Karfreitagsfreiheiten

Früher, da waren diese Tage um Ostern vollgequetscht mit Ritualen und Dingen, die wir aus pseudoreligiösen Gründen genau so tun und ertragen mussten.
Am Karfreitag wird gefastet. Zum schein für die christliche Fassade.
Die Antichristliche hat Ihre eigenen Regeln. Dort herrscht Feierlaune.
All das lässt die Anspannung des Kindes ansteigen. Höchste Achtsamkeit. Was wird wo verlangt!? Wer gehört zu welcher Welt!? Und wenn man endlich meint zu wissen, zu welcher Welt jemand gehört, dann taucht er plötzlich doch auch in der anderen auf… Nur nichts falsch machen! Nichts durcheinanderbringen! Lebensgefahr!
Die Wiedersprüche von Tag und Nacht, von Außenwelt und Innenwelt, von Innerfamiliär und Außerfamiliär werden in diesen Tagen so deutlich und bewusst.
Die Stundenlange Karfreitagsliturgie in der Kirche am Nachmittag.
Die Rituale und Messen tief in der Nacht.
Wiedersprüche, die allein durch ihre Verwirrung und Anspannung Dauertrancen im Kind hervorrufen.
Perfekt als Vorbereitung und den leichteren Einstieg in die Folterprogrammierungen des Kindes, die an diesen Tagen vorgenommen werden.

Heute ist vieles anders.
Keiner zwingt mich in irgendeine Kirche zu gehen. Niemand schreibt mir vor bestimmte Rituale abhalten zu müssen oder daran teilzunehmen. Zumindest nicht im Außen.
Seit Tagen fühle ich tiefe Traurigkeit in mir, gepaart mit einem immer wieder durchdringenden kleinen zarten „Ich kann nicht mehr“.
Ich nehme mir Zeit. Zeit, um die Verwirrung von damals zu entwirren. Mache langsam, wo früher alles schnell gehen musste. Versuche die ewigen Fleisch oder nicht Fleisch Diskussionen zu durchbrechen und nehme mir vor einfach das zu essen und zu trinken, was gut für mich ist. Vor allem nehme ich mir vor überhaupt zu essen und zu trinken, so gut es geht.
Ich nehme bewusst wahr, dass wir diese Freiheiten heute im Außen haben und selber entscheiden dürfen. Irgendwie fühlt sich das gut an. Hoffnung in der düsteren Gedankensuppe. Es ist schon etwas besser geworden.
Ich fühle und höre die Vielen in mir und erahne ihre Schmerzen, ihr Leid und die Höllenqualen.
Ich bin dankbar, dass ich das heute fühlen kann und mich/uns schon soviel besser kennengelernt habe.
Ich weiß, dass nicht ich verrückt bin, sondern die Welt um uns herum.
In all dem, was noch an das Früher bindet, was schwer ist und oft kaum auszuhalten, gibt es neue kleine-große Freiheiten.
Wir essen. Was wir wollen. Und wann wir wollen.
Das ist unsere Karfreitagsfreiheit.

Sei stolz auf dich,…

…dass du noch lebst.
…dass du das alles überlebt hast.
…dass du tapfer weiter atmest.
…dass du jeden Morgen die Augen aufschlägst, obwohl du sie so oft lieber für immer schließen würdest.
…dass du fühlst und dir die Fähigkeit zu fühlen erhalten hast.
…dass du trotz all der Gewalt nicht hart geworden bist.
…dass du empathisch bist und mitfühlst.
…dass du weinst, obwohl sie dir deine Tränen nehmen wollten.
…dass du Angst hast, obwohl sie nicht erlaubt war.
…dass du dir deinen Humor behalten hast.
…dass du Not sehen kannst – deine eigene und die anderer.
…dass du für deine Rechte und Bedürfnisse kämpfst.
…dass du damit auch für die Rechte und Bedürfnisse anderer kämpfst.
…dass du den riesengroßen Schmerz in dir erträgst und weiter machst, obwohl er unerträglich ist.
…dass du trotzdem noch Pläne und Träume hast.
…dass du dich entschlossen hast auszusteigen.
…dass du einen Teil des Ausstieges bereits dadurch geschafft hast und dich von den Tätern abgrenzt, dass du deine eigenen Gefühle behalten hast und den Schmerz spürst, wo dir doch immer gesagt wurde, dass das alles toll ist.
…dass du die Gewalt nicht weiter geben willst.
…dass du mutig neue Dinge ausprobierst, trotz der Todesangst, die sie dir oft machen.
…dass du bereit bist dir Hilfe zu suchen, trotz aller Schwierigkeiten diese zu finden und trotz den Verletzungen, die du vielleicht auch aus dem Helfersystem schon einstecken musstest.
…dass du Beziehungen eingehst und Freundschaften zulässt.
…dass andere dich und deine Fähigkeiten schätzen.
…dass du die Schweigegebote brichst und anfängst dich auszudrücken.
…dass du dir selber immer mehr vertraust.
…dass du nicht davon läufst und zu dir schaust.
…dass du Fehler machst und menschlich bist.
…dass du die Begrenzungen immer mehr aufbrichst.
…dass du dir eingestehen kannst, dass arbeiten in dieser Heilungsphase für den Moment einfach nicht möglich ist.
…dass deine sogenannten Schwächen dir nur zeigen wollen, was du wirklich brauchst.
…dass dein Körper mit dir und uneingeschränkt für dich kämpft.
…dass deine Seele endlich ihren Platz und ihre Beachtung findet.
…dass du dein Innen und deine Innenpersonen immer besser kennen lernst.
…dass du aufgeben kannst.
…dass du schwach und kraftlos sein darfst.
…dass du es weiterhin versuchst.
…dass du ____________________________
…dass du so bist wie du bist!

Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015

Wenn es etwas gibt, was ich letztes Jahr wirklich mit allem was in mit ist verstehen durfte, dann ist es das, dass das alles wirklich wahr ist und passiert ist – Der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die Gewalt, die Folter.
Das war allerdings sehr lange ganz anders.
Oft war es nur eine wage Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmt. Was? Keine Ahnung. Wenn Bilder da waren, dann waren sie für mich als Alltagsperson so ungreifbar, dass ich meinen Zweifel daran hatte und oft genug darüber nachdachte, warum meine Phantasie jetzt so mit mir durchgeht. Leider war ich trotz aller Bemühungen unfähig das zu stoppen. Mein Körper machte mir komische Gefühle, ließ mich spüren, dass mich jemand anfasste, streichelte oder auf mir lag und lähmte mich manchmal vor Schmerzen, obwohl niemand da war. Ängste. Schmerz der mich innerlich zerfetzte, wenn ich bestimmte Worte hörte. Alles so real… Doch wirklich passiert!?
Gemeinsam ging ich mit unserer Therapeutin und den Innenleuten vor Jahren irgendwann den Weg des Ausstieges. Mal näher an: „Ja, das stimmt!“ Mal näher an: „Alles Phantasie und Lüge!“ Irgendwie fühlte es sich richtig an, diesen Weg zu gehen. Irgendwie war da immer das Gefühl, das in mir noch viel mehr Dinge sind, die ich nicht weiß. Irgendwie spürte ich, dass es Verbesserungen für mich brachte mich darauf einzulassen, mit den Innenpersonen zu reden, mich von bestimmten Menschen fern zu halten, weil dadurch manche Ängste und Symptome gelindert wurden. Ich ging mit. Entlang an meinem Bauchgefühl. Ich war irgendwann draußen. Hatte mein eigenes Leben. Richtig greifbar wurde es in seiner Gänze allerdings nie. Es blieb ein Nebelschleier, der alles auf eine surreale Ebene hob. Manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark war, fühlte es sich so an, als würde ich eine Phantasie leben, mit der ich nicht aufhören konnte. Doch egal, wenn sich durch die Behandlung auch die gesundheitlichen Beschwerden positiv beeinflussen ließen.
Letztes Jahr bin ich mit der Bitte nach Innen gestartet, doch bis Ende des Jahres endlich sicher zu wissen, was mir passiert ist, meine Geschichte endlich durchgängig sicher als Realität greifen zu können. Ich begann damit, das anzunehmen und zu fühlen, was ich sicher wusste. Dazu gehörten u.A. teile des Missbrauches, seelische Gewalt, körperliche Gewalt, Alkoholismus im nahen Umfeld,… Ich erlaubte mir diese Dinge zu fühlen, sie als schlimm anzuerkennen. Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen. Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Stimmungen im Raum – Sie alle bekamen nun das Gewicht, das sie für mich schon immer hatten, das mir aber systematisch ausgeredet und als normale Harmlosigkeit untergeschoben wurde. Ich fühlte den riesigen Schmerz, die Ängste, die Verzweiflung. So reihte sich ein Puzzleteil an das andere. Der Nebelschleier lüftete sich Stück für Stück.
Heute weiß ich und kann tief in mir spüren:
Es stimmt.
Es ist die Wahrheit!
Ich wurde missbraucht. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde gefoltert. Ich wurde verkauft. Ich wurde von organisierten Täterkreisen und Kulten ausgebeutet. Wir sind Viele.

Ich dachte immer, dass ich keinen Zweifel haben dürfte, wenn es wirklich so gewesen ist. Ich müsste das doch wissen. Ich dachte, dass ich auch sicher wissen müsste, das ich Viele bin, wenn es stimmt. Heute denke ich anders.
Denn „Viele sein“ bedeutet Dissoziation und Dissoziation bedeutet Zweifel.
Dissoziation schafft den Raum etwas dadurch zu überleben, dass es unreal wird, sich nicht mehr greifen lässt und im Nichts verschwindet.
Dissoziation verwischt das Bild und die dazugehörigen Gefühle und zerstreut sie in kleine Puzzlestückchen, die jedes für sich oft wenig Sinn ergeben, weil die Schachtel mit dem Gesamtbild fehlt, die verrät, wo man sie einsetzen muss.
Dissoziation schafft die Ebene von „Phantasie und Traum“, um die Schrecklichkeiten erst später zu enthüllen und Stück für Stück der Verarbeitung zugängig zu machen, wo sonst die Überflutung den Boden unter den Füßen wegziehen würde.
Dissoziation hüllt den tiefen Schmerz in ein watteweiches, wolkiges Tuch, in dem seine Schärfe nur sehr dezent zum Vorschein kommt.
Da und doch nicht da.
Zweifel entstehen durch mangelnde Bewusstheit einer Realität.
Dissoziation bedingt Zweifel gerade zu.
Zweifel bestätigen die Dissoziation und stellen sie nicht in Frage.
Dissoziation ist der Zweifel.
Zweifel, an der eigenen Wahrnehmung, der einen Überleben lässt.

Auf Traumaentzug

Was Jahre- und Jahrzentelang täglich zu unserem Leben gehörte, soll nun plötzlich komplett wegfallen.
Keine neuen Traumatisierungen mehr.
Sicherheit.
Was sich in der Therapie so stimmig anhört und irgendwie Sinn macht, ist außerhalb des Therapieraumes grausame Realität.
Kalter Entzug.

Den Ausstieg aus den direkten Täterzusammenhängen haben wir schon vor Jahren gewagt. Was blieb waren Ersatzhandlungen, wie sich immer wieder in gefährliche Situationen zu begeben und eine Sexualität zu leben, die im Grunde den Taten, die früher an uns begangen wurden, stark ähnelt und oft auch gleicht. Wie ein Junkie auf der ständigen Suche nach seiner Droge – Dominaz, Unterwerfung und Gewalt. Ich wollte das so – Zumindest dachte ich es.
Da in der Therapie nun auch darüber gesprochen wird und damit immer mehr Bewusstsein dafür entsteht, wie schlimm das eigentlich für uns alle ist, was doch so gewollt erschien, soll nun Schluss damit sein. Keine neue Gewalt mehr. Keine Retraumatisierungen. Jetzt, da wir versuchen das Verhalten bleiben zu lassen, wird zudem immer klarer: Wir hatten keine Wahl. Der Druck innen genau das zu suchen und zu tun ist unerträglich.

Gründe und Ursachen die in dieses Verhalten reinspielen, gibt es viele verschiedene, die man alle im einzelnen genauer beleuchten könnte. Ich möchte mich hier allerdings auf die Auswirkung von körpereigenen Stoffen, wie Adrenalin, Endorphinen und Opiaten, auf die Thematik beschränken.
Bei den folgenden Schilderungen handelt es sich um meine/unsere Erfahrungen und Schlüsse, die wir daraus im Zusammenhang mit der Beschäftigung traumaphysiologischer Reaktionen gezogen haben. Wir erheben also keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit.

Bei einem Trauma kommt es zunächst zur Überflutung mit Adrenalin und Endorphinen. Endorphine sind körpereigene Morphine. Herzschlag und Blutdruck steigen, um der Gefahr möglichst noch durch Kampf oder Flucht entkommen zu können. Dauert die Situation an werden zusätzlich Opiate zur Schmerzbetäubung und Cortisol zur Hemmung der Handlungen ausgeschüttet. Blutdruck, Herzschlag und Muskelspannung sinken ab. Es kommt zu Stimmbandlähmung, Schreckstarre und Dissoziation.
Wiederholen sich die Traumata werden jedes Mal diese körpereigenen Stoffe ausgeschüttet. Wächst man in einem Milieu auf, in dem (traumatischer) Dauerstress herrscht, sind diese Stoffe sogar ständig erhöht im Blut vorhanden. Die Stresshormone im Blut sind chronisch erhöht und die Morphin- und Opiatsynapsen werden dauerhaft gut „gefüttert“, um die Situation erträglich zu halten.
Was passiert aber nun, wenn der Stress nachlässt und dadurch die Hormonspiegel im Blut sinken?
Von Opiat- und Morphinabhängigen weiß man, dass diese beiden Stoffe sowohl psychisch, als auch physisch, stark abhängigkeitserzeugend sind. Stehen dem Drogenabhängigen die Substanzen nicht mehr zur Verfügung, entstehen zunächst starkes Verlangen nach den Suchtstoffen und später auch typische Entzugserscheinungen, wie Depressionen, Angst, Zittern, Schwindel, Kreislaufprobleme, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall.
Warum sollte das mit körpereigenen Opiaten und Morphinen nun anders ablaufen?

Wir fühlen uns oft wie Abhängige, die auf der ständigen Suche nach ihren „Drogen“ sind. Je Ruhiger es um uns im Außen wird, umso heftiger wird das Verlangen, dass endlich wieder etwas passiert. Je länger es ruhig bleibt, umso stärker wird der Druck in uns. Wir fangen an aktiv danach zu suchen. Wollen nicht und müssen doch. Die Synapsen haben hunger. Hunger nach ihren Schmerzmitteln und Endorphinen. Sie fangen an verzweifelt danach zu schreien. „Nicht anfangen zu spüren, oh nein!“ Mit dem Entzug sinken auch die dissoziativen Barrieren. „Nur nicht anfangen zu realisieren! Nicht Erinnern! Lebensgefahr, Hilfe!“
Keiner würde den kalten Entzug von heute auf morgen von einem Junkie verlangen. Von uns wird es verlangt.
Was ist unser Gegenmittel? Wo ist unser Methadon?
Es wäre besser für uns damit aufzuhören. Das weiß der Verstand.
Doch emotional ist das schwer.
Paradoxerweise ist es irgendwann auch hilfreich in Gewaltsituationen zu sein. Neben dem, dass wir gelernt haben, dass es etwas mit gemocht und geliebt werden zu tun hat, so behandelt zu werden und wir uns schrecklich alleine und ungeliebt fühlen, wenn das niemand mehr mit uns macht, wenn uns niemand mehr vergewaltigt, macht es taub. Es hilft nicht spüren zu müssen. Die „Drogen“ wirken – körperlich und psychisch. Die Synapsen schreien laut: „Juhu, endlich wieder eine Runde Opiate und Morphine! Endlich schmerzfrei! Kein Körperschmerz mehr und auch kein Seelenschmerz!“ Für den Moment ist alles egal, ehe danach der Stresshormonspiegel irgendwann wieder abflacht und die Welt erneut über uns zusammenbricht und sich im Kopf die neuen zu den alten Bildern gesellen und der Kreislauf von vorne beginnt.
Die betäubende, schmerzstillende Wirkung wäre so genial, wenn der Weg nicht so destruktiv wäre…
Wir gehen weiter unseren Weg durch den Trauma-Gewalt-Entzug.
Weil wir die Zusammenbrüche danach nicht mehr wollen.
Weil wir feststellen, dass wir immer stärkere und extremere Reize brauchen, um den gleichen Effekt zu erzielen.
So ist das mit dem Gewöhnungseffekt bei Abhängigen.
Weil es sich letztendlich lohnt, so hoffen wir.
Eine Frage im Kopf bleibt bislang: „Wenn die Gewalt als Lösungsstrategie wegfällt, wie sollen wir dann mit der ganzen Scheiße in unserem Kopf umgehen!?“

Gewalt schafft viele Probleme.
Schwierig wird es, wenn Gewalt so viele Probleme geschaffen hat, dass Gewalt die Lösung wird.
Manchmal ist Gewalt grausam und verletzend.
Manchmal bringt Gewalt Menschen um.
Manchmal hilft sie, die Gewalt die passiert ist zu überleben.

Kleines „Erinnermich“

Der Oktober neigt sich dem Ende zu.
In so manchen Sekten und Gruppierungen ist viel  los und auch für manche AussteigerIn beginnt wohl jetzt wieder eine schwierige Zeit.

An all die Betroffenen wollen wir an dieser Stelle wieder besonders denken.
Wir stellen hier einfach mal eine Kerze auf, um etwas Licht in die Finsternis zu bringen. weihnachtskerze_www-clipart-kiste-de_082
Vielleicht mögt ihr ja auch eine dazustellen. Dann wird’s immer heller.

Wir wünschen euch viel Kraft und die nötige Unterstützung durch schwierige Zeiten!