Text findet Autor

Die Art einen Text oder Beitrag anzugehen, kann sehr unterschiedlich sein. Mit zwei Varianten haben wir fast täglich zu tun, wenn wir unsere Sprache zu Papier bringen.

Es gibt Situationen, in denen man ein bestimmtes Thema genauer beleuchten möchte. Man beginnt zu recherchieren, sammelt Informationen und setzt sich schließlich an den Laptop, um seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Wahrscheinlich ist diese Reihenfolge mit „Thema first“, die Art und Weise, wie die meisten Menschen einen Text – wofür und wozu auch immer – angehen. Im Deutschunterricht in der Schule bekommen wir das auch genau so beigebracht. Der Lehrer gibt uns vor, dass wir etwa über die letzten Ferien schreiben sollen. Der brave Schüler lässt sich etwas dazu einfallen und gruppiert anschließend seine Worte drumherum.

Und dann gibt es da diese Momente, die für uns fast noch reizvoller sind. Wenn weder Rahmen noch Thema vorgegeben sind. Wo uns das leere Blatt Papier findet und uns Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort zu der Geschichte trägt, die im Nichts auf uns wartet. Du weißt im tiefsten Inneren, dass der perfekte Artikel schon fertig ist, noch bevor du überhaupt den Stift angesetzt hast. Du holst ihn einfach nur ab. Der Prozess ist tief. Er basiert auf der fokussierten Wahrnehmung des Momentes. Mit dem Verstand, vor allem aber mit dem Gefühl. Die Seele des Textes verlangt vom dir als Schreiber nicht mehr, als ganz in der eigenen Seele zu sein und so einen inneren Raum zu öffnen, in dem alles erlaubt und dadurch alles möglich ist.
Vertrauen, Hingabe, Emotion.
Dann fließt die Geschichte des Augenblicks durch dich hindurch und aus dir heraus.
Die Überschrift kennt selbst der Autor erst am Schluss.
Diese Momente sind uns heilig und in besonderem Maße heilsam. Unsere Gedichte entstehen fast ausschließlich so und haben uns diese Form des Ausdruckes zuerst gelehrt. Mittlerweile schreiben wir auch andere Texte auf diese Weise.

Das Universum hat alles.
Auch fertige Texte zum Download. 😊

Windstille Höhlenträume

Regen prasselt auf die Balkonbretter. Der böige Wind wirft mein Bäumchen auf dem Balkon um. Ich laufe kurz nach draußen und bringe es in Sicherheit. Dann krieche ich unter meine Bettdecke. Am warmen Kuschelort wird es still. In der Nachbarswohnung ist Besuch. Vom Wetter draußen bekomme ich nichts mehr mit. Bald werden meine kalten Füße warm. Die Katze kuschelt sich in die Decke und mein T-Shirt. „Es ist wie in einer sicheren Höhle“, denke ich. „Windstill. Mit Raum für die eigenen Träume und Gedanken.“
Wie das wohl für die Höhlenmenschen früher war im Erdbauch zu leben?
Gut, der Vergleich hinkt etwas. So luxuriös wie meine „Höhle“ war das sicher nicht. Andererseits waren die Menschen dort drin sicher auch oft mit sich alleine im Kontakt und sortierten in warme Felle und Decken gehüllt ihre Gedanken beim Warten auf besseres Wetter. Zumindest mag ich gerade die Vorstellung.
Ich rolle mich ein und träume vor mich hin.
Von Höhlenmenschen die bunte Bilder an die Wände malen, mit dem Bauch die Jahreszeiten fühlen und ihrer inneren Stimme lauschen. Ich werde zum Viele-Höhlenmensch auf Zeit, bis mir die Augen zufallen.
Im Morgengrauen krieche ich aus der Deckenhöhle, um mich fertig zu machen und zunächst die Zimmerhöhle und danach die Haushöhle zu verlassen, um meinen Neuzeitverpflichtungen nachzukommen. Ich jage Parkplätze und kleine Presshühner bei Mc Donalds als Snack. Ich schließe moderne Tauschgeschäfte und hoffe beim „60 Cent gegen EINE Breze“-Tausch, dass die Getreidekörner einzeln von Hand mit Liebe zu Mehl verarbeitet wurden und der Bäcker jedes einzelne persönlich kennt, um den Preis auch nur annähernd zu rechtfertigen. Ich regle Amtsgeschäfte in der Einwohnermeldehöhle und lerne meine neuen Kollegen im Studienbunker kennen.
Irgendwann setze ich mich in mein kleines 100 PS Pferd, bin froh, dass es Scheibenwischer statt Scheuklappen hat und Blinke mich durch die Stadt nach Hause.
„Du…“
„Ja…“
„Dein Professor sieht aus wie ein richtiger Höhlenmensch.“

Gespaltener Vorabend

Ich sitze am Pc und tippe ohne zu wissen, wohin mich diese Zeilen führen werden. Die Worte sind in den Fingern, ehe sie in meinem Kopf bewusst werden. Sie fließen an meinen Synapsen vorbei. Morgen ist Tag der deutschen Einheit. Letztes Jahr haben wir hier auf diesem Blog geschrieben, dass dieses Land noch lange nicht eins ist, wenn traumatisierte Menschen gesellschaftlich derart ausgegrenzt werden. Dieses Jahr machen mich die inneren Wortschwalle stumm.
In der neuen ganz weit entfernten Wohnung kommen in der Brückentagfreizeit Dinge hoch, die im Alltag nun lange, lange Zeit weggedrückt werden mussten. Ich ärgere mich, dass morgen Feiertag ist, weil es mir Zeit nimmt, wichtige Dinge im Außen zu erledigen. Ich sitze in der Falle, weil mein Fluchtweg „Alltagsmanagement“ wegfällt. Und ich hasse das derzeit allgegenwärtige, existenzbedrohliche Gedankenkreisen, wie ich wohl am Besten damit umgehe, dass eine dritte Person einfach so, ohne mein Wissen, auf meinen Namen ein Handy, samt Vertrag bestellt hat, zu dem mir nun die Rechnung ins Haus geflattert ist. Der Einspruch bei dem Telekommunikationsunternehmen über den Bestellvorgang, interessiert die Bearbeiter herzlich wenig. Das sei mein Problem, bekomme ich dann nur zu hören, wie ich das Handy wieder auftreibe. Ich könne es ja zurück schicken und man mache alles rückgängig. Guter Witz! Immerhin haben sie es ja nicht an mich versandt, sondern widerrechtlich an besagten dritten. In der pinken Welt des Konzerns scheint es an normalem Menschenverstand zu mangeln. Das gute Stück ist übrigens nur schlappe 800 Euro Wert. Im Briefwechsel zeichnet sich ab, dass ich wohl einen Anwalt brauchen werde. Bei der Polizei habe ich bereits Anzeige erstattet. Ich rase innerlich, weil ich nicht weiß, woher ich das Geld für den Anwalt nehmen soll, geschweige denn für das geforderte Mobiltelefon. Ich hasse es zudem, dass mir gerade die Verantwortung für etwas in die Schuhe geschoben wird, für das ich nicht mal im entferntesten etwas kann, weil ich damit null zu tun habe, außer dass mein Name auf der Rechnung steht.
Bei mir ist gar nichts eins.
Das einzige worüber einheitliche Zustimmung erfolgt, ist, dass wir gerade innerlich sehr gespalten sind.
Die Scheiße triggert und sie macht auch ohne Trigger entsetzlich betroffen, traurig und ohnmächtig. Ich frage mich, was sich dieser Mensch eigentlich denkt oder eben auch nicht denkt, der auf meine Rechnung bestellt hat und an seine Adresse liefern ließ. Und wieso verdammt noch mal ist das eigentlich so leicht!?
Ich bin müde. Meine Augen wollen nur noch schlafen. Sie wollen dass im Kopf endlich ein Ende ist mit den ganzen Diskussionen. Wir wollen nicht auch noch darüber nachdenken müssen, was in den Tagen und Nächten um den dritten Oktober früher so passiert ist.
Auch damals ging die Rechnung unerlaubter Weise auf unsere Kosten.
Diesmal werden wir nicht zahlen!

Studie zur Aufarbeitung ritueller Gewalt

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Die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ hat auf ihrer Internetseite eine Befragung eingerichtet um das Vorkommen von ritueller Gewalt und die spezifischen Hilfsangebote näher zu beleuchten. Geleitet wird die Studie von Prof. Dr. Peer Briken. Im Internet stehen zwei Online-Fragebögen für Betroffene und Therapeuten zur Verfügung. Die Teilnahme kann anonym durchgeführt werden. Ziel ist es unter anderem auf Basis der Ergebnisse eine größere Anerkennung der Thematik in Gesellschaft und Therapeuthenkreisen zu schaffen.
Eine Beschreibung der Studie und den Link zu den Fragebögen findet man hier.

Die Beantwortung der Fragen dauert ca. 45 Minuten. Pausen sind währenddessen leider nicht möglich. Wer mehr Zeit benötigt, kann sich die Fragen aber vorab als PDF-Datei ansehen. Neben direkten Fragen zu Art und Umfang der erlebten Gewalt, geht es darin auch um die Bewertung der bislang wahrgenommenen medizinischen oder psychotherapeutischen Angebote. Studienmitarbeiter sind bei einer eventuell durch die Fragen ausgelösten Krise erreichbar. Es wird aber ausdrücklich drauf hingewiesen, dass man nur bei ausreichender Stabilität mit der Beantwortung des Bogens beginnen sollte.

Wir finden es gut, wenn offizielle Stellen sich mit der Thematik auseinandersetzen und dadurch mehr Anerkennung von ritueller Gewalt und ihren Folgen entsteht. Was das Studienergebnis sein wird und ob es letztlich im Sinne der Betroffenen ausfällt, ist noch ungewiss. Dennoch finden wir den Grundgedanken unterstützenswert und sehen darin die Chance mit unserer Geschichte und den Folgen gehört zu werden.

Frutti di Mare

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© Copyright by „Sofies viele Welten“

Muscheln mit einer Portion Algen und Meersalzwassersauce auf Sandbett.
Der „Koch“ – die Natur selbst.
Wir mussten nichts weiter tun, als den Auslöser der Kamera zu drücken.
Das macht Lust auf Meer. 😉

„Was die an diesen Nutten bloß finden!?“

Höre ich eine junge Frau sagen, die mit einer anderen ins Gespräch vertieft ist. Beide wirken auf den ersten Blick durchaus gut gekleidet. Man hätte Niveau vermuten können.
Von Zeit zu Zeit führt mein Weg durch eine Gegend, in der auch immer wieder Prostituierte auf den Straßen zu sehen sind, weil der Straßenstrich nicht weit entfernt ist. Ausweichmöglichkeiten für mich gibt es nicht, wenn ich das Geschäft meiner Wahl besuchen möchte, weil es nun mal dort lokalisiert ist. Mich stört es allerdings auch nicht sonderlich. Die Frauen tun mir nichts und ich schaue sie eher voller Mitgefühl an. Mit den Leuten des Ladengeschäftes versteh ich mich gut, sie machen gute und bezahlbare Arbeit. Ich mag den Austausch dort. Weshalb sollte ich also ein anderes Geschäft aufsuchen!?
„Schau dir die doch mal an! Wie die aussieht! Da müssten ja eigentlich die Männer noch was dafür bekommen.“
„Die könnten doch auch einfach Kellnern, wenn Sie Geld verdienen wollen.“
Es wird über Prostituierte geschimpft und gelästert und wie schlimm die Männer es wohl haben, mit ihnen ins Bett gehen zu müssen.
Ich höre zu, obwohl ich eigentlich viel lieber gar nichts davon gehört hätte und weil ich schon zu viel gehört habe, mische ich mich schließlich ein.
„Haben Sie eigentlich keine eigenen Probleme?“, frage ich freundlich nach.
Man blickt mich an.
„Naja, es stimmt doch! Die könnten doch auch einfach einen anderen Job machen!“, bekomme ich als verteidigende Antwort.
„Wenn es so einfach wäre und sie tatsächlich wählen könnten, dann stimmt das. Leider können die meisten dieser Frauen nicht einfach frei wählen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich“, spreche ich in erstaunte Gesichter. „Haben sie jemals mit einer dieser Frauen über ihre Lebensrealität oder ihre Geschichte gesprochen? Hatten sie jemals wirklich Kontakt zu jemandem aus der Szene oder haben zumindest ein paar Worte gewechselt? Haben sie jemals versucht diesen Frauen zu helfen auszusteigen? Haben sie sich überhaupt schonmal in die Materie eingearbeitet, bevor sie derartige Aussagen treffen?“, frage ich freundlich, aber mit spürbarer Wut im Bauch. Was ich ernte ist nicht viel mehr als entsetztes Schweigen. Das ist mir aber allemal lieber, als mir das Gewäsch weiter mit anhören zu müssen. Ich erledige meine Sachen und mache mich dann auf den Heimweg.
Wenn andere Menschen über Prostituierte sprechen fühle ich mich unwillentlich immer persönlich angesprochen. Ich kann nicht einfach weghören. In mir schreit dann etwas „Weißt du Arschgeige eigentlich wie das ist und worüber du da sprichst?“. Oft schweige ich, diesmal war es an der Zeit den Mund aufzumachen.

Geteilte See

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© Copyright by „Sofies viele Welten“


Wir stehen mitten im Meer.
Die Bojen an ihren langen Metallketten ruhen auf dem Grund. Unsere Füße stehen auf nass-trockenem Meeresboden. Die Nase tropft vor Kälte. Wir schlüpfen mit unserem Gesicht tiefer unter das Schaltuch. Immer wieder bücken wir uns, um mit klammen Fingern Meereschätze wie Muschelchen und Schnecken aus dem Watt zu pulen.
Das Meer selbst ist „temporary not available“.
Ebbe.
Bis zum Horizont verteilen sich nur kleinere und größere Salzwasser-Pfützchen.
Abgetrennt von der großen See.
Der Wind pfeift.
„Wir waren am Meer. Nur Meer war leider keins da“, notieren wir als Urlaubserinnerung.
Dann wird die See zum Sinnbild. Wir schauen auf den Wasserrand eines Meerwasserüberbleibsels. Die Wasseroberfläche wirft ihre kleine Wellenbrandung an den Strand auf Zeit.
Die See ist geteilt und doch ganz. Die Pfützen sind Pfütze und Meer gleichzeitig. Sie gehören zusammen. Bilden eine Einheit, wenn sie auch gerade so getrennt vor uns liegen. Die Pfützenstruktur, die dem Meer zugrunde liegt, bleibt von außen unsichtbar, sobald das Meer zurück ist. Der Schein trügt. Auch beim Meer sind die „inneren Werte“ unter der Oberfläche versteckt.
Die Flut ist mittlerweile auf dem Weg. Wir kehren unsere Küstenwanderung um in Richtung Festland, auch wenn wir so gerne etwas mehr Meer gesehen hätten. Es wäre zu gefährlich. Wir winken dem Horizont und packen unsere Seele ein, die in Gedanken weit über das Meer geflogen war. Stürmisch trägt uns der Wind zurück und plötzlich ist Wasser vor uns, obwohl hinter uns das Meer noch fehlt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als es zu durchwaten. Die Zehen frieren, die Hose ist durchnässt, Sand spült in die Schuhe.
Zügig weiter.
Wir sind froh, als wir heil am Auto ankommen.
Salzwassergeruch begleitet uns auf der Fahrt ins Hotel.
Der Kreis schließt sich.
Das Wasser sucht sich seinen eigenen Weg.
Es fließt.
Manchmal unbemerkt.

Ein lauschiges Plätzchen 😉

Ich sitze in einem kleinen Ferienhaus vor dem Kamin. Das Feuer lodert, um den windigen Herbst zu erwärmen. Der Abstand zum Alltag schafft Nähe zu mir und meinen Ideen.
Meine Gedanken glitzern. Mut zu den eigenen Visionen. Wir genießen die Zeit vor uns hinzudenken und ungestört der inneren Stimme zu lauschen, um in ein paar Tagen im Alltag mit neuer Kraft durchzustarten.
Am Ende gibt es bestimmt auch einiges auf diesem Blog zu erzählen… 😊

„Trotz allem“-Wut

Vor vielen, vielen Jahren, bei unserer ersten kompetenten Therapeutin, bekamen wir von Ihr das Buch „Trotz allem“ zum lesen ausgeliehen. Was wir damals daran so besonders toll fanden, ist die Tatsache, dass uneingeschränkt an die Erinnerungen der Betroffenen geglaubt wurde. Das selbst dann vertrauen in die Gefühle bestand, wenn konkrete Erinnerungen fehlten und die Überlebende „nur“ einem innerem Instinkt folgte. Damals waren meine Zweifel noch deutlich größer und übermächtiger im Vergleich zu heute. Nur kleine diffuse Bruchstücke drangen durch das Schwarz meines Erinnerns. Der klare Standpunkt der Autorinnen erleichterte es mir meinen Weg zu finden und mich auf mich selbst einzulassen. Um zu begreifen was meine eigene Geschichte ist, war und ist es für mich elementar wichtig, dass es Menschen um mich gibt, die für mich die Fahne hochhalten und glauben, wo ich selber vor Verwirrung gar nichts mehr glauben kann. Das Buch war damals ein Teil davon. Nur so konnte ich überhaupt kritisch hinschauen, was in meinem Kopf los ist und mir selbst ein Bild davon machen, was ich letztendlich glaube. Mit Wischiwaschi-hätte-wenn-könnte-wäre-Aussagen, wäre ich keinen Schritt weiter gekommen. Es war das „Du schaust dir das jetzt an und deine Meinung kannst du danach immer noch ändern, weil ich daran glaube, dass an deinen Bildern was wahres dran ist“, das mich hat wachsen und erkennen lassen.

Nun hielt ich gerade die neue Auflage von „Trotz allem“ von Ellen Bass und Laura Davis in den Händen und stellte mit bedauern fest, dass die Eindeutigkeit an manchen Stellen gewichen ist. Man ist vorsichtiger in den Aussagen geworden. Als Leserin habe ich Eindruck bekommen, dass auch hier die Debatte um „Falsche Erinnerungen“ zu einem Zurückrudern in der Eindeutigkeit geführt hat. „Überlebende werden sich zwangsläufig etwas ungenau an die Einzelheiten des Missbrauchs erinnern“, heißt es etwa im Kapitel „Die Grundlegende Wahrheit der Erinnerung“. Nein! werden sie nicht! Wir haben durchaus sehr genaue Erinnerungen! Zwar werden die Erinnerungen und Gefühle an dieser Stelle noch als Hinweis für etwas genommen, was passiert ist und sehr verletzt hat. Dass es Eins zu Eins so war, wird allerdings in Frage gestellt. So wird auf Seite 138 ausgeführt: „Manche Frauen Erinnern sich nicht, weil es keine physischen Übergriffe gab. Stattdessen warst du vielleicht einer Atmosphäre, unangemessener Grenzen, anzüglicher Blicke oder einem unangebrachten romantischen Verhalten ausgesetzt.“ Unterlegt wird die Behauptung mit dem Beispiel einer Betroffenen: „Ich war drei Jahre lang in Therapie und habe geforscht, in Erwartung eine Vergewaltigung oder ein anderes Ereignis aufzudecken, wo er mich tatsächlich belästigt hat. Doch er hat nichts dergleichen getan. Es war alles emotional.“
Wir finden solche Aussagen mehr als schwierig, zumal wir denken, dass sich eine Frau nicht vergewaltigt fühlt, weil die Atmosphäre nicht stimmt. Außerdem würde mich an der Stelle interessieren, wie die Frau zu der Einsicht kam, dass es letztlich nicht so war. Nur weil sich eine bildhafte Erinnerung nicht zeigt, belegt das nicht die Unrichtigkeit von Gefühlen. Wenn der Körper nicht weiß, was es bedeutet vergewaltigt zu werden, wird keine Frau der Welt plötzlich in jeder ihrer Körperzellen genau das fühlen können. Wie soll ein Körper speichern, was er nicht kennt!?
Über die Aussage „Langfristig ist es besser, deine Ungewissheit anzuerkennen, als vorzeitig etwas zu benennen, dessen du dir nicht sicher bist“ (S.139) könnten wir dann nur noch kotzen. Die Täter werden sich freuen und das Opfer kommt keinen Schritt mehr vom Fleck, weil es sich mit seinen Gefühlen nie Vertrauen darf, oder wie!? Genau diese Vertrauen braucht es doch aber, um irgendwann Sicherheit finden zu können. Egal wie sie am Schluss aussieht.
Es braucht Klarheit! Es ist wichtig zunächst davon auszugehen, dass es genau so war, wie es erinnert wird und von diesem Standpunkt weiter zu gehen. Anders kann man Verzerrungen, sofern sie überhaupt vorhanden sind, nicht aufdecken.
Aus einem Buch, dass vorher uneingeschränkt empfehlenswert war, ist durch das angepriesene „Überarbeitungs- und Zusatzmaterial“ in der Neuauflage ein Eiertanz geworden, bei dem klare Aussagen sich doch selbst zu vertrauen und zu glauben, im nächsten Moment wieder untergraben werden.
Ein Großteil des Inhaltes ist empfehlenswerter Lesestoff zum Thema Missbrauch, sofern man die Verunsicherung ausblenden kann, die den Weg ins Buch geschafft hat.
Diese Entwicklung finden wir sehr schade!

Liebe ganz sachlich

Nachdem es bei der Nominierung der Melinas zum „Liebe verbreiten“ zu lustigen Wirrungen kam, möchten wir der „Doppelnominierung“ mit diesem Beitrag gerecht werden. Hier also noch eine Variante für „Sachtextliebhaber“:

Liebe was ist das eigentlich?
Kann man das nachweisen?
Beim Wort „Liebe“ weiß wohl jeder, wovon man spricht, obwohl es keine einheitliche Definition dafür gibt. Wenn der richtige vor einem steht, hat es einen einfach voll erwischt. Oder man fühlt sich in einer tiefen Freundschaft im Herzen verbunden. Doch eindeutige Nachweise für die Existenz der „Liebe“ Fehlanzeige. Der Duden versucht es mit einer Umschreibung, um klar zu machen, worum es bei der Liebe geht. Sowohl beim „starken Gefühl des sich hingezogen Fühlens“ als auch bei einer „auf starker seelischer, geistiger und körperlicher Anziehung beruhenden Bindung“ besteht die Basis allerdings aus subjektiven Empfindungen. Die sind aber ja bekanntlich wieder weniger sachlich und sehr individuell.

Rein physiologisch ist die Chemie ganz schön durcheinander, wenn die Chemie stimmt. Das limbische System als Sitz der Emotion wird im Gehirn stark aktiviert. Gleichzeitig werden die Areale, die für rationale Entscheidungen zuständig sind gehemmt. Man ist plötzlich blind vor Liebe und völlig kopflos. Zusätzlich werden Bereiche durch leidenschaftliche Liebe angeregt, die auch durch die Suchtstoffe aus der Wirkstoffgruppe der Opiate und Kokain stimuliert werden. Wir sind also süchtig nach Liebe. Die Belohnungszentren jauchzen vor Freude über den Hormoncocktail. Körpereigenens Dopamin überschwemmt die Synapsen und tut das, was sein Ruf als Glückshormon erwarten lässt: Es macht glücklich und euphorisch. Der Botenstoffkollege „Oxytocin“ sorgt für Vertrauen und Bindung. Allerdings ist der etwas langsamer und zurückhaltender. Er kommt nicht gleich auf die ersten Tage einer neuen Liebe voll zum Einsatz, sondern entfaltet sich mit der Zeit.

Diese Erkenntnisse geben Raum für neue wissenschaftlich fundierte Anmachsprüche, wie „Hey, wie hoch steigt dein Dopamin eigentlich, wenn du mich siehst?“ oder „Ist dein Oxytocinspiegel ausreichend hoch für feste Bindungen?“. Wenn unser Gegenüber daraufhin den Labornachweis vom Arzt zückt, kann man es ja – je nach Ergebnis – mal versuchen…
Aber wer will Liebe schon so angehen? Es ist doch auch irgendwie toll, so herrlich unrational zu sein und einfach nur im Gefühl zu baden. Das macht den Zauber an den Schmetterlingen im Bauch aus und es knistert umso doller, wenn das mysthische bleiben darf. Letztlich ist das eigene Bauchgefühl wohl der sicherste und einzig anwendbare Parameter für die Existenz der wahren Liebe.