Explizite rituelle Gewalt

Jeden Donnerstag treffen sie sich.
Mein Vater und seine „Brüder“.

Sie versammeln sich, um ihre gemeinsame Ideologie zu stärken: ihre Werte, ihre Weltsicht, ihre „Ordnung“. Die Treffen folgen einem festen Ablauf – mit Symbolen, Rangstrukturen und Ritualen, die für alle Beteiligten selbstverständlich sind.

Kerzen werden entzündet.
Bestimmte Texte werden vorgelesen.
Alle wissen genau, wann man spricht und wann man schweigt.

Ein Höherrangiger führt durch das Ritual, eröffnet, deutet und beendet es. Nichts ist zufällig, alles folgt einem eingeübten Muster. Es geht um Zugehörigkeit. Disziplin. Gehorsam. Und um die „Bindung der Gemeinschaft“.

An diesem Tag bringt ein Vater seinen kleinen Sohn mit.
Er soll lernen, „wie man sich in der Gemeinschaft richtig verhält“: stillstehen, sich unterordnen, funktionieren. Härte, Stärke, Früherziehung – all das gilt hier als „Pflicht“.

Dann wird ein Mädchen in den Raum geführt.
Es wird nicht gefragt, nicht vorbereitet. Es wird einfach „zugewiesen“.

Die Männer sprechen von „Vereinigung von männlicher und weiblicher Kraft“, von Rollen, die „von Natur aus feststehen“.
Was folgt, ist explizite rituelle Gewalt: Die Kinder werden innerhalb der religiös-ideologischen Logik der Gruppe zu sexualisierten Handlungen gezwungen – als Teil des Rituals, als „Erziehung“, als „Bestimmung“.

Auf dem Boden liegen gefaltete Tücher, deren Bedeutung vorher erklärt wurde – nur wer sich „würdig“ erweist, darf sich am Ende damit bedecken.

Für die Täter ist es ein entscheidender Moment des Systems.
Für die Kinder ist es Gewalt, die als Pflicht verkauft wird.
Sie sollen glauben, sie „nehmen nur ihren Platz ein“.

Das ist explizite rituelle Gewalt:
➡️ Gewalt, die sichtbar in ein Ritual, eine Ideologie und eine Gruppenstruktur eingebettet ist.
➡️ Gewalt, die inszeniert wird, um Macht und Weltbild zu reproduzieren.
➡️ Gewalt, die nicht privat ist, sondern kollektiv getragen und legitimiert.

In vielen Tätergruppen ist die äußere Signalwirkung essenziell.

In extremistischen, okkulten, neonazistischen oder apokalyptischen Gruppen gilt: Rituale sollen Spuren hinterlassen.

Warum?

  • Sie markieren „Territorium“.
  • Sie senden Drohsignale an Feinde („Wir haben Macht“).
  • Sie zeigen Zugehörigkeit („Das war unsere Tat“).
  • Sie schaffen Wiedererkennbarkeit und Identität.
  • Sie dienen der Rekrutierung („Wir sind besonders radikal“).

In der Forschung heißt das:

  • Indexikalische Gewaltzeichen (Bourdieu, Scheper-Hughes, Bourgois)
  • Public-facing ritual codes (Girard, Whitehouse)
  • Group signalling theory (Sosis & Alcorta)

Diese Zeichen müssen nicht öffentlich am Tatort liegen wie im Film – aber sie tauchen auf:

  • In Bildmaterial
  • in Körpermarkierungen
  • in Posen
  • in Symbolik
  • in spezifischen Begriffen und Abläufen
  • in Weitergabe innerhalb des
    Netzwerks
  • in „Signature“-Spuren (criminal
    signature behavior)

Explizite Rituale dienen also IMMER auch einer Außenwirkung – selbst wenn die Außenwelt sie nicht versteht.
Das ist der entscheidende Punkt:
Ein Ritual muss nicht für die Allgemeinheit lesbar sein – es reicht, dass es für Eingeweihte lesbar ist.
Das nennt die Ritualforschung:
– Esoterische Symbolik (Douglas)
– Closed-group semiotics
– In-group markers

Selbst wenn Polizei oder Zivilpersonen etwas nicht erkennen – für Tätergruppen ist es ein klares Signal. Ein Zeichen muss NUR für die intendierte Zielgruppe lesbar sein.
Beispiele aus dem Alltag:

  • Freimaurer benutzen Handzeichen → Außenstehende merken nichts.
  • Neonazis nutzen Zahlencodes →Außenstehende sehen nur Zahlen.
  • Kriminelle Gangs markieren Gebiete mit Codes → Außenstehende sehen Graffiti.
  • In Missbrauchsnetzwerken haben
    bestimmte Wörter oder Emojis klare Bedeutung → Normale Menschen sehen nur Chat-Symbole.

Die Allgemeinheit versteht davon gar nichts. Aber für die Gruppe ist es eine vollständige Kommunikationshandlung.

Funktionen expliziter Rituale in Tätergruppen:

1. Zugehörigkeit & Loyalität sichern:

Rituale markieren, wer „drinnen“ ist. Sie erzeugen Bindung, Abhängigkeit und Loyalität zur Gruppe.

2. Ideologie verkörpern & vermitteln:

Rituale machen die Weltanschauung sichtbar, spürbar und erlebbar. Sie sind körperliche Ideologievermittlung.

3. Hierarchien festigen:

Durch festgelegte Rollen, Range und Abläufe zeigen Rituale, wer Macht hat und wer gehorcht.

4. Täter enthemmen & Gewalt normalisieren:

Rituelle Abläufe verschieben moralische Grenzen und machen extreme Gewalt für Mitglieder legitim, notwendig oder „heilig“

5. Opfer brechen & „markieren“:

Rituale dienen der Demütigung, der Identitätszerstörung und der psychischen Kontrolle der Opfer.

6. Gruppe nach außen signalisieren:

Rituale und Symbolik wirken wie „Signaturen“: für andere Täter, Netzwerke oder Konsumenten – nicht unbedingt für die Allgemeinheit.

7. Wiederholbarkeit & Stabilität produzieren:

Durch standardisierte Abläufe schafft die Gruppe Kontinuität und strukturierte Wiederholungsmuster (kriminologische Musterbildung).

„Explizite rituelle Gewalt“ ist die offensichtlichste für die Außenwelt und entspricht am ehesten dem Klischee. Zugleich stellt sie in der Triologie der rituellen Gewalt – implizite rituelle Gewalt, explizite rituelle Gewalt und rituelle Alltagshandlungen – im Alltag der Betroffenen meist die am wenigsten vertretenen Form dar und ist auf fest umschriebene Situationen begrenzt.

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