Bin ich’s nicht? Bilde ich mir das alles nur ein?
Ich schreibe hier aus meiner Sicht. Aus der Sicht einer Alltagsperson.
Die Zweifel haben mich so in Schach gehalten, dass immer wieder wertvolle Zeit in der Therapie dafür draufging/geht, über die Zweifel an der Diagnose zu reden, statt mit dem Innen zusammenzuarbeiten und so vielleicht wichtige Lösungen zu finden.
Alles scheint unecht. Oft wie im Traum. Nicht greifbar. Wie ein Geist, den man nicht zu fassen bekommt.
Wer bin ich und wenn ja wie viele!?

Erinnerungslücken – hab ich nicht. Behauptete ich zumindest oft standhaft.
Und Innenpersonen/ innere Stimmen – die sind zwar irgendwie da, aber wahrscheinlich denk ich sie mir nur aus, um mich wichtig zu machen.
Erinnerungen waren da und doch nicht da. Ich hörte die Leute in meinem Inneren, aber es schien gleichzeitig so unwirklich, dass ich es als Einbildung abtat und Erklärungen dafür suchte, warum ich mir das einbildete.
Ich dissoziierte. War oft wie im Nebel. Bekam alles nur aus einer gewissen Entfernung mit, aber ich bemerkte es nicht. Es war so normal, dass ich nicht mitbekam, dass das Dissoziation ist, weil das ja mein normales „sich fühlen“ war.
Ähnlich war es auch mit den Innenpersonen. Das Leben mit ihnen und den damit verbundenen „Zuständen“ war so alltäglich, dass ich sie teilweise schon gar nicht mehr bemerkte. Als ich noch nichts von der DIS wusste, waren da eben diese komischen „Gedanken“, die sich immer wieder in meine schoben. Sie waren mir zwar fremd, aber ok, dann sind in meinem Kopf eben fremde Gedanken. Irgendwie wird es schon zu mir gehören, denn sonst wären die Gedanken ja nicht in meinem Kopf… Ich versuchte dem keine weitere Beachtung zu schenken, auch wenn es mir manchmal doch Angst machte. Die Stimmen in meinem Kopf waren einheitsmatschiges nebliges Gedankenfließen und wenn sie für mich doch einmal als Person erkennbar wurden, dann schien es so unwirklich, dass ich dachte es seien Rollen in die ich schlüpfe. Manchmal hatte ich das Gefühl ein einziges Rollenspiel zu sein, das ich nicht steuern konnte.
Ich konnte die Dissoziation und alles was damit zusammenhing nicht als Dissoziation greifen.
Es war normal und damit nicht vorhanden. Ich war dauerdissoziativ. Ich war wirklich unwirklich.
Das Viele-sein war für mich auch deshalb so ungreifbar, weil dazu ja wohl Dissoziation gehört, die ich aber an mir selbst nicht wahrnehmen konnte, weil ich sie dissoziiert hatte.

Vor einiger Zeit fingen diese dissoziativen Barrieren im Inneren dann an durchlässiger zu werden. Manchmal gab es jetzt kurze Momente, in denen ich weniger dissoziierte. Ich spürte plötzlich Teile meines Körpers. Gefühle kamen zurück. Alte Erinnerungen. Ich wurde sensibler für mich. Ich nahm mehr war. Vieles wurde sehr viel anstrengender, weil ich jetzt plötzlich Angst vor Dingen hatte, bei denen ich vorher nicht mal mit der Wimper gezuckt hätte. Normale alltägliche Aufgaben, wie Einkaufen oder mit Bekannten essen gehen, die ich bis dahin mal eben einfach so erledigt habe, wurden von heute auf morgen zu Mammutaufgaben, die teilweise unlösbar erschienen.

Je mehr von meinen Gefühlen und Erinnerungen zurückkommt, umso mehr stelle ich fest, dass ich tatsächlich vergesse/vergessen hatte, dass da tatsächlich Lücken sind und dass manche Dinge sich tatsächlich einfach schrecklich anfühlen.  Ich nehme zunehmend war, dass die Innenpersonen wirklich da sind und keine hinter Nebel, der unwirklich macht, verborgenen Gedankenfetzen meines Selbst. Es ist immer weniger ein „Huch, da ist was! Oder doch nicht!?“, sondern mehr ein „Huch, da ist ja tatsächlich was!“. „Hey, ich dissoziiere ja tatsächlich!“ „Hmm, da hab ich wohl wirklich was verpasst…!“ In kleinen Momenten spüre ich und kann zulassen: „Es stimmt. Ich bin tatsächlich viele.“
Ich versuche zu spüren, zuzuhören und dabei nicht verrückt zu werden.
Durch die Momente, in denen ich weniger dissoziiere gibt es plötzlich „Vergleichswerte“ durch die es für mich überhaupt erst möglich ist festzustellen, dass die Wirklichkeit von früher unwirklicher war, als gedacht. Plötzlich wird mir dann die Dissoziation bewusst. Gleichzeitig schwinden dadurch langsam meine Zweifel. Wenn die Erinnerungen wiederkommen, kann ich sehen, dass da offensichtlich vorher eine Lücke war, die mir bislang gar nicht bewusst war. Wenn ich fühle, bemerke ich plötzlich, dass etwas viel zu viel ist. Bis dahin weiß ich oft nicht, dass ich nicht weiß…
Die Dissoziation schützt vor Unerträglichem. Und weil es so unerträglich ist, dass es so unerträglich war, dass ich dissoziieren musste, schützt sie mich gleich vor sich selbst auch mit.
Eigentlich genial…
… wenn es dann nicht so schwer wäre sich selbst zu vertrauen und zu schützen.

Wortbeschreibungslos

Manchmal ist es nicht einfach die richtigen Worte zu finden,
das auszudrücken, was so tief im Innen bewegt, dass es im Außen nicht mehr greifbar ist.
Es rinnt durch die Hände des greifbaren Verstandes.
Mir fehlen die Worte.
Wurden sie noch nicht geschaffen oder finde ich sie einfach nicht?
Für die derzeitigen Abgründe und Höhenflüge meiner Seele gibt es gefühlt nichts, was absolut treffend beschreibt. Keine Begrifflichkeiten die darstellen und greifbare Bilder der inneren Wirklichkeit schaffen. Sichtbar und verständlich für mich und für das Außen.
Wie kann etwas Wirklichkeit oder ein Stück Realität werden, wenn doch Worte das Medium sind, das ausdrückt, das Wirklichkeiten schafft, aber die Worte einfach fehlen!?
Bin ich unreal? Gibt es mich gar nicht? Gibt es den Zustand in dem ich bin gar nicht?
Ungreifbar.
Ich spreche etwas aus. Ich schaffe eine Realität. Ich fasse in Worte. Ich gebe Gestalt. Mache greifbar und verständlich.
Doch in Bezug auf mein derzeitiges Befinden, auf mein derzeitiges Sein, fehlt diese Wortgestalt.
Es bleibt eine leere Hülle, die nicht mit greifbarem beschrieben werden kann und doch so furchtbar  vollgefüllt und belebt ist.
Wortbeschreibungslos.

Copyright by "Sofies viele Welten"

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Teebeutelweisheit

„Man kann nur in Beziehung sein, wenn man spürt“,

das stand heute Morgen auf einem Teebeutel, den ich von meiner Freundin geschenkt bekommen habe.
So einfach und doch so schwer.
Die Osterfeiertage haben uns in einen dichten nebeligen Schleier eingehüllt, der Leere und Taubheit entstehen ließ.
Wir waren nicht alleine und doch kam es uns teilweise so schrecklich einsam vor.
Die Vergangenheit wirkt.
Wir waren taub. Wir spürten keine Beziehung. Die Angst hat uns verboten wahr-zunehmen.
Der Schleier lüftet sich für einen kurzen Moment. Ein paar liebe Worte. Wir sind noch da. Wir spüren. Wir sind nicht mehr allein.