Redetropfen

Die Regentropfen rutschen im Frühlingsgrau die Scheiben hinunter und sammeln auf Ihrem Weg andere Wassertropfen, die ihre Rinngeschwindigkeit sprunghaft beschleunigen. Unten angekommen werden sie zum Regenfensterbrettbächlein, dass Zielsicher auf die Regenrinne zusteuert.
Spaß. Spiel. Naturgesetz.

Durch die wassernassen Scheiben verschwimmt mein Blick und lässt die Häuser der Nachbarschaft unscharf erscheinen.
Im Innen bewegen sich kleinere Innenpersonen müde in den Tag.
Mir ist kalt. Die imaginierte Decke wärmt nicht, drum hole ich mir eine andere. Eine echte. Eine zum Anfassen und begreifen.
Entgegen dem Fluss der Wassertropfen erlebe ich selbst gerade kraftlose Stagnation.
Meine Gefühle sind irgendwo eingefroren und drängen trotzdem mit ihren Eismassen an die Oberfläche.
Die Abschlussprüfungen stehen kurz bevor und ich schleppe mich Mühsam vorwärts, wie der Kämpfer, der kurz vor dem Ziel zusammen gebrochen ist und eigentlich nicht mehr kann.
Der Kopf mag nicht mehr lernen und das Herz nicht mehr schweigen.
Mir ist danach Worte zu finden, für das was uns zugestoßen ist und mit meinem Viele-sein darüber zu sprechen.
Und dann sehe ich in die erschrockenen Gesichter der Menschen, die nicht mal ansatzweise von all dem wissen und trotzdem überfordert sind von der bloßen Andeutung, dass wir Gewalt erlebt haben. Die scheinende Sonnenworte mögen, aber nicht die grauschillernden Redetropfen.
Ich höre ihr mal lautes und mal stummes: „Ich halte das was du erzählst nicht aus.“
Und manchmal frage ich mich, warum verdammt nochmal die sich nicht einfach zusammenreißen können. Schließlich ist es mir passiert und nicht ihnen.
Und ich spüre mein Misstrauen und die Vorsicht denen gegenüber, die mir ein offenes Ohr anbieten, weil ich Angst habe, letztlich doch wieder verlassen zu werden, wenn sie wüssten…
Und dann schreibe ich eine Zeile und lösche sie wieder und schreibe eine neue und lösche sie wieder und dann…
… rinnen mir einfach die Tränen über die Wangen, weil ich das Kind fühle, dass sich so schrecklich einsam fühlt und mit ihm auch ich und so gerne reden würde und einfach nicht mehr schweigen will und die Isolation hasst, in die es gedrängt wird und irgendwie nirgendwo wirklich ankommt.

Die Regentropfen laufen die Scheiben hinunter und meine Tränen tun es Ihnen auf meinen Wangen gleich.
Wo ist der Platz wo wir ganz sein dürfen?

National Multiple Personality Day 2017

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Heute ist „National Multiple Personality Day“.

Für uns ist das ein guter Anlass mal wieder schöne Sachen für die Innenleute zu machen, uns bewusst wahrzunehmen und das zu tun, was uns eben gut tut, um dabei im Gefühl von „gesehen werden“ ein kleines Stückchen näher zusammenzurücken. Es bedeutet anzunehmen was war und das Beste daraus zu machen und auch, wenn es als bunt strukturierter Haufen oft schwierig ist, so schätzen wir uns doch gegenseitig wert und den Einsatz, den jeder/jede/jedes Innen für unser Überleben beigetragen hat.
Eine kleine Feier dafür, dass wir überlebt haben. Für uns selbst.

Wir wünschen euch allen einen schönen Sonntag! 🙂

Frühlingssonnensonnenschein

hasel-fruehlingWir sitzen an unserem PC im zartkühlen Luftzug, der vom Fenster herein weht.
Die Frühlingssonne scheint zurückhaltend warm auf unsere rechte Schulter.
Frau Katze streckt ihr kleines Näschen in den Wind, um die Welt mit ihren Geruchsaugen zu sehen.
Sie riecht das Frühjahr und hört die hellpiepsenden Vogelstimmen zwitschern.
Ihre Gedanken reisen und erkunden die Welt in derart bunten Tönen, wie sie der Wahrnehmung gewöhnlicher Menschen verborgen bleiben.

Ich spüre der Jahreszeit nach, in der wir uns befinden und lausche meinem Innen, dass so viel zu erzählen hat.
Nebliges Bunt.
Mir fallen Narzissen ein und Krokusse und wollig weiche Schafe.
Mein Herz beginnt zu träumen.
Liebevolles Schnurren begleitet die Reise in innere Welten.
Die Suche nach dem was war und dem was ist setzt sich fort. Sie wird zum Finden.
Im Gedanken fliegt eine Amsel über das Dach.
Der Wind bringt das neue Leben und die Sonne.

Neustart.
Mit neuer Energie.
Das Leben von vorn beginnen.
Es im Ursprung begreifen.
Frühling.

Fliegende Träume

„Finde dich und deine Träume werden fliegen!“

Bildquelle: https://de.pinterest.com/source/randomawesomepictures.tumblr.com
Zitatquelle: Verfasser unbekannt

Orgasmuszwänge

Ich sitze auf dem Rand der Badewanne, gerade dabei mich selbst zu befriedigen, weil ich den Schmerz und den Druck, der von Zeit zu Zeit in mir anflutet noch immer nicht anders lösen kann, als mir mit Gewalt einen Orgasmus zu verschaffen.
Trigger.
Autopilot.
Vor dem Orgasmus geht gar nichts mehr.
Ein anderes Ziel lässt mein Kopf nicht mehr zu.
Der Weg dorthin ist völlig egal.
Aufhören geht nicht.
Es geht nicht darum Sexualität zu erleben.
Alles worum es geht, ist den verdammten Schmerz und Verzweiflungsdruck, der in Wellen innerer Leere mündet zu beenden.
So schnell wie möglich.
Es ist nicht angenehm.
Es ist purer Stress.
In der Regel sacke ich nach dem Orgasmus dann in mir zusammen.
Tränen rinnen über mein Gesicht.
Die Anspannung fällt ab.
Der Trancezustand geht zurück.
Langsam werden wieder andere Gedanken zum und über das Leben und den Alltag möglich, ehe ich mich aufrapple und beginne wieder zu funktionieren.

Meiner Seele sitzen die dreckigen Forderungen Ihrer Folterer noch immer im Nacken.
Vorbei war es all zu oft erst, wenn der Orgasmus passiert ist.
Das Ende der Qualen, wurde zu häufig an diese Forderung geknüpft.
Was davon übrig geblieben ist, ist das Grundgerüst als Überlebensmechanismus.
Anforderung/Trigger –> Druck/Angst/Überforderung –> Dem Druck und der Angst (wobei ich diese in der Situation oft gar nicht bewusst wahrnehme, weil nur noch der Drang den Druck zu beenden spürbar ist) irgendwie entkommen müssen, weil er nicht mehr auszuhalten ist –> Selbstbefriedigung mit Orgasmus –> Druck und Angst lässt (zumindest kurzfristig) nach.
Manchmal erlebe ich den Druck auch, wenn Erinnerungen nach oben kommen. Die Seele denkt sich wohl: „Lieber mache ich es selbst, als es gleich erneut erleben zu müssen.“ Tatsächlich lassen sich unsere Erinnerungsbilder damit manchmal kurzzeitig nochmal unterdrücken.
Statt Angst, ohnmächtiger Verzweiflung, Schrecken und Scham erlebe ich dann Lust.

Lange Zeit haben wir damit gehadert, wie wir bei den ganzen Schrecklichkeiten überhaupt noch an Lust denken können.
Heute denke ich, es ist das gute Recht jedes Körpers sich die Folter so angenehm wie möglich zu gestalten.
Dadurch ist es nicht weniger Folter, aber es gibt die Chance sie zu überleben.

Die gewollte Zufallsgeste

Samstagabend.
Die Fingernägel sind gerade frisch lackiert.
Es tippt sich noch etwas vorsichtig.

Im Kopf ist viel.
So viel, dass die Gedanken Loopings schlagen.
Gefühlswirrwarr.

Im Alltag sind wir gestern zufällig auf einen Mann getroffen.
Sehr lange nicht gesehen.
Eine kleine „harmlose“ Geste mit einem Lächeln.
Wir wissen, was es in dieser Kombination zu bedeuten hat.
Eines von den Zeichen, das uns schon vor langer Zeit beigebracht worden ist, das in Gruppierungen und organisiertem Verbrechen so gerne genutzt wird.
Doch wir bemerken es.
Diesmal weigern wir uns, wehren uns gegen den Reflex, den man normalerweise dadurch auslösen kann.
Wir gewinnen.
Diesmal verlassen wir die Situation und holen uns Hilfe.
Sicherheit.

Ich bin froh, die Situation souverän gelöst zu haben.
Wir sind stolz auf uns!
Derartige Situationen händeln zu können war viel Arbeit.

Was bleibt ist die Erinnerung ans Damals.
Brechreiz,
weil wir Ihn wieder vor uns stehen sehen.
Wie er uns hält,
um unseren Kopf fasst,
uns vergewaltigt,
das Gefühl zu ersticken,
seine Worte,
sein Atem,
seine Lust an unserer Erniedrigung,
sein alles.

Es bedeutet Heilung für uns, der Vergangenheit immer mehr ins Auge zu sehen, sie zu verstehen und darüber Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Gleichzeitig tut nichts so weh, wie die Heilung selbst, die in aller Bitterkeit fordert, das was war zu realisieren.

Optimalzustand

loewenzahn

„Ich bin gerade,

wie ich bin,

weil ich mich genau jetzt so brauche.“ 🙂

 

Zitatquelle leider unbekannt

Ahorn im Schnee

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Ein Samen liegt in Schnee und Eis.
Träumt er? Schläft er? Tot?
Wer weiß!?

Ich glaube dir

Manchmal, da sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Da weiß man nicht mehr wem oder was man glauben soll und am wenigsten traut man sich selbst.
Wir kennen diese Phasen des totalen Zweifels im Ausstiegsprozess, des getrieben seins und doch nicht wissen wohin. Eine treue Begleiterin hat lange Zeit für uns immer wieder die Fahne hochgehalten. Für uns, an uns und mit uns geglaubt, wenn bei uns selber vor zerreißenden Zweifeln gar nichts mehr ging und uns geholfen uns selbst und unsere Geschichte wieder zu finden. Etwas davon möchten wir nun mit unseren Worten an andere Betroffene weiter geben:

Ich glaube dir.
Deine Geschichte, deine Schmerzen, deine Qual.
Und ich bleibe.
Egal was kommt.

Ich glaube dir.
Weil ich den Schmerz in deine Augen sehe und deine Tränen in meinem Herzen fühle.
Ich glaube dir, weil ich weiß, dass ich meinem Gefühl zu dem was du erzählst vertrauen kann.
Ich glaube dir, weil du nicht einfach nur irgendeine Geschichte erzählst, sondern sie mit jeder Faser deines Körpers spürst.
Ich glaube dir, weil ich dir glauben will.
Es ist meine Entscheidung und ich habe mich für dich entschieden.

Ich glaube dir.
Weil du es Wert bist, dass man dir glaubt.
Weil ich weiß, dass es die schreckliche Gewalt von der du erzählst gibt.
Ich glaube dir, weil es keinen Sinn für dich macht sich das alles auszudenken.
Ich glaube dir, weil man sich das so gar nicht ausdenken kann.

Ich glaube dir.
Deine Zweifel.
Du darfst Sie behalten.
Am Ende entscheidest nur du, was von all dem wirklich wa(h)r.
Solange sehe ich Sie als Beweis für die unglaublichen Dinge, die passiert sind und wir schauen gemeinsam hin.

Ich glaube dir.
Weil dein Leben mir wichtig ist.

Bitte glaube dir!
Deine Geschichte. Deine Schmerzen. Deine Qual.
Weil die Programme der Täter sonst freie Bahn haben und du nichts dagegen tun kannst.
Weil es die Bilder und Emotionen in deinem Kopf wert sind verstanden zu werden.
Weil sie nicht ohne Grund da sind.
Weil du sie überlebt hast und heute heilen darfst.
Weil du nur so heilen kannst.
Weil dein Leben davon abhängt.

Hab Mut zu sprechen!

In Gruppierungen und organisiertem Verbrechen wird so einiges unternommen, um die Opfer dauerhaft zum Schweigen zu bringen.
Neben Folter und Qual, sind es vor allem auch die Indoktrinierungen und Vorhersagen, was passieren wird, wenn man es dennoch schafft zu sprechen, die Opfer davon abhalten ihr Schweigen zu brechen.
„Dir glaubt sowieso keiner“, „Alle werden sagen, dass du lügst“, „Sie werden dich für verrückt halten“, etc…

Vor zwei Wochen haben wir uns aus einer großen Not heraus einem unserer Lehrer anvertraut.
Haben etwas von der Gewalt erzählt die wir erlebt haben.
Wir bereuen es nicht. Im Gegenteil.
Er ist zu einer großen Hilfe für uns im Schulalltag geworden.
Es entlastet uns zu wissen, dass jemand bescheid weiß, falls etwas wäre und es uns nicht gut geht.
Allein zu spüren, dass er ein Mann ist und dennoch nicht im geringsten daran denken würde einem Kind so etwas anzutun, ist heilsam für uns.
Zudem:
Er glaubt.
Er zweifelt nicht, nennt uns keine Lügnerin und er ist an unserer Seite.
Einfach so.
Mittlerweile weiß noch eine weitere Lehrerin bescheid.
Auch Sie hilft uns sehr.
Auch Sie glaubt.

Zwei Lehrer sind zu wichtigen Säulen in unserem Alltag geworden.
Sie geben uns neben der schulischen Hilfe, die Sicherheit verstanden zu werden, Ansprechpartner zu haben für den Notfall und etwas gesehen zu werden, mit dem was hinter der Funktionierfassade abläuft.
Möglich geworden durch Worte, die wir hörbar haben werden lassen, auch wenn sie nur schwer über unsere Lippen kamen.

Wir sind dankbar dafür!
Es zeigt, dass es sich lohnt, das Schweigen doch an geeigneter Stelle zu brechen.
Die Vorhersagen der Täter sind ein weiteres Mal nicht eingetreten.

Hab Mut zu sprechen, es lohnt sich!
Es sind die Täter, die lügen!