Ein chilliger Tag

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„Gar nichts erlebt. Auch schön.“

Wolfgang Amadeus Mozart, Tagebuch vom 13. Juli 1770

Dem Zitat des Komponisten können wir uns am Ende dieses Tages nur anschließen. Trotz verschiedenen Einladungen haben wir den gesamten Nachmittag und Abend zu Hause vor dem Fernseher verbracht. Selbst die strahlende Herbstsonne vermochte uns nicht nach draußen zu locken. Es reichte uns sie von drinnen zu bestaunen. Zu erzählen haben wir deshalb wenig Neues. Das klingt vielleicht langweilig. Schön war‘s trotzdem! Manchmal brauchen wir diese selbst gewählte Auszeit einfach.

❤️

„Ich bin traumatisiert“

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Ja, ich weiß. Das kommt überraschend. 😉

Tatsächlich kam mir die Erkenntnis vor ein paar Tagen nachts im Bett und knallte mit voller Wucht durch bis zum Bewusstsein. Nun mag sich vielleicht die ein oder andere MitleserIn wundern, wie das möglich ist, wo ich doch hier schon so lange über Traumatisierung schreibe. Zu recht. Mir geht es seitdem nicht anders. Immerhin habe ich ja auch schon einen längeren Weg an ambulanter Therapie hinter mir und arrangiere meinen Alltag so, dass sich die Folgen meiner Geschichte möglichst wenig darauf auswirken. Dennoch hat dieser Moment einiges in mir verändert.
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Urwaldtauchzug zu eigenen Pfaden

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Ein heißer Anstrengender Tag geht zu Ende. Wir waren Schwimmen, haben einen Kaffee mit einer Bekannten getrunken und uns soweit ganz gut geschlagen. Der Schrittzähler zeigt rund 3000 Schritte. Dennoch frage ich mich, ob sie uns wirklich vorwärts gebracht haben. Wir sind auf dem besten Weg wieder in das Hamsterrad einzusteigen und rundzulaufen. Der Funktionsmodus ist zurück. Nun könnten wir uns ja über die Rückkehr von „Normalität“ freuen und tun es ein Stück weit auch. Andererseits sind wir uns selbst so fern wie lange nicht. Ich fühle, dass ich nichts fühle. Wie eine leere, fahle Hülle spüre ich gerade noch so viel, dass ich mich ausreichend emphatisch und alltagstauglich verhalten kann. Wie einem Roboter fehlt mir allerdings der Bezug zu mir selbst und den anderen Innens. Die Erfahrung zeigt – das ist eine explosive Konstellation. Früher oder später sucht sich das Trauma den Weg an die Oberfläche und dann knallt es so richtig. Wenn ich jetzt wüsste, wo der Schalter für ein Mittelmaß aus beiden Welten liegt…!?

Wir sitzen auf dem Balkon und blicken in die Sterne. Manchmal würden wir gerne danach greifen. Ich gönne mir eine kurze Traumzeit. Im Geiste bewandere ich die tiefsten Urwälder, die höchsten Berge und tauche durch die Weite von Seen und Meeren. Immer Schritt für Schritt und so, wie es die Umgebung eben zulässt. Bestimmt nun die Umgebung meinen Weg oder bestimme ich ihn frei selbst? Oder lege ich den Weg im Rahmen meiner Möglichkeiten fest, wie es die Umgebung zulässt? Die Gedanken gefallen mir nicht. Nie bin ich völlig frei von äußeren Einflüssen. Da ist nie ein „Nur ich selbst“-Sein. Irgendwie beängstigend. In der Phantasie bestimme ich einfach die Umgebung mit. Das ist einfacher, weil ich sie mit einem einzigen Gedanken meinen Bedürfnissen anpasse. Im Alltag ist das in dieser Form nur sehr begrenzt möglich. Schade eigentlich.

Nachdenklich schaue ich auf das Foto dieses Beitrages, das mir gerade in die Hände gefallen ist. Stufe für Stufe im Rhythmus der Natur. Mein Herz mag die Symbiose von Weg und Wald. Das Moos polstert. Ohne die Umgebung wäre der Pfad wohl kaum so schön geworden. Das lässt ein bisschen Hoffnung wachsen. Mit einer inneren Feder male ich Blumen in mein Leben. Ein bisschen freundlicher wirkt es dadurch. Aus dem Schwarz steigen die Bilder. Sie verbinden sich zu einem bunten Strauß. „Dieses Leben beruht auf einer wahren Geschichte“ und der passende Weg wächst mit dem Menschen, der es lebt.

Nachtlieder

Heute Abend waren wir auf einem Konzert. Müde fallen wir gerade auf unser Bett. Die Fußballen schmerzen von den hohen Schuhen. Schön war‘s und lustig. In uns hallen die Stücke nach. Manche Ohrwürmer singen fleißig um die Wette. Ich reiße mich von der gemütlichen Schlafstätte hoch, um die Tiger zu füttern. Als ich die Blasen an den Füßen spüre, überlege ich kurz, ob „Highway to Hell“ ein passender Soundtrack für mein Vorhaben wäre. Statt dessen platzt „Schön ist es auf der Welt zu sein“ aus mir hervor. Ok, dann eben optimistisch an die Arbeit. Ich muss schmunzeln, während  die Kleine vor sich hin trällert.  Es dauert nicht lange, bis ich Mühe habe nicht im Stehen einzuschlafen. Ich räume noch ein paar Sachen weg und sinke müde auf die weiche Matratze. Schnurrend gesellt sich die Katze zu mir. Gemeinsam gleiten wir in das Traumland. Vielleicht sind wir grade nicht mit Nelcklein bedacht oder mit Rosen bedeckt, aber wir schlüpfen unter die Decke und schlafen selig und süß. Im Ohr klingt dieses Nachtlied und eine Vorstellung vom Traumpradies.

Etikettenschwindel

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Mich fröstelt. Eigentlich stand „Sommer“ auf dem Tag, als ich mich heute morgen darauf eingelassen habe. Damit verband ich auch, dass man um 22.00 Uhr noch im T-Shirt auf dem Balkon sitzen kann, ohne direkt zu erfrieren. Wiederwillig krieche ich zurück in die Wohnung und unter die Bettdecke. Im Winter würde ich mir jetzt heißen Tee kochen. Nun trinke ich kalte Limo. Aus Protest. Denn ich bin genervt. Den ganzen Tag haben wir gearbeitet und geschwitzt. Alles was wir wollten, war die warme Abendluft auf dem Balkon genießen. Das fällt nun aus. „Bääääääääh“, mach ich und strecke den Temperaturen trotzig die Zunge raus.

Die Katze hat sich bereits neben uns auf dem Sessel eingerollt. Der Kater atmet ruhig. Seine Ohren verfolgen unsere Geräusche und ein Junikäfer summbrummt herein. Ungelenk torkelt er über den Teppich. Meine Beine hoffen, dass er den Weg nach draußen von selbst wieder findet. Seit den letzten Tagen macht eine ganze Armee seiner Kollegen die Gegend unsicher. Häufchenweise bekomme ich die Käfer zum Frühstück als Geschenk von Frau Katze, die über Nacht fleißig auf Jagd war.

So langsam geht dem Tag die Luft aus. Unsere Worttippseleien verstummen ebenso. Für heute ist irgendwie alles gesagt. Unser Kopf möchte nur noch Ruhe und die Wärme genießen, die das Zimmer bietet. Wir schalten ab. Die Gedanken und den PC.

Bis Morgen und gute Nacht!

Wegfahrsperre und neue Heimat

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Mehr als ein dreiviertel Jahr ist seit meinem Umzug jetzt vergangen. Mehrere hundert Kilometer vom ursprünglichen Wohnort entfernt hat sich einiges verändert. Am Anfang sehr schleichend und subtil, mittlerweile deutlich spürbar. Einige Erkenntnisse kamen durchaus überraschend, nachdem ich vorher immer behauptet hätte, dass ich mit der geographischen Nähe zu den alten Tätern durchaus gut leben kann, solange sie mir vom Hals bleiben. Der Rückblick erzählt eine andere Geschichte.
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Gesangesfreuden und Balkonhotel

Heute Morgen hatte ich Angst aus dem Haus zu gehen. Es dennoch zu tun, kostete mich alle Kraft, die zur Verfügung stand. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr los in meine Gesangsstunde. Mehr als einmal wollte ich lieber wieder umkehren. „Der Tag ist nicht gut“, sagte ich zu meiner Lehrerin, die nur verständnisvoll nickte. „Lass es uns versuchen“, schlug sie die Töne auf dem Klavier an. Ich erklomm die ersten Tonleitern und dann die nächsten. Nach ungefähr fünf Minuten und ein paar tiefen Atemzügen brach das Eis. Wir lachten uns durch 90 Minuten Gesangsübungen. Jetzt tun mir die Schultern weh vom Gewichte heben und die Knöchel von den Anleitungen für Becken, Hüfte und Co. Aber ich bin glücklich. 😊

Auf dem Heimweg liegt ein Gartencenter. Dort bogen wir ab. Eigentlich wollten wir nur schauen und vor allen Dingen riechen. In der Abteilung mit den Rosen duftet es immer so herrlich, dass wir am liebsten dort bleiben würden. Das ist für uns eine richtige Skillecke, wenn man so will. Und dann war da etwas, womit ja wirklich niemand rechnen konnte. Denn eine der wohlriechenden Schönheiten war im Angebot. Geliebäugelt hatten wir schon länger. Zu teuer. Jetzt wäre also eine gute Gelegenheit… aber wir wollten doch nur… egal… gekauft. 😁
Ein Insektenhotel schaffte es auch noch mit in den Einkaufswagen. Das fasziniert die Kleinen schon länger. zu Hause angekommen bekam es sofort eine geschützte Stelle auf dem Balkon. Wir topften die Rose um, gossen sie an und wechselten im Miniteich das Wasser. Letzteres wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig, bevor wir in den nächsten Tagen im Mückenschwarm erstickt wären. Die ersten kleinen Larvchen zuckten schon durch’s Biotop. Mit einer Flasche alkoholfreien Holundersekt genießen wir nun im lauen Sommerwind den Tag auf dem Balkon. Wie schön, dass der Tag sich so gewandelt hat!

Wasser im Nabel

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Gerade habe ich den letzten Pflanzkorb in mein kleines Balkonbiotop eingesetzt, da fängt es an zu Donnern. Bald prasselt auch der dazugehörige Gewitterregen nieder. Ich ziehe mich in die Wohnung zurück. Unter der Dusche fühlt es sich fast an, als würden wir mitten im Sommerschauer stehen. Die Luft ist schwül. Unser Magen verspürt einen leichten Hunger. In große Handtücher gewickelt laufen wir in die Küche und schieben uns etwas zum Essen in den Ofen. Dann machen wir es uns im Sessel gemütlich.

Als wir wieder nach draußen treten, um ein Foto vom Miniaturteich zu machen, sieht man aufgrund der Dunkelheit nicht mehr viel von den Pflanzen. Ein bisschen Wasser im Wassernabel können wir noch einfangen. Wie kleine Perlen ruhen die Tropfen in den Blattrosetten. Wir sehen uns um und entdecken auch auf den anderen Pflanzen die kleinen feuchten Kostbarkeiten. „Wasser vom Himmel spendet leben. Das muss teuer aussehen.“ Im Kerzenschein glitzert der Schatz. Wir atmen in die erfrischte Nacht.
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Jurassic Balkon

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Körniger Hüttenkäse mit Erdbeeren, Honig und Zitronenmelisse – Mjam. ❤️😋🍓

 

Wir sitzen am Frühstückstisch und löffeln frische Erdbeeren mit etwas Honig und Hüttenkäse. Die Sonne macht den Tag warm. Grell blendet dass Draußen zum Fenster herein. Das silberne Blech spiegelt die Sonne gleißend hell. Ich schließe den Rollo ein Stück, weil ich nicht erblinden will. Ein leiser Wind umstreicht meine Zehenspitzen, als ich kurz auf den Balkon nach draußen trete.
Ich atme mit einem Seufzer einmal tief durch.
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Mittendrin

Ich sitze im Warteraum bei meiner Therapeutin. Ein bisschen sind wir gespannt, was der Termin heute bringt. Im Kopf ist vieles und die Bandbreite groß. Es reicht von Glücksgefühlen bis hin zu tiefer Trauer und Verzweiflung. Das Leben ist bunt und manchmal alles gleichzeitig.

Eine Stunde später sitzen wir im Auto nach Hause und fragen uns, was das nun gebracht hat. Die Dinge, die wir erzählen wollten, kamen nicht über unsere Lippen. Das was wir gesagt haben, war schön, aber eigentlich weniger wichtig. Um den Nachmittag dennoch mit Sinn zu füllen, fahren wir in den Gartenmarkt. Auf unserem Balkon sollen essbare Schönheiten einziehen. Am Ende haben wir den Wagen voll mit pink und weiß blühenden Erdbeeren, Gurken, Tomaten und kletternden Zierpflanzen. Wir sind gespannt, wie unser erstes Balkongartenjahr verlaufen wird.

Als wir uns am Abend auf das Sofa legen, kehren wir an die Momente zurück, mit denen wir in den Tag gestartet sind. Unser Unterleib schmerzt empfindlich. Voller Liebe schmiegt sich der Kater an unsere Seite. Unser Kopf puckert leise. Ich schließe die Augen. In all dem, was gegen meine Schädeldecke hämmert, ist es sein leises Schnurren, das mich und die Innens rettet. Er versteht ohne Worte, was wir am Morgen verschweigen mussten.  Unser Atem beruhigt sich. Eine Träne kullert aus der Anspannung.

Danke kleiner Katzentherapeuth. ❤️