Vom Regen in die Freiheit

Es ist, wie wenn du feststeckst,
dich in der Falle fühlst und keinen Ausweg siehst
und dann kommt ein Sturm
und schlägt dich nieder
und schleudert dich wieder zu Boden.

Aber wenn er vorbei ist
und du geschlagen dort liegst,
dann begreifst du,
dass du losgekommen bist.

In all dem Chaos hat dich der Sturm aus der Falle befreit.

 

N.C. in Naomi Jacobs, Der Tag an dem mein Leben verschwand, Bastei Lübbe, Köln 2016, S. 169

Frühjahrstaugeschichten

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Es ist früh am Morgen, als mich die Sonne weckt und hinaus in den Garten zieht. Der Tau steht noch in den Gräsern. Die Katze füselt eifrig im frisch gemähten Gras. Die erste Tasse Kaffee trinke ich auf der Bank vor dem Haus. Bald wird in meinem Ich das Wir spürbar wacher. In der Wiese werden die Halme mit ihren silberglitzernden Wasserperlen aufmerksam beäugt. Je länger der Tag andauert, umso mehr regt sich auch in der Nachbarschaft.
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Körper im Traumaburnout

08C0FA78-FBC0-4570-BC1D-1178DAF75B4AIch erinnere mich noch wie gestern. Dabei ist es nun schon über vier Jahre her. Es geschah an einem Ostersamstag. Das Wetter war traumhaft. Die Sonne schien. Ich stieg ins Auto, um mit meiner Freundin vom Essen nach Hause zu fahren. Die Stimmung war gut. Wir lachten. Mitten auf der Landstraße mit gut 100 Sachen stolperte plötzlich mein Herz. Ich klammerte mich ans Lenkrad. Mir wurde schwarz vor Augen. Im letzten Moment brachte ich den Wagen am Straßenrand zum stehen. Ich bemühte mich bei Bewusstsein zu bleiben und ruhig zu atmen, während mein Herz um sein Leben stolperte. Die Arme wurden Taub. Dann gingen bei mir die Lichter aus.

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Das leere Gesicht der Dissoziation

Zustände von Leere begleiten uns durch unser gesamtes Leben. In vielen Situationen waren sie überlebenswichtig. Heute verhindern sie manchmal, dass wir das Leben spüren, wenn sie uns zeigen wie „leer“ unser Leben war.

Ein bisschen stelle ich mir diese absolute Taubheit vor, wie eine alte weise Frau mit einem großen Beutel voller kleiner und größerer Gefäße. In den dunkelsten Stunden setzt sie sich zu uns. Dann nimmt sie mit ihrem Zauber allen Schmerz in ihre Fläschchen und schafft einen Raum der Stille im geschundenen Seelenkörper.

Früher hat Frau Leere uns in todesnahen Momenten oft besucht. Todesnah, das war nicht nur, wenn unser Herz aufhörte zu schlagen. Todesnah waren für das Kind auch die Erlebnisse, in denen seine Seinsberechtigung verbal ausradiert wurde und Situationen in denen es vor lauter Schmerz nicht hätte im Körper bleiben können.
Im Alltag war Frau Leere eine große Hilfe. Ohne sie hätte ich nicht lächelnd zur Schule gehen können. Sie schob mir Boden unter meine Füße und erlaubte es mir in getrennten Welten die jeweils geforderten Höchstleistungen zu bringen.

Heute sitze ich manchmal mit ihr da, starre zum Fenster hinaus oder einfach nur die Wand an. Dann nimmt Frau Leere meine Hand und schenkt mir einen Tropfen des alten Schmerzes zurück. Eine kleine Essenz aus meinem Sein. Plötzlich füllt sich dann der Augenblick mit tränenüberströmten Wunden. An die Stelle der Taubheit tritt zerbersten. Ich fühle mich und die Anderen und das ist schrecklichschön. Dann bleibt mir nur zu atmen. Durch die Schauer hindurch. Bis ich am Ende ein Stück meines Selbst geboren habe und erschöpft in Frau Leeres Arme falle. Meist hat auch sie sich dann verändert. Sie lächelt milde und ist nicht mehr ganz so groß. Vorerst hält sie mir den Rücken frei und lässt mich die Eindrücke verdauen.

Danach beginnt ein neuer Zyklus des uns selbst Gebärens unter dem Schuztmantel der Leere.

Regression bei DIS

Definition: Der Begriff Regression kommt ursprünglich aus der Psychoanalyse und bezeichnet das Zurückfallen eines Erwachsenen in eine bereits überwundene kindliche Entwicklungsphase.

Was sehen wir daran im Bezug auf eine DIS?
Richtig! Innenkinder haben nichts mit Regression zu tun.

Die Innenkinder bei einer DIS sind so alt, wie sie auch damals waren, als ihnen das Trauma passierte. Sie waren nie älter! Sie sind schon immer Kind oder Jugendliche oder junge Erwachsene. Tauchen sie sichtbar im Außen auf, fallen weder sie, noch die erwachsene Außenperson irgendwohin zurück. Sie sind einfach so, wie sie immer waren. Die erwachsene Außenperson hat mit den Innenkindern zunächst nicht mehr zu tun, als dass sie sich einen Körper teilen. Sie existieren getrennt voneinander. Ich bin als Außenperson vielleicht nicht mehr da, bzw. außen wahrnehmbar, wenn eine Kleine nach vorne rutscht, aber ich bleibe auch in der Zwischenzeit erwachsen.

Also was haben manche von euch lieben Therapeuten für ein Gescheiß (entschuldigt den Außdruck!) mit der ewigen Angst die Regression zu fördern, wenn die Innenleute sichtbar werden dürfen!? Entspannt euch!
Mit Offenheit könnt ihr nur Entwicklung nach vorne möglich machen.

Die Bedeutung der Diagnostik von dissoziativen Traumafolgen – Eine persönliche Sicht

Im Grunde können wir es kurz machen: Solange keine Diagnose der passenden dissoziativen Störung erfolgt, gibt es keine erfolgreiche Behandlung.
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Aushalten

„Was soll ich denn noch tun? Ich vermeide jeglichen Kontakt, ich lasse mich auf keine Einladung zum Kaffee mehr ein, ich habe mich zurück gezogen wie ein Bücherwurm, aber immer wieder übernimmt der, sobald auch nur vier Leute auf einmal auftauchen. Und das alles nur, weil die bescheuerte Therapeutin gerade diese alte Geschichte bearbeitet. Ich hab keinen Bock mehr und schon gar keine Nerven!“

„Bingo!“, hätte ich beim Lesen dieser Zeilen am liebsten geschrien. Genau so fühle ich mich grad. Wie ein Krebs, der rückwärts vorwärts geht. Manchmal steht man als Außenperson da und kann bei aller Mühe nicht mehr tun, als aushalten. Das Außen und das Innen. Es ist frustrierend zu bemerken, dass die eigenen Wünsche und Vorstellungen manchmal hilflos an der Realität abprallen. Vor allem trifft es dann, wenn man sich eigentlich auf ein Treffen mit Freunden, eine Feier, einen Job oder etwas anderes Tolles freut. Dennoch bleibt wieder nur die Absage. Körper und Psyche können nicht. Da hilft die ganze Therapie nichts. Im Gegenteil. Manchmal wackelt sogar für einige Zeit der mühsam aufrechterhaltene Alltag erst recht. Irgendwo hat man eben doch nur den einen Körper.
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Ein Löffel Eis im Jetzt

Ich liege auf dem Bett und atme. Mit zwei dicken Kissen im Rücken bettet mein Oberkörper leicht aufgerichtet. Meine Finger kraulen im weichen Katzenfell die harten Rippenbögen. Es dauert nicht lange bis sich meine Bewegung des Brustkorbs mit dem Atemrythmus der Fellnase synchronisiert. Tranceartig schnurren mich ihre Töne zur Ruhe. Die Heizung rauscht leise im Hintergrund. In der Nase kribbeln ein wenig die Pollen, aber ich bin zu müde zum Niesen. Mein Kopf singt Liszt. „Romantisch“, denke ich bei mir. „Oh lieb solang du lieben kannst…“
Dann mus ich eingeschlafen sein.

Als ich aufwache liegt mein Handy neben mir. Meine Katzen melden Frühstück an. Mit geschlossenen Augen trotte ich in simulierter Dunkelheit zum Klo. Dann beginnt mein Tag. Einige Stunden später sitze ich mit Spaghettieis im Garten. Die Stimmen in mir sind munter. Sie Reimen und scherzen. Mein Mund schleckt jeweils altersangepasst an der kalten Süßspeise. Nur ein bisschen schwer ist mir die Brust. Aber in der Erdbeersauce gehen die Sorgen unter.

Für diesen Moment ist das so. Die Freude überwiegt. Im gleichen Augenblick sterben im selben Körper Andere tausend neue Tode. Vorne ist das kaum mehr fühlbar. Nun spüren Kinder voll Fröhlichkeit ihr Leben im Heute, bis…
Ja, bis der nächste Moment kommt. Der ist immer nur einen Wimpernschlag entfernt. In dem sterben sie vielleicht vor Qual. Oder glühen vor Wut. Oder Trauern aus tiefem Herzen. Oder betteln um Aufmerksamkeit.

In einem Löffel Eis liegt die ganze Bedeutung von „Jetzt“. Beim nächsten Löffel kann es vorbei sein.

Der Wolf

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Der Wolf zieht aus dem Rudel aus,
verlässt sein Welpenelternhaus.
Will neu die Welt für sich entdecken,
die Kräfte sehn, die in ihm stecken.
Sie prüfen über alle Grenzen,
mit and’ren um die Führung kämpfen.
So folgt er seiner Nase spur,
so will es die Instinktnatur,
bis er für sich die Heimat findet,
und sich an’s neue Rudel bindet.
Dort kann er sein, wie er gemacht
hat ausgewählt die Nachbarschaft,
nach seinen Idealmomenten.
Nun ist’s egal was Eltern denken.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Wüstentränen

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Unser Bauch krampft.
Übelkeit steigt in uns auf.
Nicht erbrechen, nur nicht erbrechen.
Ein Trigger nichts weiter.
Während flotten aus vergangenen Zeiten angreifen, sitze ich in meiner Nussschale und versuche mich rudernd über Wasser zu halten. Die Tränen sind lange in der Wüste ertrunken. Ein kleines Viele-Gefühl stupst mich.
„Du, ich bin wieder da. Ich hatte solche Angst. Ich wollte nicht wieder alleine sein.“
Mein Herz klopft.
Über die Augen schwimmen Salzseen.
„Ich hatte auch Angst, mein Kind.“
Irgendwann werfe ich die Ruder weg, weil ich an den Bildern zu ersticken drohe.
Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst wann, wo, wie in meinen Hals bohrt.
In meinen Ohren brüllt es.
Grauselig.
Sätze voll Ohnmacht und blinder Gewalt.
Schauer überlaufen meinen Körper.
In der Dusche wäre ein Platz, um mich rein zu waschen.
Es schüttelt mich.
Vor Kälte.
Vor Ekel.
Vor Entsetzen.
Ich atme.
Meine Tränen gießen Oasen in die Wüste, als die Anspannung endlich abfällt.
Still bleibe ich auf meinem Bett sitzen.
Stumm.
Es gibt kein Wort dafür.