Vielfalt im Viele sein

Dass nicht alle Menschen ein bisschen Viele sind, haben wir bereits in diesem Artikel deutlich gemacht. Was die Abgrenzungen betrifft bleiben wir auch weiterhin ganz klar. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen mal kindlich sein und dem Viele sein.
In diesem Blog-Beitrag soll es heute vielmehr darum gehen, dass auch Menschen die Viele sind vielfältig sind. Das ist eine Tatsache, die Diagnosehandbücher und Literatur oft vermissen lassen. Diese Richtlinien sind sicher wichtig um zuverlässig diagnostizieren und damit auch Behandeln zu können. Wenn es darum geht sich selbst das Viele sein zu glauben ist diese Starrheit allerdings oft hinderlich. Wir sind alles Menschen und genau so wie es die „Unos“ in den unterschiedlichsten Ausführungen mit eigener Wahrnehmung gibt, ist das auch bei „Multis“. Multipel sein heißt, dass man die stärkste Form der Dissoziation als Überlebensmechanismus entwickelt hat. Die Parallelen zwischen mehreren Multiplen bestehen in dieser Tatsache. Wie jedoch der Einzelne diese Dissoziation erlebt kann sehr unterschiedlich sein und hängt sicher auch von der individuellen Lebensgeschichte ab.

1. Das Stimmenhören:
Es ist wohl der Klassiker, der in so gut wie jedem Fachbuch über das Viele sein auch beschrieben wird. Multiple hören die Stimmen von anderen Innenpersonen, die mit ihnen kommunizieren, in Ihrem Kopf. Das kann sein, muss aber nicht!
Lange nicht jede DIS-Patientin hört diese Stimmen und unterhält sich innerlich. Genau so gut, kann es sein, dass man nur „fremde Gedanken“ im Kopf hat oder es fühlt sich vielleicht sogar anfangs so an, als wären es die Eigenen. Gerade, wenn die Bewusstheit, dass es innen noch Andere gibt noch nicht gegeben ist, tritt das häufig auf. Ein anderes Mal passiert die Wahrnehmung der Innenpersonen vielleicht auch über das Körpergefühl. Man fühlt sich plötzlich viel kleiner, bewegt sich anders oder empfindet in einer Situation konträr zu dem, wie man es üblicher Weise tun würde. Auch Mischformen dieser Möglichkeiten die Innenpersonen wahrzunehmen und in Kontakt zu treten. Sind möglich. Nicht zuletzt ändert sich die Wahrnehmung auch mit dem grad der Co-Bewusstheit.
Bei uns ist es so, dass ich als Außenperson manchmal klar eine Stimme höre, die ich mal mehr mal weniger direkt zuordnen kann. Häufig erlebe ich unser Viele Sein allerdings auch, als hätte ich einfach mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf, die sich zum Teil auch widersprechen. Manchmal denke ich, ich denke selbst und stelle erst später in der Therapie fest, dass jemand anderes mit seinen Gedanken ganz nah an mich herausgerutscht ist. Oder mich überschwappt eine Gefühlswelle mitten aus dem nichts und es stellt sich erst im laufe der Zeit heraus, zu wem die Gefühle gehören. Fazit: Es ist wichtig die eigene Wahrnehmung der anderen, wie immer sie auch aussehen mag, ernst zu nehmen und zu entwickeln. Die Diagnose DIS ist nicht ausgeschlossen, nur weil man (vielleicht auch nur zunächst) keine Stimmen hört.

2. Kommunikationsweg innere Konferenz:
Schon möglichst frühzeitig in der Therapie geht es darum sich gegenseitig im Innen kennenzulernen und Kommunikation zu entwickeln. An dieser Stelle ist der Vorschlag zur inneren Konferenz oft nicht weit. Was nun aber, wenn das nicht funktioniert? Was wenn man die Antworten auf Fragen auf diesem Wege nicht wahrnehmen kann? Was wenn trotz den Mühen nichts vorwärts geht!? Ist man dann weniger Multipel, weil es bei den anderen ja anscheinend klappt?
Es gibt durchaus Multiple bei denen das nicht funktioniert. Die auch nach längerem Versuchen oder dem Hinterfragen, ob Programme am laufen sind, nicht in der Lage sind, die Innenpersonen auf diesem Weg wahrzunehmen. Dann gilt es andere Wege zu entwickeln. Auch Allison Miller schreibt in „Werde, wer du wirklich bist“ dass manchen ihrer Klienten die innere Kontaktaufnahme nicht möglich ist. Schreiben dient dann beispielsweise als Alternative.

3. Irgendjemand Innen hat auf jede Frage eine Antwort:
Öhm ja, kann sein… Das heißt aber lange noch nicht, dass er erreichbar ist oder die Antwort verrät. Wir persönlich bezweifeln auch, dass das so ist. Manchmal hat man auch trotz der Vielfältigkeit im Innen keine Lösung parat. Multis wissen genau so wenig alles, wie andere Menschen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein bestimmtes Wissen innen irgendwo sein muss oder eine Innenperson die Erinnerung ergänzen kann, nützt das wenig, wenn es in diesem Moment schlicht nicht greifbar ist.

4. Irgendjemand Innen kann die Aufgaben übernehmen, mit denen du nicht klar kommst:
Im Grunde ähnlich wie unter Punkt drei. Innenpersonen sind kein unerschöpfliches Ersatzteillager für überforderte Außenpersonen oder welche Anforderungen auch immer. Bis zu einem gewissen Punkt kann man zusammen helfen. Die ein oder andere Aufgabe auch mal Teilen, sich in den Kompetenzen ergänzen. Wie gut das klappt hängt auch davon ab, wie weit man sonst schon mit der Zusammenarbeit gekommen ist. Aber am Viele sein muss keiner Zweifeln, nur weil er in einer schwierigen Situation keine Innenperson hat, die auf Anfrage der Therapeutin sofort einspringt. Auch als Mensch der Viele ist, gibt es Situationen in denen keiner einfach mal eben übernehmen kann. Zudem sind Alltagssituationen auch oft neu und es müssen bestimmte Kompetenzen ebenfalls von Grunde auf neu gelernt werden.

5.Die Diagnose sagt ich bin viele, ich fühle mich aber nur als eine
Dann hat der Programmierer ganze Arbeit geleistet. Wenn die Diagnose sorgfältig von fachkundigen Therapeuten gestellt ist, aber du dich dennoch nur als eine fühlst, dann ist das gut möglich. Schließlich bist du ja eine. Eine von Vielen, aber dennoch eine. Das heißt nicht, dass du deinen Körper für dich hast, nur weil die eigene Wahrnehmung für die Anderen fehlt. Wenn unter Umständen auch schon zweit und Drittmeinungen die gleiche Diagnose stellen, wird es Zeit sich genauer damit zu beschäftigen. Teilweise wird beim Programmieren auch versucht genau diesen Zustand herzustellen. Als Alltagsperson sollst du (meist) nichts von den anderen wissen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Vielleicht magst du dich auf die Diagnose ja mal unverbindlich einlassen und erkunden was davon für dich stimmt… Ablehnen kannst du sie ja am Ende immer noch, aber dann hast du ehrlich geprüft. Und keine Angst, du wirst sie nicht einfach irgendwann für wahr halten, obwohl niemals etwas war…

6. Andere kaufen Dinge von denen ich nichts weiß und Jugendliche wollen in die Disco zum Party machen…
Das hängt von dir als Mensch, deinem System und wie ihr organisiert seid, ab. Ich habe bei mir innen bislang keine Jugendliche ausmachen können, die gerne mal auf eine Party loszieht ohne dass ich davon weiß. Das wäre für uns früher auch sicher tödlich geendet… Zudem mag einfach keiner die laute Musik, nach der noch Stunden später die Ohren klingeln. Beim Einkaufen ist es ähnlich. Innenkinder sind unbeaufsichtigt nicht draußen beim Einkaufen unterwegs. Das wäre viel zu auffällig gewesen und damit verboten. Dementsprechend wird das auch schon immer von Beschützern Innen kontrolliert. Was bei uns durchaus vorkommt, ist, dass Sachen in den Einkaufswagen gepackt werden wollen, die ich als große ungern darin sehe. Im Großen und ganzen weiß ich aber meist davon. Die Lücken zeigen sich bei uns eher an anderer Stelle.

Das sind nun zunächst die Punkte, die uns als erstes eingefallen sind und mit denen wir Anfangs auch von Zeit zu Zeit gekämpft haben. Die Liste ist sicher unvollständig und noch erweiterbar.
Grundsätzlich gilt auch beim Viele sein:
Mut zur Vielfalt! Mut sich selbst als Individuum zu entdecken!

Übergangszeiten

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Copyright by „Sofies viele Welten“


Das Gras ist noch nass vom Tau.
Der Hauseingang liegt früh am Morgen noch im Schatten.
Aus der Magnolie glitzern die Anemonen.
Auf der Wäschespinne der Nachbarin hängt bereits ein Betttuch. Der Duft der frischen Wäsche benetzt zart die Nasenschleimhaut. Ich nehme einen tiefen Atemzug der Sommerendherbstanfangsluft zum Start in den Tag.
So wie der Tag neu beginnt, so werden auch wir in ein paar Tagen in einer neuen Stadt starten. Weit weg von unserem Ursprungszuhause. Wie das sein wird, können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ebenso wenig was es eventuell auslöst. Einerseits freuen wir uns auf den Raum der entsteht. Morgens aufzustehen und nichts wiederzuerkennen. Beim Einkaufen sicher keine unangenehmen Erinnerungen zu treffen. Andererseits gibt es auch die Angst, dass uns Dinge überfluten, die bis dahin gut weggepackt waren. Es ist schön, wenn Innenleute zurück kommen können, weil uns das ganzer macht. Wir hoffen dennoch, dass wir vor Ort dann auch Unterstützung haben.
Heute Abend werden die Schlüssel der alten Wohnung zurück an den Vermieter übergeben. Eine Tür geht zu. Eine andere geht auf.
Möge die Zukunft in der Sonne glitzern.

Ein Karton für die Kinder

Umzugskarton
Sachen packen.
Umzugskartons fertig stellen.
Schränke ausräumen.
So sahen unsere letzten Tage und Wochen überwiegend aus.
Heute vielen uns dabei ein paar ganz besondere Sachen in die Hände.
Bücher für die Kinder, Karten von lieben Menschen, Buntstifte und nette Erinnerungen. Im Kopf wurde es laut beim Anblick der Schätze.
Mit in den Karton zu den anderen Sachen?
Niemals!
Eine extra Schachtel musste her.
Ein Karton für die Kinder.
Im Felix-Geschenkkarton finden sich nun die Lieblingsstücke der Kleinen.
Muscheln, Stifte, Grußkarten, Kinderbücher, Kuscheltiere, Fund- und Sammelstücke und kleine Erinnerungen an die Therapie.
Und irgendwie finden auch wir Großen das gar nicht so schlecht.
Alles was unser Kinderherz oft braucht ist an einer Stelle griffbereit. Egal ob zum Trösten oder einfach nur zum Spaß. Was aus Zufall entstand, werden wir nun wahrscheinlich auch in der neuen Wohnung beibehalten.
Vielleicht kommen im Laufe der Zeit auch neue Stücke dazu und andere werden ausgetauscht.
Schön und praktisch zugleich.

Traum vom Trauma

Ich wache auf, weil jemand meine Hand auf sein steifes Geschlechtsteil drückt und sie dort bewegt. Meine Handflächen spüren die Details. Die Augen zu öffnen und damit dem Täter deutlich zu machen, dass ich nicht mehr schlafe, wage ich nicht. Die Szenerie setzt sich fort, bis er irgendwann auf mir liegt. Die Vergewaltigung ist absehbar. Ich halte mich still und scheinschlafend. Die Angst ansonsten umgebracht zu werden, ist zu groß. Im Kopf rasen die Gedanken auf der Suche nach einer Lösung, wie ich entkommen könnte.

Irgendwann wache ich wirklich auf. Der Alptraum lässt mich für den Moment reglos und verwirrt im Bett liegen. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Langsam gewinne ich Fassung. Es ist Jahre her.

Heute war es nur ein Traum.
Aber auch mehr als das.
Es ist Erinnerung.

Halbschlaf und traumabedingte Dissoziation sind oft nahezu Todesurteile für jedes Erinnerungsvermögen. Zumindest stimmt das für uns. Wir erklären uns das so: Durch den Schlaf besteht schon vor der Traumasituation kein waches Bewusstsein, mit dem man speichern könnte. Der „Traumcharakter“, den Dissoziation vermittelt, lässt sich nicht oder noch schlechter hinterfragen oder einordnen, wenn man ohnehin gerade „träumt“. Wenn überhaupt etwas blieb, war es oft Verwirrtheit: War ich wach oder hab ich geträumt oder was war das heute Nacht!? Manchmal auch ein komisches Gefühl oder ein ziehender Schmerz im Unterleib, der schnell wegrationalisiert war… Am anderen Morgen wach zu werden und einfach gar nichts mehr zu davon zu wissen, war aber ebenso häufig der Fall. Ein bisschen viel Watte vielleicht, dumpfe unreale Wolke am folgenden Tag. „Irgendetwas ist nicht gut, aber was?“

Meine Erinnerungen an Situationen in denen ich im Schlaf missbraucht wurde, kommen hin und wieder im Traumschlaf zurück. Manchmal nicht eins zu eins, sondern mit anderen Traumelementen vermischt.

Manche Träume sind Träume.
Andere sind Wirklichkeit, die sich im Traum zeigt.
Nicht jeder Traum ist Phantasie, nur weil das Geschehen dem Bewusstsein zu surreal erscheint, um wirklich zu sein.
Träume sind Tore zum Bewusstsein.
Im Schlaf öffnen sich die Schlösser.
Die gequälte Seele kehrt im Traum zurück.

Trauma, wo bist du?

Der Kopf dröhnt.
Ich fühle mich wattig dumpf und aufgedunsen.
Der Magen streikt.
Platz für Trauma gibt es nicht. Am liebsten würde ich laut in die Welt hinausschreien, dass es das alles nie gab.
Vergessene Not.
Vergessenes Ich.
Vergessenes Wir.
Ich werde immer dumpfer.
„Open for Business“ – Ich bin bereit.
Läuft!
Wenn da nicht…
Ja, wenn da nicht auch noch diese Bilder wären, die sich in meinen Alltag schmuggeln. Die die Sperrbereiche an meinen Alltagssynapsen im Gehirn einfach überschreiten. Meine Gereiztheit und Daueraggressivität die hinter dem „Alles ist gut“ derzeit ständiger Begleiter ist und mit der ich mich langsam selber nerve. Und diese unbeschreiblich beste Freundin, die meinen Zustand mit liebevoller Ausdauer hinterfragt, obwohl sie nicht selten genau aus dem Grund verbal eine vor den Latz geknallt bekommt. Dann stoße ich ein bisschen ran an meine Gefühle hinter der harten Schale. An das Gefühl hinter dem „Ach was, das sind doch einfach nur ein bisschen Kopfschmerzen.“ Dann erinnert mich plötzlich das gelbe Kissen im Karton an das gelbe Kissen, das mich damals fast ersticken ließ. Dann bröckeln die Mauern und es wird klar, wo das Trauma ist.
Immer noch da.
Nix heile Welt.
Trotz all der Mühe, diese aufkeimenden Erinnerungen so schnell wie möglich wegzupacken, sie im Keim zu ersticken und gar nicht erst darüber nachzudenken.
Das Trauma ist hinter der Wand.
Eingewickelt in Dissoziationswatte.
Und dann muss ich mir bitter eingestehen: Ich bin noch immer nicht in der Lage mein Innen gut zu versorgen. Ich kann noch immer nur entweder – oder. Ich kann den Kontakt zu mir und den Anderen schwer bis gar nicht halten, wenn ich im Außen funktioniere. Ich bin noch immer schwer traumatisiert. Es ist noch nicht alles überwunden.
Dann wird aus dem krampfhaften „Es ist alles gut“-Schrei ein Schrei vor Schmerz. Dann krampfen meine Zellen und brüllen vor Verzweiflung.
Und die Träume in der Nacht weinen über unsere Vergewaltiger und Schänder.
So schnell wird dann aus „Ich lebe meinen Traum“ ein „Ich lebe mein Traum-a“. Einer völlig planlosen Alltagsperson mache ich in Hochstresszeiten leider immer noch alle Ehre.
Alles wieder futsch.
Augen zu und durch.
Wegdissoziiert, was mein Leben bedeutet.

Katzenträume

Die Katze ist gerade dabei es sich auf unseren Oberschenkeln gemütlich zu machen. Wir sind müde und doch wach. Es ist mitten in der Nacht. Im Kopf bewegen sich Gedanken. Sie suchen einen Schlafplatz.
Eigentlich ist Sommer. Diese Sommernacht ist kalt. Wir ziehen uns die Decke bis zum Kopf. Zu warm. Füße wieder raus. Unser traumageschädigter Darm macht einen Gluckser – wohl eher nicht vor Freude. Eine zweite Fellnase schaut uns auf einmal tief in die Augen. So tief, dass die Schnurrhaare unsere Wangen kitzeln. Schnurren, Treteln und ein lautloses: „Du liegst falsch. Könntest du bitte endlich die Seite wechseln und mich streicheln!?“ Wir kommen der Bitte nach. Die andere Seite war eigentlich bequemer. Mit der Hand im weich-warmen Katzenfell kommen die Kinder zur Ruhe. Ein Lächeln huscht über die traurigen Lippen. Bald wollen die Augen schlafen. Mit beiden Katzen im Arm schlummern wir ins Land der Träume.
Danke, kleine Katzentherapeuten!

Bist du schon alt genug?

Etwas zu früh spaziere ich in die Arbeit hinein. In der Küche stehen zwei Kollegen, die sich unterhalten. Ich stelle mich dazu, weil ich mir noch Wasser mit an den Schreibtisch nehmen möchte. Eine Kollegin beschäftigt der Missbrauchsfall eines Kindes aus unserer Region. Mitten im Satz hält sie plötzlich inne, dreht sich zu mir und frägt: „Oh Gott, bist du dafür eigentlich schon alt genug? Kann man mit dir schon über sowas reden?“
Ich bin einigermaßen perplex. Mit allem hätte ich gerechnet, aber ausgerechnet mit dieser Frage nicht. „Öhm ja, ich bin 28“, sage ich, wohl auch, weil es das einzige ist, was mir in dem Moment noch einfällt. Die Kollegin ist beruhigt. Noch im Gespräch denke ich mir, dass ich wohl Dinge weiß und erlebt habe, an die sie alle im Traum nicht denken. Mit dem Alter hat das nichts zu tun…🙄
Was mir dabei wieder mal auffällt:
Es gibt Menschen, bei denen Gewalt und Missbrauch nicht zur Tagesordnung gehören. Die entsetzt sind über die „Einzelfälle“, die es aus der Presse an den Rand ihrer Welt geschafft haben. Die Schwierigkeiten haben sich überhaupt vorzustellen, dass es sowas gibt. Ich habe Mühe mich in diese Lebensrealität hineinzuversetzen. Die Themen begleiten mich täglich. Ganz automatisch. Zwei völlig unterschiedliche Kosmen treffen aufeinander. In Ihrer Welt gibt es mich nicht. Ich existiere nicht. „Gut, dass es sowas in unserer Region nicht gibt.“ Ich stehe neben ihr und bin doch unsichtbar.

Svali und die Nebeneffekte technischer Folter

Beim Stöbern durch andere Blogs, bin ich auf die englische Seite von „Svali“ gelangt, wo die Aussteigerin über ihre Erfahrungen innerhalb einer bestimmten Gruppierung berichtet.
Die Seite ist sicher nichts für schwache Nerven, hat enormes Triggerpotenzial und sollte von Betroffenen besser nur mit großer Vorsicht gelesen werden. Wir selbst haben den Versuch dort quer zu lesen ziemlich schnell abgebrochen, weil uns die Schilderungen schlicht zu viel waren und können deshalb auch nicht beurteilen, wie gut oder schlecht wir die Seite insgesamt finden. An einer Stelle ihres relativ neuen Artikels „Tech Tourture“ (Technische Folter) sind wir aber hängen geblieben…

Als Nebeneffekte bestimmter Möglichkeiten der Folter mittels verschiedener Techniken und Technologien beschreibt sie unter anderem:

•Feeling as if the individual is “vibrating” internally at a rapid rate. This lasts for roughly 6 weeks after a programming session, then becomes less intense over time.
Ein Gefühl, als würde das Individuum in einer sehr schnellen Frequenz innerlich vibrieren. Dies dauert für ungefähr sechs Wochen nach einer Programmierungseinheit an und wird dann über die Zeit weniger intensiv.
•Severe, deep headaches at the back of the head, and in the center of the brain (including feeling as if the center of the brain is a “hot coal” inside). Because the deep neural centers have been directly stimulated, the headaches are atypical.
Schwerwiegende, tiefe Kopfschmerzen am Hinterkopf und im Zentrum des Gehirns (mit dem Gefühl, als wäre die Mitte des Gehirns eine „heiße Kohle“). Da die tiefen neuronalen Zentren direkt stimuliert wurden, sind diese Kopfschmerzen atypisch.
•Hyperthermia and hypothermia: during the tech torture and entrainment, the individual’s core temperature often rises, and cooling blankets are put on them. As the programming is broken, they may re-experience these body memories. They become less frequent and less intense with time.
Über- und Untertemperatur: Während der technischen Folter und der Abrichtung, steigt oft die Körpertemperatur der Einzelpersonen und Kühldecken werden auf sie gelegt. Wenn die Programmierung aufgebrochen wird, erleben sie diese Körpererinnerung unter Umständen wieder. Diese werden weniger häufig und weniger intensiv mit der Zeit.
•Extreme restlessness and feeling as if the individual is “crawling out of their skin”: this is associated with the tesla waves vibrating internally
Extreme Ruhelosigkeit und ein Gefühl, als ob man aus der Haut fahren könnte: Dies liegt an den innerlich vibrierenden Tesla-Wellen.
•Tingling and even shocking (electrically) if the head is touched: because the entrainment literally trains the brain to shock itself, this is one side effect that can occur. Supporters may feel a mild to moderate shock if they place their hand on the survivor’s head, as the electrical activity works its way out of the body.
Kribbeln und sogar elektrische Schläge, wenn der Kopf berührt wird: Da das Training das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes trainiert sich selbst zu schocken, ist dies ein Nebeneffekt, der auftreten kann. Unterstützer fühlen vielleicht einen milden bis moderaten Schlag, wenn sie ihre Hand auf dem Kopf der Überlebenden platzieren, als ob die elektrische Aktivität sich ihren Weg aus dem Körper sucht.
•Extreme soreness on the top of the head, or the back (bottom) of the head
Extreme Schmerzhaftigkeit oben auf dem Kopf oder dem hinteren, unteren Teil des Kopfes
All of the above symptoms will pass with time and healing; and it is important to reassure the survivor that these are normal side effects when breaking the programming.“
Alle der oben genannten Symptome vergehen mit der Zeit und im Laufe der Heilung und es ist wichtig der Überlebenden zu versichern, dass dies normale Nebeneffekte sind, wenn Programme aufgelöst werden.

Die deutsche Übersetzung, wurde von mir für diesen Beitrag  zur besseren Verständlichkeit für deutschsprachige Leser hinzugefügt und hat keinen Anspruch auf vollständige Richtigkeit und Wortwörtllichkeit der Übersetzung. Vielmehr wurden manche Passagen sinngemäß wiedergegeben.

Manche der oben genannten Symptome, haben wir auch selbst in bestimmten Phasen immer wieder erlebt, oft ohne sie zunächst einordnen zu können. Beim Lesen von Svalis Beitrag, war der ein oder andere Aha-Moment dabei und der Zusammenhang zu den eigenen Programmierungserfahrungen wurde nochmal deutlicher. Wir sind der Meinung, dass auch andere Formen der Folter, wie in diesem Artikel beschrieben, ähnliche Symptome auslösen können.
Als wir vor einigen Jahren von Körpersymptomen überschwemmt wurden, die kein Arzt wirklich einordnen konnte und die uns das Leben zur Hölle machten, waren einige der oben genannten dabei und wir hätten uns manchmal schlicht gewünscht, dass uns jemand bei der Einordnung hätte helfen können und wir nicht alles alleine rausfinden müssen, zumal uns das schreckliche Angst machte. In der Therapie wurde durch viel Arbeit deutlich, woran sich unser Körper da erinnerte.
Es hat wohl vor und Nachteile, dass wir das letzlich selbst entdecken mussten ohne Beeinflussung von außen…
Dennoch finden wir es grade einfach schön, nachträglich in unserem Wissen Bestätigung zu finden und vielleicht geht es der/dem ein oder anderen Leserin/Leser ja ähnlich. 🙂

Quelle:
 https://svalispeaksagain.wordpress.com/2017/06/08/tech-torture/

Kohlensäure und Trauma

Wir beobachten.
Kohlensäure prickelt in der Mineralwasserflasche nach oben.
Die Gasperlen spielen sich vom Grunde an die Oberfläche, wo sie aufplatzen und mit Wasserfeinstaub explodieren.
Wenn man nahe genug rangeht, spürt man ihn auf der Nase.
Wenn man die kohlensäurehaltigen Wunderwasserflaschen schüttelt und dann öffnet, bleibt es nicht beim Feinstaub…
Alles entlädt sich schlagartig.
Das CO3, das vorher in das kühle Nass hinein gezwängt wurde, mag nicht mehr drin bleiben, sobald es frei werden und andere Wege gehen kann, in denen es langfristig stabiler ist, als in der Zwangsverbindung. Die im geschlossenen Ruhezustand fast unsichtbaren, winzigen Gasmoleküle nutzen ihre Chance und treten nun beim Aufschrauben die Flucht an. Dabei reißen sie nicht nur sich selbst, sondern auch den Grundstoff Wasser mit in eine Springbrunnenexplosionsfontäne.

Das Mineralwasser, dass ich bis eben einfach nur getrunken habe, weil ein bisschen Blub es geschmacklich für mich ansprechender macht, als komplett stilles aus der Leitung, ist mir auf einmal erstaunlich nahe.
Wir verstehen uns.
Es wird zum Sinnbild für meinen momentanen Zustand.
Aufgrund unserer Geschichte sind Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebensweisen in uns hineingezwängt worden, die nun irgendwie eine Verbindung zu uns haben. Sehr stabil ist diese Verbindung allerdings nicht. Wir haben uns arrangiert – notgedrungen -, so gut es geht. Versucht aus den eigentlich inkompatiblen Komponenten „Leben“ und „extrem Trauma“ eine nach außen schlüssige Einheit zu bilden. Den Deckel drauf gemacht.
Problem: Wir können das nicht halten, die Erfahrungen nicht dauerhaft in unser Leben integrieren und manchmal wissen wir nicht einmal, dass sie existieren, bis uns jemand „schüttelt“, weil sie in ihrer verborgenen Blase auf den Moment der Freisetzung warten. Das „schütteln“ wird von Triggern übernommen. Was dann kommt ist oft unerwartet.
Es gibt zwei verschiedene Folgen:
1. Wir implodieren:
Wir brechen innerlich zusammen, weil der Deckel zu fest sitzt, als dass der Druck sich entladen könnte und wir versuchen mühsam alles zu halten und uns der Zwangssymbiose wieder anzupassen.
2. Wir explodieren:
Gefühlsfontäne.
Wer sie abbekommt ist meistens mehr, als einfach nur „nass“…
Das Trauma kotzt sich schwallartig in Teilen aus.
Das einzige Folgeproblem:
Es ist nicht vollständig!
Es ist kein CO3.
Es ist nur das „C“ oder nur das „O“ oder nur das „3“ oder nur die Hälfte eines Bestandteiles oder ein Viertel davon…
Es ist keine stabile Verbindung, die einfach gehen kann oder sich klar abgegrenzt in die Gegenwart integrieren lässt.
Es behält sein „Bombenpotenzial“ und muss notgedrungen unvollständig im Menschen bleiben… vorerst… bis es ganz ist und sich in der Seele lösen kann, denn „Trauma-CO3“ löst sich leider nicht im Außen.

Ich schraube meine Wasserflasche fast andächtig zu.
Die Bilder die ich gerade dazu entwickelt habe schwirren durch meinen Kopf…
Wenn man die Flasche nicht schüttelt, sondern vorsichtig aufschraubt, kann die Kohlensäure mit dem Wasser sanfte Wege in die Freiheit gehen…

Phasen – Ich

In der Regel komme ich in meinem Alltag gut zurecht, sobald ich morgens das Haus für Arbeit und Beruf verlassen habe. Der innere Schalter steht auf „Open for Business“ – Funktionalität, Professionalität und Hochleistung, wenn nötig.
Die Arbeitszeit über höre ich kaum etwas von meiner Innenwelt, Bilder oder Erinnerungen werden weggestellt, ohne dass ich sie bewusst wegstelle. Der Tag passiert einfach. An manchen Stellen fühle ich mich mal mehr, mal weniger, gestresst, was ich gekonnt überlächle und ansonsten bin ich erstaunlich gut drauf. Alles easy.
So lief das auch die letzten Wochen.
Man erwartete Leistung bei extremen Arbeitspensum, ich brachte sie.
Ich benehme mich, als wäre nie irgendetwas schlimmes oder belastendes passiert.
Soweit das Leben in der Arbeitswelt.

Und nun gibt es da noch diese anderen Momente…
Dann wenn die Arbeit vorbei ist.
Privat.
Wenn Urlaub oder Wochenenden Ruhe versprechen.
Bei großem Stress in Job oder Ausbildung, was in der letzten Zeit fast immer der Fall war, rette ich mich ganz gut über einzelne Abende, weil ich dann entweder so k.o. bin, dass ich vom Lernen ins Bett falle oder die Zeitspanne bis zum nächsten Morgen schlicht zu kurz ist, dass der Stress- und Adrenalinpegel ausreichend abfällt, dass ich anfangen würde mich wieder zu fühlen…
So nach eineinhalb bis zwei Tagen sieht’s dann schon ganz anders aus…
Dann fängt das Grauen an über mich hereinzubrechen.
Die Innens und die Erinnerungen nehmen sich Raum.
Die strahlende „Businessfrau“ verschwindet und weicht einem fahlen, schmerzverzerrten Wesen, angefüllt mit Folter, das weder mit dieser Welt, noch mit sich selbst zurecht kommt und am liebsten nicht mehr aufstehen möchte.
Angst vor allem.
An Alltag ist nicht mehr zu denken.
Nicht für die nächste Zeit.
Alles was irgendwie geht ist mühsame, kleine Schrittchen zu machen und sich mit vereinten Kräften zur Therapeutin zu schleppen, voll Verzweiflung und in der Hoffnung, dass etwas von dem was auftaucht, gelöst, bzw. verarbeitet, werden kann.

Wieso geht eigentlich immer nur eines von beiden?
Wieso kann es uns nicht gut gehen, wir arbeiten und wir verarbeiten?
Oder wenigstens ein bisschen Funktionalität übrig bleiben?
Phasengrenzen hart und unkalkulierbar.
Entweder – Oder.
Entweder fühlen wir uns – Oder wir Funktionieren.
Heilung in Schüben.
Wann es vom einen ins andere kippt, ist schlecht voraussehbar.
Steuern kann ich das kaum.