Hamsterzeit

Freitagabend.
Ich sitze mit dem Rücken an die Heizung gelehnt.
Kalt ist es und die ersten Schneeflocken pfeifen ums Haus.
Meine Synapsen schreien nach Ruhe und verzweifeln jetzt schon mal im vorraus, dass das Wochenende nur so kurz ist.
Kleine trippel trappel Schrittchen spazieren über unseren Körper. Die Hamsterdame turnt auf uns herum, während sie den Freilauf genießt. „Man müsste Zeit hamstern können…“, denke ich für mich, als ich Ihr so dabei zusehe wie sie fleißig Vorräte in die Backen stopft.
„Schöne Zeit mit ganz viel Liebe.“
In Gedanken beobachte ich weiter das Treiben, die lustigen Spielchen und auch wie viel Zeit und Ruhe sie sich bei aller Quirligkeit damit lässt, die wichtigen Dinge in Ihren Taschen zu verstauen und immer wieder mit den kleinen
zarten Händchen darüberstreicht, bis jedes Körnchen den richtigen Platz gefunden hat und sich optimal eingliedert.
So möchte ich es gerne mit meiner Zeit machen.
Quirlig und bewegt unterwegs und dennoch die Ruhe und Geduld das Zeitpuzzle in aller Sorgfalt zu spielen, bis jedes Teil genau passt.
Und wenn alles passt und die Zeit optimal genutzt ist, dann will ich mir noch ein bisschen mehr, als ich eigentlich brauche in die Backen stopfen und auf Vorrat mitnehmen, dass jederzeit ein Puffer für die oft so dringend benötigte Pause mit dabei ist.

Es ist Nacht geworden in der Zwischenzeit. Der Himmel leuchtet prächtig schwarz vom kleinen Dachfenster herein.
Ein Blick nach oben. Dorthin, wo die Sterne wohnen.
Da draußen in der Mitte des Universums, da muss sie doch sein, die unendliche Zeit. Einmal werd ich in Gedanken dorthin Reisen und mir einen Sack vom dem, was uns hier auf Erden nur so begrenzt geschenkt ist, mitbringen.
Zeit.
Sie werd ich wertvoll wie Gold in meinen Händen halten und mich selbst lieben.
Ich habe die Zeit mir Zeit zu besorgen und weil ich mich liebe, gönne ich sie mir.

Freitagabend

Es ist Freitagabend.
Eine Woche mit viel Berufs- und Arbeitsstress klingt aus.
Geschafft.
Zum ersten Mal seit Tagen komme ich zur Ruhe und habe die Gelegenheit, ohne den Druck etwas unbedingt bis Morgen erledigt haben zu müssen, einfach hier zu sitzen und so lange blöd vor mich hinzuschauen, wie ich möchte.
Mein Körper fängt an das langsam aber beständig zu registrieren.
Die Hände beginnen leise zu zittern und als wäre das ansteckend gesellen sich nach und nach noch andere Körperteile muskelvibrierend dazu.
Der Rücken pocht.
Am Montag war Freitag mein einziges Ziel.
Woche überstanden. Alle Aufgaben zufriedenstellend erledigt.
Ruhemoment.
Doch es ist nicht ruhig…
All das, was ich in Arbeit und Aufgaben bis gerade eben ertränkt habe, hat nun freie Bahn.

Der Körper schüttelt sich mittlerweile vor abfallender Überforderung.
Die Innenleute melden sich erschöpft japsend zu Wort.
Die Erinnerungen haben sich als Flutwelle zusammengetan.
„Samhain,“ flüstert mein Kopf. „Samhain.“
„Ich weiß.“, flüstere ich zurück und gebe zu, dass ich wohl gehofft habe, dass diese Daten rund um den ersten November und alles was sie für uns bedeuten, einfach im Aktionismus untergehen und dass ich davon laufen kann, wenn ich nur schnell genug bin.
Die Tage bewegen.
Nach all den Jahren spüre ich immer noch den Schrecken, den diese Nächte einst für uns bedeutet haben.
Mit jeder Faser meines Körpers bis in die hinterste Ecke jeder noch so kleinen Zelle werden die Qualen wiedererlebbar.
Bildfetzen.
Lebendig begraben.
Beim Schreiben beschließe ich, dass ich mich jetzt einfach hinlegen werde und meinen müden, schmerzenden Gliedern Raum gebe zu heilen.
Gefühle fangen an mich zu überwältigen.
Wellen von Anspannung und muskelelekrisierendem Körperzucken.
Am liebsten würde ich gerade aus meiner Haut fahren, nur um diesen Empfindungen zu entkommen.

Aus dem ruhigen Freitagabend wird wohl kein entspannter Fernsehabend mit Chips.
Damit muss ich mich wohl abfinden.
Doch immerhin finde ich mich selbst und die anderen wieder.

Auf zu neuen Ufern

Seit letzter Woche drücken auch wir nun wieder die Schulbank, um unser Wissen und die bereits absolvierte Ausbildung im beruflichen Bereich zu erweitern.
Täglich um 5.30 Uhr aufstehen, um rechtzeitig losfahren zu können, haben es ganz schön in sich und kosten viel Kraft. Wir haben uns vorgenommen im Zweifel einfach erst Mal nur hinzugehen ohne Leistungsansprüche. Dennoch eine Herausforderung. So ganz lassen sich die Ansprüche an uns selbst in mir dann trotzdem nicht abstellen. Die KlassenkammeradInnen sind nett und offen – Gott sei Dank! Sie wissen zwar nichts von unserer Geschichte, aber man kann ganz gut mit Ihnen reden und wir fühlen uns irgendwie zumindest „oberflächlich“ sozial integriert, wobei wir zwischendrin immer wieder etwas ungläubig denken: „Wow, das ging ja diesmal scheinbar schnell. So schnell soll das gehen!?“ Es sind viele neue Eindrücke, die auf uns einprasseln und auch wenn sie schön und lustig sind, doch einiges an innerem Koordinationskönnen abverlangen. Es gibt so unendlich viele Dinge die triggern. Lehrer, die uns einfach Angst machen. Vorgesetzte, die uns manchmal das Gefühl machen irgendwie eingesperrt zu sein, obwohl sie das sicher nicht wollen. Unbedachter Sprachgebrauch von Wörtern wie „Vergewaltigung“, die uns um die Ohren knallen. Manchmal würden wir dann am liebsten schreien, dass die Betreffende Person gefälligst damit aufhören sollen, für etwas, was nicht so benutzt wird, wie es gedacht war oder ungeschickt gebraucht wird, dieses Wort zu verwenden ohne seine Bedeutung zu kennen. Ich fühlte mich als Außenperson von Tag zu Tag mehr, wie eine leere Hülle, mit zunehmend weniger Innenkontakt. Funktionieren vs. mich/uns selbst spüren. Wir waren froh, als das Wochenende kam und genießen heute unseren Sonntag, der Platz lässt für die Dinge, die unser Herz braucht.
Wieder bei uns selbst ankommen.
Eine Kerze. Stilles Sitzen auf dem Boden in unserem „Einfach so sein, wie wir sind“-Raum. Den inneren Gedanken nachhängen. Die Katzen spüren und streicheln.
Wir sind stolz, dass wir die erste Woche geschafft haben und klopfen uns innerlich selbst dafür auf die Schulter.
Morgen geht es weiter.
Wir sind frei.
Es ist einfach schön, das tun zu können, weil wir es wollen.