Frühjahrstaugeschichten

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Es ist früh am Morgen, als mich die Sonne weckt und hinaus in den Garten zieht. Der Tau steht noch in den Gräsern. Die Katze füselt eifrig im frisch gemähten Gras. Die erste Tasse Kaffee trinke ich auf der Bank vor dem Haus. Bald wird in meinem Ich das Wir spürbar wacher. In der Wiese werden die Halme mit ihren silberglitzernden Wasserperlen aufmerksam beäugt. Je länger der Tag andauert, umso mehr regt sich auch in der Nachbarschaft.
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Körper im Traumaburnout

08C0FA78-FBC0-4570-BC1D-1178DAF75B4AIch erinnere mich noch wie gestern. Dabei ist es nun schon über vier Jahre her. Es geschah an einem Ostersamstag. Das Wetter war traumhaft. Die Sonne schien. Ich stieg ins Auto, um mit meiner Freundin vom Essen nach Hause zu fahren. Die Stimmung war gut. Wir lachten. Mitten auf der Landstraße mit gut 100 Sachen stolperte plötzlich mein Herz. Ich klammerte mich ans Lenkrad. Mir wurde schwarz vor Augen. Im letzten Moment brachte ich den Wagen am Straßenrand zum stehen. Ich bemühte mich bei Bewusstsein zu bleiben und ruhig zu atmen, während mein Herz um sein Leben stolperte. Die Arme wurden Taub. Dann gingen bei mir die Lichter aus.

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Das leere Gesicht der Dissoziation

Zustände von Leere begleiten uns durch unser gesamtes Leben. In vielen Situationen waren sie überlebenswichtig. Heute verhindern sie manchmal, dass wir das Leben spüren, wenn sie uns zeigen wie „leer“ unser Leben war.

Ein bisschen stelle ich mir diese absolute Taubheit vor, wie eine alte weise Frau mit einem großen Beutel voller kleiner und größerer Gefäße. In den dunkelsten Stunden setzt sie sich zu uns. Dann nimmt sie mit ihrem Zauber allen Schmerz in ihre Fläschchen und schafft einen Raum der Stille im geschundenen Seelenkörper.

Früher hat Frau Leere uns in todesnahen Momenten oft besucht. Todesnah, das war nicht nur, wenn unser Herz aufhörte zu schlagen. Todesnah waren für das Kind auch die Erlebnisse, in denen seine Seinsberechtigung verbal ausradiert wurde und Situationen in denen es vor lauter Schmerz nicht hätte im Körper bleiben können.
Im Alltag war Frau Leere eine große Hilfe. Ohne sie hätte ich nicht lächelnd zur Schule gehen können. Sie schob mir Boden unter meine Füße und erlaubte es mir in getrennten Welten die jeweils geforderten Höchstleistungen zu bringen.

Heute sitze ich manchmal mit ihr da, starre zum Fenster hinaus oder einfach nur die Wand an. Dann nimmt Frau Leere meine Hand und schenkt mir einen Tropfen des alten Schmerzes zurück. Eine kleine Essenz aus meinem Sein. Plötzlich füllt sich dann der Augenblick mit tränenüberströmten Wunden. An die Stelle der Taubheit tritt zerbersten. Ich fühle mich und die Anderen und das ist schrecklichschön. Dann bleibt mir nur zu atmen. Durch die Schauer hindurch. Bis ich am Ende ein Stück meines Selbst geboren habe und erschöpft in Frau Leeres Arme falle. Meist hat auch sie sich dann verändert. Sie lächelt milde und ist nicht mehr ganz so groß. Vorerst hält sie mir den Rücken frei und lässt mich die Eindrücke verdauen.

Danach beginnt ein neuer Zyklus des uns selbst Gebärens unter dem Schuztmantel der Leere.

Regression bei DIS

Definition: Der Begriff Regression kommt ursprünglich aus der Psychoanalyse und bezeichnet das Zurückfallen eines Erwachsenen in eine bereits überwundene kindliche Entwicklungsphase.

Was sehen wir daran im Bezug auf eine DIS?
Richtig! Innenkinder haben nichts mit Regression zu tun.

Die Innenkinder bei einer DIS sind so alt, wie sie auch damals waren, als ihnen das Trauma passierte. Sie waren nie älter! Sie sind schon immer Kind oder Jugendliche oder junge Erwachsene. Tauchen sie sichtbar im Außen auf, fallen weder sie, noch die erwachsene Außenperson irgendwohin zurück. Sie sind einfach so, wie sie immer waren. Die erwachsene Außenperson hat mit den Innenkindern zunächst nicht mehr zu tun, als dass sie sich einen Körper teilen. Sie existieren getrennt voneinander. Ich bin als Außenperson vielleicht nicht mehr da, bzw. außen wahrnehmbar, wenn eine Kleine nach vorne rutscht, aber ich bleibe auch in der Zwischenzeit erwachsen.

Also was haben manche von euch lieben Therapeuten für ein Gescheiß (entschuldigt den Außdruck!) mit der ewigen Angst die Regression zu fördern, wenn die Innenleute sichtbar werden dürfen!? Entspannt euch!
Mit Offenheit könnt ihr nur Entwicklung nach vorne möglich machen.

Die Bedeutung der Diagnostik von dissoziativen Traumafolgen – Eine persönliche Sicht

Im Grunde können wir es kurz machen: Solange keine Diagnose der passenden dissoziativen Störung erfolgt, gibt es keine erfolgreiche Behandlung.
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Ein Löffel Eis im Jetzt

Ich liege auf dem Bett und atme. Mit zwei dicken Kissen im Rücken bettet mein Oberkörper leicht aufgerichtet. Meine Finger kraulen im weichen Katzenfell die harten Rippenbögen. Es dauert nicht lange bis sich meine Bewegung des Brustkorbs mit dem Atemrythmus der Fellnase synchronisiert. Tranceartig schnurren mich ihre Töne zur Ruhe. Die Heizung rauscht leise im Hintergrund. In der Nase kribbeln ein wenig die Pollen, aber ich bin zu müde zum Niesen. Mein Kopf singt Liszt. „Romantisch“, denke ich bei mir. „Oh lieb solang du lieben kannst…“
Dann mus ich eingeschlafen sein.

Als ich aufwache liegt mein Handy neben mir. Meine Katzen melden Frühstück an. Mit geschlossenen Augen trotte ich in simulierter Dunkelheit zum Klo. Dann beginnt mein Tag. Einige Stunden später sitze ich mit Spaghettieis im Garten. Die Stimmen in mir sind munter. Sie Reimen und scherzen. Mein Mund schleckt jeweils altersangepasst an der kalten Süßspeise. Nur ein bisschen schwer ist mir die Brust. Aber in der Erdbeersauce gehen die Sorgen unter.

Für diesen Moment ist das so. Die Freude überwiegt. Im gleichen Augenblick sterben im selben Körper Andere tausend neue Tode. Vorne ist das kaum mehr fühlbar. Nun spüren Kinder voll Fröhlichkeit ihr Leben im Heute, bis…
Ja, bis der nächste Moment kommt. Der ist immer nur einen Wimpernschlag entfernt. In dem sterben sie vielleicht vor Qual. Oder glühen vor Wut. Oder Trauern aus tiefem Herzen. Oder betteln um Aufmerksamkeit.

In einem Löffel Eis liegt die ganze Bedeutung von „Jetzt“. Beim nächsten Löffel kann es vorbei sein.

Wüstentränen

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Unser Bauch krampft.
Übelkeit steigt in uns auf.
Nicht erbrechen, nur nicht erbrechen.
Ein Trigger nichts weiter.
Während flotten aus vergangenen Zeiten angreifen, sitze ich in meiner Nussschale und versuche mich rudernd über Wasser zu halten. Die Tränen sind lange in der Wüste ertrunken. Ein kleines Viele-Gefühl stupst mich.
„Du, ich bin wieder da. Ich hatte solche Angst. Ich wollte nicht wieder alleine sein.“
Mein Herz klopft.
Über die Augen schwimmen Salzseen.
„Ich hatte auch Angst, mein Kind.“
Irgendwann werfe ich die Ruder weg, weil ich an den Bildern zu ersticken drohe.
Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst wann, wo, wie in meinen Hals bohrt.
In meinen Ohren brüllt es.
Grauselig.
Sätze voll Ohnmacht und blinder Gewalt.
Schauer überlaufen meinen Körper.
In der Dusche wäre ein Platz, um mich rein zu waschen.
Es schüttelt mich.
Vor Kälte.
Vor Ekel.
Vor Entsetzen.
Ich atme.
Meine Tränen gießen Oasen in die Wüste, als die Anspannung endlich abfällt.
Still bleibe ich auf meinem Bett sitzen.
Stumm.
Es gibt kein Wort dafür.

Das kleine Glück vom Tod

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Wir sitzen auf dem Balkon und genießen die Frühlingssonne. Mittlerweile weht ein kühler Wind und die Luft riecht nach kommendem Regen. Die erste Idee uns eine Jacke überzuziehen reicht nicht, um uns zu wärmen. Schweren Herzens wandern wir zurück in die Wohnung.

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Erholungskoma 😉

Mein Gehirn ist sei Gestern so müde,  dass ich gar keine Worte mehr hab. Die Buchstaben flitzen auf der Tastatur durcheinander und ich weiß einfach nicht, zu welchen Gebilden ich sie zusammensetzen könnte. Alles ist neblig. Dabei geht es mir gerade gar nicht schlecht, wenn da eben nicht dieses bleierne Gefühl wäre. Ein bisschen habe ich mich vielleicht am Wochenende übernommen. Da war ich nämlich lange unterwegs. Auch wenn es sehr interessant war und ich die Tage nicht missen wollen würde, habe ich zwischendrin durchaus gemerkt, dass ich irgendwie „voll“ bin. Nicht mit Alkohol. Sondern mit Reizen. Irgendwann war vor lauter Spüren das Gefühl weg. Jetzt müssen sich meine Nerven erst einmal erholen. Gestern hieß es dann früh schlafen oder viel mehr Erholungskoma. 😉

Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe mich gefühlt, als hätte mich ein Lastwagen überrollt. Dem „Na, gut ausgeschlafen?“ folgte direkt ein „Ich kann nicht mehr.“ Seitdem hadere ich damit, ob ich eine Veranstaltung am Abend besuche oder ob ich mich abmelde. Manchmal frustet es mich, dass ich mir auch die schönen Aktivitäten wohl dosieren muss. Mein Körper ist ab einem gewissen Punkt einfach platt. Da nützen die besten Pläne nichts. Irgendwann wird das anders sein. Darauf arbeite ich hin. Dann genieße ich das Leben in vollen Zügen. Damit ist dann nicht gemeint, dass ich mit der deutschen Bahn reise. Viel mehr mache ich einfach nur tolle Sachen bei denen meine Seele singt. Jetzt ruhe ich mich erst einmal aus, tanke Energie, heile etwas von dem alten Mist. Und wenn ich wieder fit bin, laufe ich los und schreie laut mit hochgerissenen Armen: „Welt ich komme!“

Osterreisen

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Auf einem kleinen Boot saß sie. Es war aus altem Holz gemacht. Die grüne Farbe blätterte bereits an vielen Stellen ab. So wollten es die Gezeiten. Ihre Füße schwebten kurz über der Wasseroberfläche und in ihrem Haar webte ein Rosenkranz Geschichten von der fruchtbaren Welt. Ein feuriges rotes Kleid umhüllte zart energetisch fließend ihren Körper. Ihre Augen fühlten geschlossen der Weite um sie nach. Am Horizont dämmerte es orange leuchtend.
Mit ihrer Zehenspitze konnte sie fast die Spieglung derselben im Wasser berühren. Doch ein Lufthauch hielt die beiden getrennt. Sie wohnten in zwei Welten.
Das Wasser ruhte.
Die Welt um sie herum ruhte.
Sie selbst ruhte.
In sich.
Und über den Wogen erhaben.
Am Himmel zog ein Vogelschwarm.

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