Geschenke als Mittel der Entwürdigung – wie Gaben in Gewaltkontexten zu Machtinstrument und Waffe werden

Steif stehe ich da und blicke auf meine kleine Kinderhand. Sie umschließt Markstücke und Pfennige, die mir mein Onkel soeben mit viel Kraft in die Hand gedrückt hat. Dann verschwand er aus der Tür. Gerade noch ist er mit einem Sturm der gewaltvollen Vernichtung über mich hinweggefegt, der mir noch Jahrzehnte später Tränen in die Augen treiben wird. Ich fühle mich leer und ausgelöscht. Messerscharf hat er mit seinen Worten meine gesamte kindliche Würde aus mir entfernt. „Wer will schon so sein und so aussehen wie du!?“, hallen seine Worte in mir nach. Nun bin ich in der Küche meiner Großeltern stehen gelassen. Was ich mit dem Geld soll, weiß ich in dem Alter noch gar nicht. In mir brennt nur der wahnsinnige Schmerz, den ich schlucken muss. Ich bin unerträglich und für alle eine Zumutung, also muss ich mich wenigstens anstrengen. Lächeln. Nicht weinen. Niemanden belasten. Mich fassen. Vielleicht umklammere ich das Geld deswegen so sehr und starre in meiner Verzweiflung darauf, weil ich hoffe, dass es mir sagt, wie das ganz leicht geht. Mein Onkel scheint sich damit von seinen Entgleisungen zumindest frei gekauft zu haben. Denn von dem Zeitpunkt der Übergabe an, tun alle so, als wäre nie etwas geschehen. Nur ich, ich stehe da: Allein, verwirrt, entwürdigt, leer, bezahlt dafür, jetzt ganz normal mit Alltag weiter zu machen, zu schweigen und mir von der soeben erlittenen Gewalt nichts anmerken zu lassen.

Mehr als dreißig Jahre später sitze ich in meiner Therapiestunde und weine Rotz und Wasser. In mir reihen sich die Bilder aneinander, in denen mir Geschenke gemacht wurden – um mich zu entwürdigen.

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Vom Hängen gelassen werden – wenn Gewalt plötzlich die beste Option ist

Es gibt Situationen, da klammern wir uns noch heute an den Aggressor, versuchen sie mit ihm zu klären, statt uns umzudrehen, zu gehen und manche Dinge einfach nicht mit uns machen zu lassen. Ein Konflikt. Wie lösen, wenn der andere erst Grenzen massiv überschreitet, dann blockiert, die Welt verdreht und letztlich schweigt. Ein Schmerz durchfährt uns. Die Wunde sitzt tief und in unserem Kopf wollen alte Bilder neu begriffen werden:

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