„Gendern“ und Heilung

Gendern und Geschlechtsneutrale Sprache ist etwas, worauf wir in letzter Zeit immer häufiger treffen. Dort werden keine Unterschiede mehr zwischen männlich und weiblich gemacht. Die Geschlechter werden aufgelöst. Die Genderforschung geht davon aus, dass Unterschiede zwischen Mann und Frau rein kulturell konstruiert sind. Man bemüht sich, forscht und erfindet also eine neue Sprache und Umgangsformen, in der nur noch neutrale Begriffe enthalten sind. Mann und Frau werden gestrichen. Für uns geht das klar über ein normales Maß an gesunder Gleichberechtigung hinaus.
Wir finden die sogenannten Wissenschaften die sich nun darum ranken sogar krank und krankmachend und ein Zeichen dafür wie krank unsere Gesellschaft heutzutage ist, dass wir das zulassen.
An Stelle sich damit zu beschäftigen, wie es dazu kam, dass männliche und weibliche Werte heutzutage so verzerrt sind und wie wieder gesunde Rollenbilder und männliche und weibliche Werte in der Gesellschaft etabliert werden können, wird nun versucht das Problem mittels Wissenschaftswegschaustudien in Luft aufzulösen.
„Mann?“ „Frau?“ „Was ist das?
Gibt’s nicht mehr.
Na dann sind ja auch die ganzen Probleme mit der ewigen Dualität einfach weg.
Könnte man meinen….
Aber wie es eben so oft ist, lösen sich Probleme halt doch nicht einfach auf, nur weil man nicht mehr hinschaut oder sie wegredet…
Wenn es schwierig wird, hilft es manchmal undeutlich und verwaschen zu sein. Dann sieht man die Schwierigkeiten nämlich schlechter.

Ich bin eine Frau.
Und ich bin stolz darauf eine Frau zu sein!
„Frau sein“ gehört elementar zu meiner Identität. Zu dem, was mich und uns ausmacht.
Gott sei dank bin ich kein Neutrum!
Und ich werde mich auch nicht wegneutralisieren, weil das anderen Menschen nicht passt.
Weil sichtbar wird, wie verletzt meine Weiblichkeit ist und dass es Heilung bedürfe.
Weil sichtbar wird, wir verletzt weibliche Werte insgesamt auf dieser Welt sind.
Ich bin froh, dass es Männer gibt!
Dass ich echte Männlichkeit erleben darf.
Dass mir genau das Hilft meine Verletzungen zu heilen und mich mit mir auszusöhnen.
Dass auch Männer anfangen sich mit ihren Verletzungen auszusöhnen.
Dass auch die männlichen Werte und Rollenbilder heilen dürfen.
Ich finde es wunderbar, wenn diese beiden Pole von Mann und Frau gut zusammenwirken, weil es in dieser Welt nunmal einfach beides gibt und das so verdammt wichtig und gesund ist!
Auch Tag und Nacht sind sehr unterschiedlich, aber beide Zeiten bieten Vorteile, die lebensnotwendig sind und sich gegenseitig brauchen.

Wie soll ich heilen, wenn mir abgesprochen wird, dass ich als „Frau“ in meiner Weiblichkeit verletzt wurde, weil es „Frau sein“ ja eigentlich nicht gibt!?
Wie soll ich heilen, wenn ich nicht auch die männlichen Anteile in mir spüren darf!?
Wie soll ich Identität finden, wenn sie einfach gestrichen wird!?
Wie soll ich Neutralität spüren und wissen, wo ich wirklich neutral bin, wenn es keinen Gegenpol dazu gibt?
Mensch sein reicht nicht aus um zu heilen, weil „Mensch sein“ bestimmte Eigenschaften beinhaltet, die man benennen dürfen und können muss!

Wir haben in den letzten Jahrhunderten so viele Verletzungen sowohl der Weiblichkeit, als auch der Männlichkeit in der Gesellschaft durch Gewalt, Kriege und Religionen erfahren, die massive Auswirkungen auf den heutigen Alltag aller Menschen haben. Der Eiertanz um Worte wie „Mann“ und „Frau“ zeigt nur, wie viel Emotion und soziale Problematik diesbezüglich existieren, die einer Lösung bedürfen.
Wir müssen hinschauen, um das verändern zu können.
Den (kulturellen) Schmerz und die Ausbeutung anerkennen und betrauern.
Wir müssen Position beziehen.
Wir müssen uns entscheiden für unsere Werte.
Raus aus dem schwammigen „Ich habe zu nichts eine Meinung“ oder „Ich bin für alles offen“.
Verantwortung übernehmen!
Gleichberechtigung basiert darauf, dass ich eine Meinung oder Identität habe, die Gleichberechtigt neben anderen stehen kann.
Und manchmal kann es auch sehr sinnvoll sein etwas einfach als nicht gleichberechtigt anzusehen oder Abstufungen und Prioritäten zu setzen, sonst hätten ja auch Terror und Krieg ihre Berechtigung.
Das ist es nämlich oft, wo die Phobie Dinge frühzeitig klar zu benennen hinführt.

Wir müssen raus aus der kollektiven gesellschaftlichen Dissoziation und nicht eine neue Wissenschaft daraus machen, um sie zu rechtfertigen!

Valentinstagstränen und Überforderungskämpfe

Valentinstag… hmm, ob das Kuddelmuddel im inneren nun daran lag?
Oder am Stress drumrum?
Oder beides?

Tränenüberströmt rutschten wir am Türrahmen nach unten.
„Ich kann nicht mehr.“
Jetzt war das Handy auch noch kaputt.
Einfach so.
Machte keinen kleinen Mäusemuckser mehr.
Von jetzt auf gleich.
Nachdem zuvor schon der Geschirrspüler und der Laptop den Geist aufgegeben haben.
Wie die Reparaturen bezahlen?
Und was noch viel schlimmer war – Die so wichtigen persönlichen Dinge, die wir von Vertrauten geschickt bekommen haben sind alle unwiderruflich weg. Telefonnummern, Nachrichten, Bilder…
Immerhin war gestern der Mediamarktmitarbeiter nett. Nachdem er einen Systemtotalschaden diagnostiziert hat – das Handy wird sich doch nicht bei uns angesteckt haben!? 😉 – hat er eine gute schnelle Lösung für uns gefunden. Das Handy wurde jetzt eingeschickt, weil ja noch Garantie darauf ist und wir haben eine erschwingliches Ersatzhandy.

Valentinstag…
Hmm…
Bilder.
Versuche sie wegzuschieben.
Vor Liebehelferinvermissschmerz innerlich schreien können und es irgendwann auch äußerlich tun.

Und dann sind da noch die Dinge, die uns sonst so durch den Kopf gehen derzeit…
Diagnostik für Gutachten.
Therapeuten.
Schule und Beruf.
Und einfach nur Leben.

Sei stolz auf dich,…

…dass du noch lebst.
…dass du das alles überlebt hast.
…dass du tapfer weiter atmest.
…dass du jeden Morgen die Augen aufschlägst, obwohl du sie so oft lieber für immer schließen würdest.
…dass du fühlst und dir die Fähigkeit zu fühlen erhalten hast.
…dass du trotz all der Gewalt nicht hart geworden bist.
…dass du empathisch bist und mitfühlst.
…dass du weinst, obwohl sie dir deine Tränen nehmen wollten.
…dass du Angst hast, obwohl sie nicht erlaubt war.
…dass du dir deinen Humor behalten hast.
…dass du Not sehen kannst – deine eigene und die anderer.
…dass du für deine Rechte und Bedürfnisse kämpfst.
…dass du damit auch für die Rechte und Bedürfnisse anderer kämpfst.
…dass du den riesengroßen Schmerz in dir erträgst und weiter machst, obwohl er unerträglich ist.
…dass du trotzdem noch Pläne und Träume hast.
…dass du dich entschlossen hast auszusteigen.
…dass du einen Teil des Ausstieges bereits dadurch geschafft hast und dich von den Tätern abgrenzt, dass du deine eigenen Gefühle behalten hast und den Schmerz spürst, wo dir doch immer gesagt wurde, dass das alles toll ist.
…dass du die Gewalt nicht weiter geben willst.
…dass du mutig neue Dinge ausprobierst, trotz der Todesangst, die sie dir oft machen.
…dass du bereit bist dir Hilfe zu suchen, trotz aller Schwierigkeiten diese zu finden und trotz den Verletzungen, die du vielleicht auch aus dem Helfersystem schon einstecken musstest.
…dass du Beziehungen eingehst und Freundschaften zulässt.
…dass andere dich und deine Fähigkeiten schätzen.
…dass du die Schweigegebote brichst und anfängst dich auszudrücken.
…dass du dir selber immer mehr vertraust.
…dass du nicht davon läufst und zu dir schaust.
…dass du Fehler machst und menschlich bist.
…dass du die Begrenzungen immer mehr aufbrichst.
…dass du dir eingestehen kannst, dass arbeiten in dieser Heilungsphase für den Moment einfach nicht möglich ist.
…dass deine sogenannten Schwächen dir nur zeigen wollen, was du wirklich brauchst.
…dass dein Körper mit dir und uneingeschränkt für dich kämpft.
…dass deine Seele endlich ihren Platz und ihre Beachtung findet.
…dass du dein Innen und deine Innenpersonen immer besser kennen lernst.
…dass du aufgeben kannst.
…dass du schwach und kraftlos sein darfst.
…dass du es weiterhin versuchst.
…dass du ____________________________
…dass du so bist wie du bist!

Fremdsprachengetümmel und Gedankentreiben

Wir sitzen am Fenster, eine Tasse Tee in der Hand und blicken hinaus in das blendende Nebelhell.
Seit zwei Tagen sprechen Innens in meinem Kopf nun fast ausschließlich in englischer Sprache mit mir. Das ganze in einer Perfektion, zu der ich im Alltag sonst gar nicht in der Lage bin. Was das ausgelöst hat, weiß ich nicht. Schwierig genug schon, die Innens zu verstehen, die mir etwas auf deutsch sagen wollen, muss ich jetzt auch noch dauerübersetzen und „meine eigenen Gedanken“ im Wörterbuch nachschlagen.
Im Nebelgrauhelligkeits- und Schneedächerschauen ziehen sie an mir vorbei, die letzten zwei Wochen.
Weihnachten, Feiertage, Vollmond, Rauhnächte, Silvester, Neujahr, Hl. drei Könige.
Anstrengendes und Verstörendes.
Schmerzende Klarheit.
Überlebenskämpfe.
Und zwischendrin packt mich die Wut, auf all die, die nicht zuhören und nicht glauben, Gegebenheiten Lügen nennen und damit Teil der Täterschaft sind. Auf all die sogenannten Helferinnen, Therapeuten und anderen Übermenschen die in ihrer Arroganz meinen sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und müssen nicht zuhören, weil Sie wissen, was wichtig und richtig ist, obwohl sie vom Leben in diesen Strukturen keine Ahnung haben. Und ihre Arroganz und Respektlosigkeit wäre Ihnen ja vergönnt, wenn sie damit nicht genau den Tätern in die Hände spielen und es für die Opfer noch schwerer, bis unmöglich machen würden auszusteigen.
Manchmal ist es schwer, nicht auszurasten, wenn wir in unserer Arbeit als Angestellte in einer sozialen Einrichtung versuchen dezent in einem Vieraugengespräch mit der Therapeutin zwischen ihr und einer Betroffenen zu vermitteln, wenn jemand etwas aufgrund seines Hintergrundes nicht machen kann, weil davon auszugehen ist, dass es innere Programme gibt, die das verhindern und es spezielle Lösungen braucht und wir dann von Seiten der Therapeutin sofort nach unserer Befugnis oder unserem Abschluss gefragt werden, eine derartige Einschätzung vorzunehmen.
Wir brauchen nicht studieren, um zu wissen, wie sich ein Opfer fühlt und wir brauchen keine Ausbildung, um zu wissen wie man programmiert. Ich bin nicht die Therapeutin und ich Maße mir nicht an es zu sein, aber wir wissen etwas zu den Hintergründen, was für die Therapie sehr wichtig sein kann. Wir haben es schlicht erlebt und wir hören einfach zu, was Menschen uns erzählen. Keine noch so gute Ausbildung ersetzt ein offenes Ohr und ein offenes Herz, weil es das ist, was heilt.
Hoffnung macht nur, dass es die leider viel zu seltenen Momente durchaus gibt, in denen es anders läuft und gute Lösungen gefunden werden.
Nebelgrau.
Die Wut zieht weiter.
Was bleibt ist der Schmerz.
Paradox, dass es die eisige Kälte des Schnees ist, die das Leben davor bewahrt zu erfrieren.

Dissoziation und Zweifel im Rückblick 2015

Wenn es etwas gibt, was ich letztes Jahr wirklich mit allem was in mit ist verstehen durfte, dann ist es das, dass das alles wirklich wahr ist und passiert ist – Der Missbrauch, die Vergewaltigungen, die Gewalt, die Folter.
Das war allerdings sehr lange ganz anders.
Oft war es nur eine wage Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmt. Was? Keine Ahnung. Wenn Bilder da waren, dann waren sie für mich als Alltagsperson so ungreifbar, dass ich meinen Zweifel daran hatte und oft genug darüber nachdachte, warum meine Phantasie jetzt so mit mir durchgeht. Leider war ich trotz aller Bemühungen unfähig das zu stoppen. Mein Körper machte mir komische Gefühle, ließ mich spüren, dass mich jemand anfasste, streichelte oder auf mir lag und lähmte mich manchmal vor Schmerzen, obwohl niemand da war. Ängste. Schmerz der mich innerlich zerfetzte, wenn ich bestimmte Worte hörte. Alles so real… Doch wirklich passiert!?
Gemeinsam ging ich mit unserer Therapeutin und den Innenleuten vor Jahren irgendwann den Weg des Ausstieges. Mal näher an: „Ja, das stimmt!“ Mal näher an: „Alles Phantasie und Lüge!“ Irgendwie fühlte es sich richtig an, diesen Weg zu gehen. Irgendwie war da immer das Gefühl, das in mir noch viel mehr Dinge sind, die ich nicht weiß. Irgendwie spürte ich, dass es Verbesserungen für mich brachte mich darauf einzulassen, mit den Innenpersonen zu reden, mich von bestimmten Menschen fern zu halten, weil dadurch manche Ängste und Symptome gelindert wurden. Ich ging mit. Entlang an meinem Bauchgefühl. Ich war irgendwann draußen. Hatte mein eigenes Leben. Richtig greifbar wurde es in seiner Gänze allerdings nie. Es blieb ein Nebelschleier, der alles auf eine surreale Ebene hob. Manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark war, fühlte es sich so an, als würde ich eine Phantasie leben, mit der ich nicht aufhören konnte. Doch egal, wenn sich durch die Behandlung auch die gesundheitlichen Beschwerden positiv beeinflussen ließen.
Letztes Jahr bin ich mit der Bitte nach Innen gestartet, doch bis Ende des Jahres endlich sicher zu wissen, was mir passiert ist, meine Geschichte endlich durchgängig sicher als Realität greifen zu können. Ich begann damit, das anzunehmen und zu fühlen, was ich sicher wusste. Dazu gehörten u.A. teile des Missbrauches, seelische Gewalt, körperliche Gewalt, Alkoholismus im nahen Umfeld,… Ich erlaubte mir diese Dinge zu fühlen, sie als schlimm anzuerkennen. Ich bemühte mich darum die Gedanken „So schlimm ist das nicht!“ möglichst zu lassen und ein „Doch! Für mich war das richtig schlimm!“, dagegen zu setzen. Blicke, scheinbar zufällige Berührungen, Stimmungen im Raum – Sie alle bekamen nun das Gewicht, das sie für mich schon immer hatten, das mir aber systematisch ausgeredet und als normale Harmlosigkeit untergeschoben wurde. Ich fühlte den riesigen Schmerz, die Ängste, die Verzweiflung. So reihte sich ein Puzzleteil an das andere. Der Nebelschleier lüftete sich Stück für Stück.
Heute weiß ich und kann tief in mir spüren:
Es stimmt.
Es ist die Wahrheit!
Ich wurde missbraucht. Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde gefoltert. Ich wurde verkauft. Ich wurde von organisierten Täterkreisen und Kulten ausgebeutet. Wir sind Viele.

Ich dachte immer, dass ich keinen Zweifel haben dürfte, wenn es wirklich so gewesen ist. Ich müsste das doch wissen. Ich dachte, dass ich auch sicher wissen müsste, das ich Viele bin, wenn es stimmt. Heute denke ich anders.
Denn „Viele sein“ bedeutet Dissoziation und Dissoziation bedeutet Zweifel.
Dissoziation schafft den Raum etwas dadurch zu überleben, dass es unreal wird, sich nicht mehr greifen lässt und im Nichts verschwindet.
Dissoziation verwischt das Bild und die dazugehörigen Gefühle und zerstreut sie in kleine Puzzlestückchen, die jedes für sich oft wenig Sinn ergeben, weil die Schachtel mit dem Gesamtbild fehlt, die verrät, wo man sie einsetzen muss.
Dissoziation schafft die Ebene von „Phantasie und Traum“, um die Schrecklichkeiten erst später zu enthüllen und Stück für Stück der Verarbeitung zugängig zu machen, wo sonst die Überflutung den Boden unter den Füßen wegziehen würde.
Dissoziation hüllt den tiefen Schmerz in ein watteweiches, wolkiges Tuch, in dem seine Schärfe nur sehr dezent zum Vorschein kommt.
Da und doch nicht da.
Zweifel entstehen durch mangelnde Bewusstheit einer Realität.
Dissoziation bedingt Zweifel gerade zu.
Zweifel bestätigen die Dissoziation und stellen sie nicht in Frage.
Dissoziation ist der Zweifel.
Zweifel, an der eigenen Wahrnehmung, der einen Überleben lässt.

Worte, die Realitäten schaffen…

Worte.
Worte, die uns tief treffen.
Zu tief.
Worte der Frauenärztin.

„Das wird vor allem auch durch häufig wechselnde Sexualpartner und frühe sexuelle Kontakte verursacht.“

Wumm.
Macht es immer wieder in unserem Kopf.
Wumm.
Knallen die Worte durch unseren Körper.
Worte, die wie Schläge gegen unsere Synapsen prallen.

Häufig wechselnde Sexualpartner…
… keinen haben wir uns je freiwillig ausgesucht.
Frühe sexuelle Kontakte…
… wir wünschten wir hätten sie nicht erfahren müssen.

Und dann kommt die Wut.
Wut auf all die, die das mit uns gemacht haben und die, die zugelassen haben, dass es passiert.
Wut, dass wir wegen diesen Typen nun auch noch krank sind und solche Angst deswegen haben.
Und nach der Wut kommt die Traurigkeit und die Verzweiflung.
Und das Gerüst, das mich überleben und funktionieren lies, das mir in schweren Zeiten so sehr geholfen hat, bricht endgültig in sich zusammen – das „Zweifelgerüst“.
Denn wenn „das“ von frühen sexuellen Kontakten und häufig wechselnden Sexualpartnern kommt, dann kann nicht mehr nichts passiert sein.
Dann kann ich nicht mehr hoffen, dass alles vielleicht nur Phantasie ist.
Denn ich weiß sicher, dass ich bislang noch nie freiwillig mit einem Mann geschlafen habe.
Und ich habe keine „häufig wechselnden Sexualpartner“.
Doch wenn ich noch nie mit einem Mann geschlafen hätte, dann könnte ich das jetzt nicht haben…
Dann werden die Bilder im Kopf zur Wahrheit.
Dann wird die Geschichte plötzlich real.
Meine Geschichte.
Unsere Geschichte.

Katzenpläne

Es ist früh am Morgen.
Wir sitzen hier am offenen Fenster.
Atmen. Die kühle Luft.
Die Nacht hat nicht begonnen und nun endet sie.
Wach. Liegen unmöglich.
Die Gedanken im Kopf kreisen.
Irgendwann spät in der Nacht gegen morgen packt es uns. Wir müssen raus.
Hier drin ist es so eng. Wir steigen in unsere Hose und werfen ein dickes Shirt über.
„Komm Mr. Miez, wir gehen spazieren.“
Die Katze guckt ungläubig. „Spazieren!? vor dem Frühstück!?“
Die Nachtluft ist kühl und feucht. Leichter Nieselregen prasselt auf uns nieder.
Beide Katzen strecken ihre Näschen aus der Tür. „Scheiß Wetter und ausgrechnet jetzt will unser Frauchen raus. Sonst immer gerne, aber so…!“
Sie bleiben unter dem Vordach sitzen und schauen mit mir in die Nacht.
Langsam hebt sich die Lunge etwas freier.
„Wir wollen wieder rein!“, erinnert mich ein Miau.
„Und Hunger haben wir auch!“, verrät der Katzenblick.
„Ok.“, denke ich, „Schade.“ Doch alleine mag ich die Runde auch nicht gehen.
Ich komme der Bitte nach, öffne die Haustüre und stelle den Tigern ihre Mahlzeit auf den Küchenboden.
Dankbares schnurren.
Versuche ich eben doch mich auszuruhen.
Fünfzehn Minuten später wendet sich das Blatt.
Das Katzenduo ist nun satt und anscheinend bereit für einen Spaziergang.
Wildes fegen durch die Wohnung.
Belagerung der Eingangstür und lautstarkes „Wir wollen raus!“-Miauen.
Wir ziehen uns also wieder an und gehen los und machen genau das, wovon wir kurz vorher die Miezen überzeugen wollten, nur, dass es jetzt die Katzen sind, die spazieren wollen und die Katzen mit uns spazieren gehen, statt wir mit ihnen. 🙂

„Da müssen Sie ein inneres Team bilden“

…sagte die Therapeutin.
„Die Idee ist gut!“, denke ich und frage mich gleichzeitig, wie das funktionieren soll.
Nicht, dass es das erste Mal wäre oder, dass ich das noch nie versucht hätte, aber in Bezug auf bestimmte Alltagsaktivitäten bekomme ich das einfach nicht hin. Letztendlich bin es doch immer ich, die diese Dinge übernehmen muss und mir fehlen dafür derzeit langsam einfach die Kräfte, so dass ich Unterstützung gut gebrauchen könnte.
Aussagen wie: „Irgendjemand ist immer da, der dann übernehmen kann.“ oder „Wer da innen von euch kann das denn? Eine/Einer innen kann das immer.“ bringen mich auch nicht weiter, wenn ich nunmal „den Einen oder die Eine“, die das Problem lösen könnte, nicht finden kann. Im Gegenteil, gerade lassen sie mich eher (Ver-)Zweifeln.
„Wenn das bei Multiplen so funktioniert…“ denke ich, „…dann kann ich nicht viele sein.“ Manchmal wird der Gedankengang dann von Sätzen ergänzt, wie: „Ist ja logisch, wenn du die anderen nur spielst, dann können sie auch kein Team bilden, weil sie ja gar nicht da sind.“
Und schon haben die (sicher tätergewollten) Zweifel wieder einen Fuß in der Tür, wo sie gar keinen haben sollen, weil ich ja eigentlich mittlerweile weiß, dass ich viele bin. Ich versuche sie wegzuwischen und mich nicht darauf einzulassen.
Dennoch, es frustriert mich langsam die Geschichten von gut funktionierenden Alltagsteams zu hören und gleichzeitig bewundere ich das.
Wie um alles in der Welt funktioniert das!?
Wo bekomm ich sowas her!?
Was macht man, wenn sich bei allen Bemühungen keiner finden lässt, der eine bestimmte Aufgabe übernimmt!?
Ich finde es jedesmal faszinierend, wenn meine Therapeutin davon erzählt, wie andere das machen. Dass sie sich z.B. die Arbeit aufteilen, wenn es um bestimmte Anrufe geht. Dass sie das einfach innen so abgesprochen haben und dass das dann gut funktioniert.
Ich staune und grüble…
Wenn ich äußere, dass ich etwas nicht kann oder überfordert damit bin kommt meist sofort diese Frage, wer das denn dann kann. Denn „Irgendjemand innen kann das immer.“ Das sind die Aussagen, die ich höre und doch sind sie von meiner Realität recht weit entfernt.
Und ich Frage mich auch: „Stimmt das?“
Kann irgendjemand innen wirklich immer das, was ich nicht kann? So gesehen müssten Menschen, die viele sind dann ja die totalen Genies sein, weil sie alles können.
Und wenn es stimmt und da innen vielleicht ja sogar jemand ist, der das könnte, was ich nicht kann, dann heißt das ja noch lange nicht, dass ich immer den Zugang finde, oder!?
Ich werde wohl noch etwas weiter suchen und mit meinen derzeit verfügbaren Innens nach für uns praktikablen Lösungen Ausschau halten müssen.
Ich bin gespannt…

Honig zum Frühstück

Dieser Tag begann eigenartig.
Wir waren uns eigenartig nah und das schon ganz kurz nach dem Aufwachen.
Die letzte Zeit habe ich oft geglaubt ich hätte mich selbst und all die anderen im Stress-Watte-Überforderungsnebel verloren. Nur noch eine. Die anderen futsch.
Heute Morgen war es dann plötzlich anders. Einfach so. Über Nacht.
Die Stimmen in mir waren klar und deutlich wahrnehmbar.
Ebenso deutlich war auch mein Körper spürbar. Meine Haut. Meine Grenzen.
Lange schon können wir nicht oder kaum etwas essen. Wir versuchen es so gut es geht, um unseren Körper nicht völlig auszulaugen. Als ich die Guten-Morgen-SMS meiner Freundin las und durch den netten Gruß ein lächeln auf dem Gesicht hatte, stieg innen ein Wunsch auf.
Ein ferner Wunsch.
Ein Wunsch, den wir seit Monaten nicht mehr gedacht haben.
Frühstück.
Eine Kastanie mit Butter und Honig.
Und dann taten wir es einfach.
Wir gingen zum Gefrierschrank und tauten uns das Laugengebäck auf.
Fast meditativ fingen wir an die Butter darauf zu streichen und darüber den Honig zu verteilen.
Tee zu kochen.
Alle Angst, das Essen wieder nicht zu vertragen, wieder Übelkeit zu spüren, wieder massive Probleme zu bekommen trat für diesen Moment in den Hintergrund.
Und dann saßen wir an unserem kleinen Tisch im Wohnzimmer und nahmen den ersten Bissen und spürten.
Die eher raue Konsistenz der Kastanie. Den Butter. Wir rochen den Honig so herrlich süß.
Und es schmeckte. Es schmeckte so unglaublich gut. So unglaublich, unglaublich gut.
Und bei jedem Bissen, war so viel Dankbarkeit. Für diesen Moment. Dass es gerade möglich ist zu essen.
Dass wir überhaupt zu essen haben. Für alles.
So viel Freude in den kleinen und großen Herzchen in unserer Brust.
Nur wir und unsere Honigkastanie.
Ein kleiner Kosmos.
Voller Frieden und Ruhe.

Zerbrochen oder Ganz!?

Zerbrochen
Etwas das einmal zusammen gehörte, wurde durch schädliche Einwirkung getrennt und ist somit in kleinere und/oder größere Untereinheiten aufgeteilt worden. Dadurch haben die Teile ihren vorbestimmten Platz verloren und sind in andere Relationen gerückt.
Die entstandenen Teile haben unregelmäßige, nicht planbare Konturen und haben die für sie ursprünglich vorgesehene Position verlassen. Unter Umständen geht dieser Zustand auch mit Verlust der ursprünglichen Funktionalität des Objektes einher.
Die Zusammengehörigkeit und ursprünglichen Verbindungen gingen ganz oder teilweise verloren.

Ganzheit
Eine Ansammlung von Teilen und Elementen bildet in der erwarteten Weise ein zusammengehöriges Bild. Die Platzierung der Einzelteile des ganzen Objektes entspricht der ihnen ursprünglich zugedachten Position. Sie gehen vorbestimmte Verbindungen ein. Aufgrund dieser mehr oder minder durchdachten Anordnung der Teile erfüllt das Objekt ebenfalls die zugedachten und erwarteten Funktionen.
Die Konturen des Objektes sind planbar.

Ist dann Zerbrochenheit und Ganzheit das Gleiche, nur dass in der Ganzheit die Erwartungen an die Einzelteile erfüllt sind?

Ist Ganzheit immer die Summe seiner Teile?
Oder müssen die Teile festgelegte Anforderungen erfüllen, um sich ganz nennen zu dürfen?
Wenn ja, wer legt die Anforderungen fest?

Darf in der Ganzheit vielleicht nur nicht auffallen, dass sie aus Einzelteilen besteht?

Bin ich dann nicht auch irgendwie ganz?
Denn auch wenn die Position und Funktion der Einzelteile nicht mehr in der ursprünglichen Art und Weise besteht, so bleibt eine Zusammengehörigkeit erkennbar.
Oder ist ganz nur, was unverändert bleibt?

Kann aus Zerbrochenheit eine neue Ganzheit entstehen?
Was, wenn manche Teile sich nicht mehr an die ursprüngliche Position setzen lassen und die Funktion sich dadurch für immer verändert?

Darf ich mich, dürfen wir uns ganz fühlen?
Weil jede Innenperson ja für sich wieder ganz ist und eine Aufgabe erfüllt?