
Das sich wiederholende Narrativ der Leugner von ritueller und organisierter Gewalt: Opfer und Therapeuten übertreiben mit ihren Schilderungen. Derartige Netzwerke gebe es eigentlich gar nicht und wenn, dann nicht in der Dimension. Organisierte Gewalt ja, aber in dem Ausmaß und mit den ideologischen Kontexten auf keinen Fall. Lieblingsargument entgegen der Realität: „Es gibt bis heute keine bewiesenen Fälle.“ Begriffschöpfungen aus den Medien wie „Satanic Panic“ legen nahe, dass gerne in übertriebener und unzutreffender Art und Weise satanistische Hintergründe von Kindesmissbrauch berichtet werden.
Doch wie ist das eigentlich tatsächlich, wenn die Ermittlungsbehörden organisierte, rituelle und satanistische Zusammenhänge in Täternetzwerken benennen? Was berichten Medien dann? Um mich einer Antwort anzunähern, analysiere ich diesem Beitrag die mediale Berichterstattung zum Fall „White Tiger“ und vergleiche u.a. die Aussagen auf der Pressekonferenz der Ermittlungsbehörden mit den daraus entstandenen journalistischen Artikeln:
Über 40 Medienberichte deutscher Leitmedien zum Fall „White Tiger“ habe ich aufmerksam gelesen und ausgewertet. Sie haben alle eines gemeinsam: Im Zentrum steht ein Einzeltäter – der 20-jährige Shahriar J. Er wurde im Juni 2025 in Hamburg festgenommen. Im Januar startet voraussichtlich der Prozess bei Gericht. Es entsteht bei den Lesern der Eindruck, dass es ein Täter sei, der agiert – wie andere Männer, die sich strafrechtlich relevante Bilder aus dem Darknet herunterladen. Das Ausmaß und die besondere Bedeutung dieses Falls verschwindet hinter der Zentrierung des festgenommenen Beschuldigten.
In einigen Artikeln wird das Täternetzwerk gar nicht benannt. Wenn überhaupt, dann werden die Verstrickungen meist mehr am Rande des Artikels in ein bis zwei Sätzen mit Begriffen wie „sadistisches Netzwerk“, „Pädophilen-Netzwerk“, „Online-Netzwerk“,„Cybergroomingnetzwerk“ oder der Gruppenbezeichnung „.COM“/„764“ mit kaum oder sogar ganz ohne weitere Erläuterungen dazu erwähnt.
Keine einzige Berichterstattung befasst sich eingehend mit den ideologischen Hintergründen und Strukturen des Netzwerkes! Selbst der Spiegel, der ja laut eigenen Angaben hauptsächlich in dem Netzwerk „COM“ recherchiert und die Taten mit aufgedeckt haben will, belässt seine Berichterstattung dabei und redet die Bedeutung des ideologischen Ursprungs klein. Der Spiegelreporter Roman Höfner beschäftigt sich seit zwei Jahren mit dem Netzwerk und erklärt in einem Interview zur Motivation: „Ich würde das Netzwerk als eine Schmelztigel für Online-Radikalisierung bezeichnen. Es geht den Tätern darum noch schlimmere, noch degradierendere, noch abscheulichere Taten als der letzte Täter durchzuführen.“ Das Ganze habe in den meisten Fällen einen eher nihilistischen Hintergrund. Die Täter würden in den meisten Fällen nicht Teil unserer Gesellschaft sein wollen, sondern sie entweder zerstören einfach nur irgendeine Art von Berühmtheit in der Szene erlangen, dadurch dass sie möglichst abscheulich und empathielos seien. Es sei in vielen Fällen Gewalt nur um der Gewalt Willen. Es gebe in diesem Netzwerk auch Leute, die pädophile, sadistische, eventuell auch soziopathische oder psychopathische Tendenzen hätten, ebenso Leute, die rechtsradikale Ideologien vertreten würden.
Auffällig ist hier, dass es in der medialen Berichterstattung kollektiv zu einem Downgrade und einer Relativierung der Bedeutung von Ideologie für die Gewalttaten kommt, sofern sie überhaupt erwähnt wird. Aus Sicht der Betroffenen bedeutet das die Invalidierung der erlittenen Erfahrungen und die Umdeutung in gesellschaftlich bekanntere, angenehmere Sichtweisen, durch Journalisten. Die Medienpsychologie nennt das: „Complexity Avoidance“ (ausführlich beschrieben von Kahneman und Tversky). Komplexe, unangenehme Realitäten werden reduziert auf einfache, angenehmere Deutungen.
Zum Beispiel:
Okkultismus? – klingt zu groß.
Rechtsextremer Terror? – politisch ungemütlich.
Satanismus? – kulturell stigmatisiert.
Online-Ideologie? – schwer zu erklären.
Also: „Es sind einfach Sadisten.“
Zur kurzen Wiederholung die Einordnung der Behörden aus der Pressekonferenz: Nicolas Benz von der Staatsanwaltschaft beschreibt die Tätergruppierung als ein weltweit agierendes Online-Netzwerk, mit sadistischen, satanistischen, misanthropischen und pädophilen Einflüssen und Inhalten. „764“ sei von dem 15-Jährigen US-Amerikaner Bradley Cadenhead gegründet worden. Dieser sei in den USA bereits zu 80 Jahren Haft verurteilt worden. Die Gruppierung gehöre zu einem Netzwerk, das sich als „The Com“ bezeichne. Diese hätten sich darauf spezialisiert, verletzliche Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren gegenüber Gewalt und Radikalisierung zu desensibilisieren. Dazu gehörten zum Teil bekannte Rechtsterroristen bis hin zu satanistischen Kulten. Die Gruppierungen seien international alle als terroristisch eingestuft. In der Pressekonferenz wird die Atomwaffendivision als relevanter Teil des Netzwerkes und die rechtsterroristischen Strukturen genannt. Bei White Tiger und der „764“ sei in diesem Fall Rechtsterror nicht ausgeschlossen, es wären aber bislang keine näheren Beweise beim Beschuldigten gefunden worden – was nicht heiße, dass es nicht so sei. Die kindlichen Opfer würden so manipuliert, gefoltert und eingeschüchtert, dass sie den Aufforderungen der Täter bis hin zum Suizid vor laufender Kamera nachkommen. Sie ritzen sich auf Anweisung die Symbole des Netzwerkes tief in die Haut. Mädchen seien dazu aufgefordert worden, sich Messer vaginal einzuführen. Die Ermittler sehen auf den Beweismitteln grausame Morde an Kindern und Tieren, Enthauptungen sowie das Ausweiden und Zerstückeln von Leichen, wie Generalstaatsanwalt Fröhlich beschreibt.
Laut internationalen OSINT- und Medienrecherchen ist „764“ auch ein Ableger des seit den 1970er Jahren bestehenden „Order of Nine Angles“ (Orden der neun Winkel, ONA/O9A) und knüpft ideologisch also an, einem rechtsesoterischen, satanistischen, rechtsextremen und akzelerationistischen Netzwerk mit Terrorbezügen an. „Die O9A lehnt zentrale Strukturen ab und tritt international als loses Netzwerk (ein sogenannter „Kollektiv“) auf. Aus ihren Lehren entfalten sich okkulte Rituale, Gewaltaufrufe und sogar Menschenopfer-Ideen.“ „764“ ist kein isoliertes Konstrukt. Es existieren klare Vernetzungen zu:
- Atomwaffendivision (AWD): US-basierter rechtsterroristischer Zellverband mit Ablegern in Deutschland, bekannt für Anschlagspläne und Mordfantasien.
- Temple ov Blood: Okkulte US-Splittergruppe, fordert reale Opfer und propagiert Gewalt als sakrales Ritual.
- Maniac Murder Cult (MMC): Ukrainischer Neonazikult, bekannt durch Obdachlosenmorde. Kooperation mit 764 belegt.“
„Die internationalen Strafverfolgungsbehörden, darunter das FBI und die kanadische RCMP, betrachten „764“ längst als eine terroristische Bedrohung auf Augenhöhe mit jihadistischen Netzwerken. […] Was sich im Schatten von Parlamenten, Chatgruppen und alten Burgen zusammenbraut, ist längst keine Ansammlung versprengter Einzeltäter mehr. Es ist ein vernetztes, tief ideologisiertes Terrorökosystem der extremen Rechten, das von der Mitte der Gesellschaft bis hin zur rituellen Gewalt reicht – und zwar mit klaren Linien, gemeinsamen Codes und funktionierender Struktur. Im Zentrum steht ein Dreiklang: AfD, sächsischer Separatismus und rechtsterroristische Netzwerke wie die Atomwaffen Division (AWD), Order of Nine Angles (O9A) und 764. (Tiefergehend s. Quellen: „Volksverhetzer“) Einzelne investigative Plattformen wie der Volksverpetzer ordnen 764 in ein größeres extrem rechtes Netzwerkumfeld ein und ziehen Linien zu Teilen der AfD sowie separatistischen Strukturen. Diese Verbindungen sind nicht durch deutsche Ermittlungsbehörden bestätigt, zeigen aber, wie anschlussfähig die Ideologie von 764 an bestehende rechtsextreme und rechtsesoterische Milieus ist.
Es ist also durchaus fraglich zu betrachten, wenn in Medienberichten davon gesprochen wird, dass sich Mitglieder von 764 häufig nur die entsprechende Symbolik zu eigen machen würden und sonst selbst keine ideologischen Bezüge hätten, sondern primär sadistisch motiviert beschrieben werden.
Während der gesamten Pressekonferenz, die immerhin fast zwei Stunden dauerte, stellte kein einziger Journalist Fragen zu den ideologischen Hintergründen! Keiner versuchte die angesprochenen „Cut Sings“ der Tätergruppe einzuorden! Niemand fragte nach ideologischen Inhalten von satanistischen Kulten – obwohl sie als Hintergrund benannt wurden! Ebenso hielt es niemand für nötig nachzuhaken, um welche rituellen, radikalen oder satanistischen Elemente es sich auf den Beweismitteln wohl handelt!
Was zeigt uns das über die angebliche „Satanic Panic“?
Das Ergebnis der Medienanalyse muss in Bezug auf eine „Satanic Panic“ und die vermeintliche übersteigerte Wahrnehmung von ritueller Gewalt klar sein: Sie existiert nicht. Vielmehr wird über ideologische Hintergründe von Gewaltverbrechen überhaupt nicht oder nur höchst unzureichend berichtet. Dem Bürger dürfte es mit keiner deutschen Presseberichterstattung in den Mainstreammedien zum Fall „White Tiger“ gelingen, die Dimension und die Ideologie hinter der Festnahme von Shahriar J. auch nur ansatzweise zu erfassen.
Das dürfte auch daran liegen, dass die Journalisten schon nicht versucht haben die Informationen richtig und umfassend einzuordnen. Sie blieben bei Deutungen aus ihrem eigenen Weltbild heraus. Entsprechend kommt es zu den verheerend verkürzten Schlüssen, dass es sich bei den Mitgliedern des Netzwerkes und Tätern um Pädophile, Sadisten und Nihilisten handelt. Das mag zwar irgendwo auch der Fall sein. Betrachtet man jedoch den ideologischen Ursprung der internationalen Tätergruppe, dann wird schnell klar, dass das, was der Spiegelreporter Höfner beschreibt, nämlich „einen Schmelztigel für Online-Radikalisierung bei denen Täter nicht Teil unserer Gesellschaft sein wollen und immer noch schlimmere, noch degradierendere, noch abscheulichere Taten als der letzte Täter durchführen wollen, nur die logische Konsequenz der Grundideologie der Bewegung ist – und nicht ihr Ausgangspunkt. Es geht eben nicht einfach um „Gewalt nur um der Gewalt Willen“ und die verwendeten Zeichen sind kein Zufall.
Menschen – auch Journalist*innen – spielen Ideologie herunter, weil sie psychologisch unangenehm, komplex, identitätsbedrohend und moralisch herausfordernd ist.
Einzeltäter und Sadismus wirken „erklärbarer“, „sicherer“ und „harmloser“ für das Weltbild. Wenn Gewalt als Ausdruck persönlicher Abnormität erscheint, bleibt die Welt kontrollierbar. Wird Gewalt jedoch als Produkt einer Ideologie sichtbar, bedeutet das, dass Ideen, Gruppen und Weltanschauungen selbst gefährlich sein können. Das erzeugt kognitive Dissonanz und existenzielle Bedrohung. Sozialpsychologisch gut belegt ist, dass Menschen solche Informationen unbewusst abwehren, weil sie Angst vor „systemischem Bösen“ verstärken. Ideologisch motivierte Gewalt zwingt zudem zu politischer und moralischer Positionierung sowie dem Hinterfragen grundlegender Gesellschaftsstrukturen – etwas, das viele Medien vermeiden wollen. So entsteht kollektiv der Reflex, Ideologie zu marginalisieren und Täterverhalten auf „Sadismus“ oder „Persönlichkeitsstörung“ zu reduzieren, obwohl die Strukturen und Abläufe eindeutig zeigen, dass die Taten eingebettet sind in weltanschauliche, ritualisierte und extremistische Kontexte.
Der sogenannte Just-World Bias (Lerner) beschreibt, dass Menschen an eine im Kern gerechte und kontrollierbare Welt glauben wollen. Ideologisch motivierte Gewalt würde jedoch zeigen, dass nicht einzelne „Sadisten“, sondern ganze Weltanschauungen gefährlich sein können – ein Gedanke, der dieses Grundbedürfnis destabilisiert. Auch die „Terror Management Theory“ (Greenberg, Solomon & Pyszczynski) belegt, dass Menschen Informationen abwehren, die existenzielle Bedrohung und gesellschaftliche Fragilität sichtbar machen. Ideologische Gewalt – insbesondere rituelle, okkulte oder rechtsterroristische – konfrontiert uns genau damit. Studien zur Täterwahrnehmung (u. a. Haslam, Greitemeyer) zeigen zudem, dass Menschen Täter lieber psychologisieren („gestört“, „psychopathisch“, „individuelle Vorliebe“) als politisieren, weil das Distanz schafft. Ideologisches Handeln hingegen fordert moralische und gesellschaftliche Stellungnahme und macht die Gewalt systemisch erklärbar. Aus diesen Gründen entsteht kollektiv die Tendenz, Ideologie herunterzuspielen – selbst dann, wenn die Beweismittel deren Bedeutung eindeutig erkennen lassen.
Eine derart große Gruppierung könnte sich nach aktuellem Stand der Wissenschaft gar nicht langfristig international bilden und aufbauen, wenn sie nicht eine Ideologie im Kern zusammenhalten würde. Das „Shared Belief System“ (Yalom, Bion, Janis, Aronson) besagt, dass die Grundlage jeder stabilen Gruppe ein gemeinsamer Bedeutungsrahmen – also eine Ideologie ist. Diese erfüllt vier Funktionen: 1. Legitimation von Verhalten (z.B. Gewalt als „notwendig“, „erlaubt“ oder „transzendent“). 2. Bindung zwischen Mitgliedern. 3. Abgrenzung zur Außenwelt. 4. Koordination gemeinsamer Handlungen. Ohne gemeinsame Überzeugungen zerfallen Gruppen – besonders illegale. Die Kriminologische Theorie „Differential Association“ (Sutherland) ist eines der einflussreichsten Modelle der Kriminologie und belegt: Kriminelles Verhalten entsteht durch Einbindung in Gruppen mit gemeinsamen Normen. Diese Normen (=Ideologie) legitimieren das Verhalten. Je stärker und kohärenter die Normen, desto stabiler das Netzwerk. Ideologie stabilisiert also Netzwerke durch geteilte Rechtfertigungen. Marc Sageman zeigt mit „Leaderless Jihad“, wie extremistische Netzwerke global entstehen, ohne zentrale Führung. Ideologie ist ihr „soziales Bindemittel“. Nicht Hierarchie hält sie zusammen, sondern: gemeinsame Symbole, gemeinsame Feindbilder, gemeinsame und eine apokalyptische oder destruktive Vision. Genau das trifft auch auf Netzwerke wie „764“ oder „COM“ zu. Gruppen radikalisieren sich nicht primär durch Gewalt selbst, sondern durch Ideologie als Rahmen, der Gewalt legitimiert. Clark McCauley & Sophia Moskalenko („Mechanisms of Radicalization“) nennen Ideologie den „Brennstoff kollektiven Handelns“. Internetnetzwerke haben keine physischen Treffen, keine Führung, keine Strafen und keine soziale Kontrolle. Sie sind besonders auf die Ideologie als Kit angewiesen! Es braucht dann umso mehr gemeinsame Werte, Symbole, Feindbilder, Mythen, Identität – und ritualisierte Gewalt. Ohne gemeinsame ideologische Grundlage würde sich ein transnationales, loses, anonymes Täterkollektiv überhaupt nicht bilden – und könnte sich vor allem nicht halten. „Sadismus allein“ reicht wissenschaftlich nicht aus, um große Netzwerke zu formen. Die in den Ausgangsorganisationen dominanten Werte – Nihilismus + Rechtsesoterik + okkulte Transgression + Vernichtungslogik + Misogynie + Rassismus + Machtverherrlichung – bilden zusammen den ideologischen Rahmen, der nach aktuellen Forschungen die Gruppendynamik von Netzwerken wie „764“ stabilisiert.
Die Grundzüge neonazistischer Ideologie beinhalten Überlegenheitsdenken, Entmenschlichung, Vernichtungsfantasien sowie Gewalt als „Recht“ und Reinheits- und Entgrenzungsmythen. Viele Strömungen münden in: „Das Leben der Anderen zählt nicht.“ „Gewalt ist legitim.“ „Die Welt muss brennen.“ Das ist nihilistisch.
O9A (Order of Nine Angles) lehrt explizit die zerstörerische Amoralität, Auflösung aller gesellschaftlichen und moralischen Grenzen, Transgression als spirituelle Pflicht, Gewalt als Mittel der „Selbsterhöhung“ und Opferung als kultisches Element. Die Endlogik ist: „Es gibt keine Moral außer der Macht.“ „Alles ist erlaubt.“ Nihilismus und Sadismus sind die logische spirituelle Konsequenz. Das ist keine Inkonsistenz. Es ist die ideologische Essenz.
Die Taten müssen immer grausamer werden und der Wettstreit um die tiefsten Abgründe entbrennt, weil die Ideologie der Tätergruppierung das als erstrebenswertes Entwicklungsziel für die Mitglieder vorgibt. Das ist aus sicht der Netzwerke nicht „Gewalt um der Gewalt Willen“, sondern „Gewalt als Zeichen der gelungenen Persönlichkeitsentwicklung“.
Ermittler und Forschungsgruppen betrachten Symbole, Chatverläufe Oberflächenkommunikation, Meme-Ästhetik und Widersprüche zwischen Selbstdarstellung und Handeln. Aus dieser Außenperspektive wirkt es oft so:
❌ mal rechtsextrem, mal satanistisch
❌ mal okkult, mal gar nicht
❌ mal politisch, mal „ironisch“
❌ mal spirituell, mal rein sadistisch
Aber das liegt daran, dass von außen nach Mustern gefragt wird, nicht nach inneren Logiken der Gruppenideologie gedacht wird. Das Chaos von außen ist Konsistenz von innen.
Ideologien können nicht an Symbolhäufigkeit gemessen werden! Täter sind oft nicht „inkonsequent“, sondern ideologisch radikalisiert. Tatzentrierte Forschung unterschätzt die ideologische Innenlogik, weil sie nur das äußere Muster sieht. Sie hat keinen Zugang zur Innenwelt der Täter, deren Konsistenz sie aus ihrem Verständnis der Welt als Chaos definiert. Betroffene fokussieren oftmals mehr die kultische, weltanschauliche Struktur, weil sie die Rituale, Inszenierungen und Machtlogiken erlebt haben.
Unabhängig von dieser Außenperspektive zeigen jedoch die Ermittlungen und internationalen Expertisen: Es gibt reale satanistische Bezüge (z. B. O9A-Verbindungen laut OSINT, FBI, Sky News): Selbstdarstellung, Symbolik, Bezug zu O9A, Selbstbezeichnungen als „Satanic cult“, mediale und behördliche Einstufung als „satanic neo-Nazi cult“, inklusive belegter antisemitischer Äußerungen einzelner Akteure (z. B. White Tiger) und Verknüpfungen zu anderen rechtsterroristischen Szenen. Aber: Die dominante Lesart in Forschung & Sicherheitsbehörden ist: Diese Ideologien sind Mittel zur Entgrenzung, Legitimation und Selbstinszenierung innerhalb eines sadistisch-nihilistischen Online-Kults, nicht zwangsläufig Ausdruck eines konsistenten, durchdachten „satanischen Glaubenssystems“. Aus Betroffeneperspektive fehlt hier enormes Fachwissen, was gewisse Ideologien fern von Mainstreamschubladendenken im Kern bedeuten, um die beobachteten Widersprüche sinnvoll überwinden zu können und damit ihrem Erleben und der tiefgreifenden ideologischen Verwundung der Opfer gerecht zu werden.
Warum wurde von keinem Journalisten im Bezug auf die Ideologie tiefer nachgefragt? Woran das liegt, kann ich hier nur mutmaßen: Persönlich glaube ich, dass es zum einen bereits sehr einfach Schubladen im Gehirn zu Satanismus und Rechtsradikalismus gibt. Bei manchen Reportern mag dadurch innerlich vielleicht der Eindruck entstanden sein, dass sie bereits bescheid wüssten, auch wenn das Bild vom pentagrammritzenden Grufti für diese Kreise so überhaupt nicht zutrifft. Zum anderen bin ich davon überzeugt, dass gesellschaftlich zu ideologischen Tatmotivationen und ihrer Bedeutung für Täterzusammenhänge in der breiten Bevölkerung überhaupt kein Wissen besteht, so dass sie einfach als nebensächlich unter den Tisch fallen gelassen werden. Wer begreift, dass es konkrete, offene Fragen gibt, muss das Thema bereits grundlegend verstanden haben.
Komplexe Sachverhalte werden in den Medien „erzählt“ statt analysiert. Nachrichten folgen fast immer dem Prinzip: Wer hat was getan? Nicht: Welche Strukturen ermöglichen das? Wer waren die Mittäter? Wie funktioniert das Netzwerk? Was dadurch leider passiert, ist, dass die persönliche Bedeutung für die Opfer, das Erfassen der gesamten Bedeutung von Täterstrukturen und die politische Dimension dieser Terrornetzwerke völlig auf der Strecke bleiben. Rituelle Gewalt wird zu Lasten der Opfer selbst bei belegten Verbrechen verschleiert, weil man die Ideologie hinter den Gewalthandlungen nicht erkennt und ihr keine Bedeutung beimisst.
Es gibt im Journalismus große Vorsicht bei allem, was mit ritueller Gewalt, okkulter Symbolik, Gruppenhandlungen, psychischer Manipulation und organisierten Strukturen zu tun hat, weil Medien Angst vor dem „Satanic-Panic“-Vorwurf haben. Viele Redaktionen haben intern den Grundsatz: „Lieber nur über den verifizierten Täter berichten, als über Strukturen, die uns später jemand als Panikmache oder Beteiligung an Verschwörung auslegt.“ Resultat: Die Realität wird zu Lasten der Opfer abgespeckt, um Kritik zu vermeiden.
Leugner werfen Betroffenen vor, überall Täterorganisationen zu sehen, während gleichzeitig die Medien real existierende Gruppen- oder Netzwerkstrukturen herunterspielen. Redaktionen vermeiden lieber 20 % Inhalt, um ja nicht in eine Ecke gestellt zu werden. Das ist ein Paradox mit verheerendem Effekt: Strukturelle Gewalt wird individualisiert, systemische Muster werden unsichtbar, Tätergruppen werden zu „Einzeltätern reduziert“ und Betroffene werden leichter als „übertrieben“ dargestellt. Das ist primär oft kein böser Wille, sondern eine journalistische Schutzstrategie, die aber reale Auswirkungen hat.
Die Polizei sagt bei ritualisierten Verweisen meist nur das, was sie auch beweisen kann, z.B.: „Symbolhafte Darstellungen“, „ritualisierte Elemente“, „wiederkehrende Abläufe“. Sie bewertet nicht die Ideologie, weil die nicht direkt auf den Beweismaterialien zu sehen ist, aber sie benennt die Elemente. Medien und Leugner hätten den Transfer zur Ideologie häufig gerne vorgekaut, statt sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Symbol, wie z.B. ein Kreuz oder ein Pentagramm, bei einer Tat nutzt, ohne damit auch ideologisch etwas bezwecken zu wollen, liegt bei nahezu null Prozent. Das Argument des reinen Fetisches wird dann oft eingeworfen. Ich möchte als offene Gegenfrage einfach mal einwerfen: Wenn jemand einen fetisch hat, und etwas persönlich gut findet – wie wahrscheinlich ist es, dass es gar keine Bezüge zu seiner inneren Weltanschauung hat? Ein Fetisch ist immer eingebettet in psychische Bedeutungen – und diese sind IMMER Ausdruck innerer Einstellungen.
Der Satz „Das ist nur ein Fetisch, keine Ideologie“ ist in dem Kontext wissenschaftlich falsch und psychologisch unmöglich.
Moderne Sexualpsychologie (u. a. John Money, J. Bancroft, Norman Doidge, Baumeister & Butler) zeigt:
Ein Fetisch ist ein Bedeutungsaufschub, eine konditionierte psychische Verknüpfung, ein inneres Narrativ und ein Symbolsystem. Fetische entstehen NIE im luftleeren Raum.
Sie sind IMMER:
Teil eines Weltbildes.
Teil eines Selbstbildes.
Ausdruck innerer Konflikte.
Ausdruck von Macht- und Wertstrukturen.
Wenn Täter spezifische Zeichen verlangen,
Opfer zur Verwendung von Symbolen zwingen, bestimmte Rituale wiederholen und
eine Ästhetik reproduzieren, die aus rechtsextremen, satanistischen oder okkulten Kontexten stammt, dann ist das nicht „nur Fetisch“. Symbole sind nicht zufällige „Accessoires“. Symbole sind verdichtete Ideologie. In der Psychologie heißen solche Symbole Enactments (Stellvertretende Ausagierungen von Bedeutungen), Semiotische Marker, Identitätscodes und kultische Narrative. Wenn ein Täter ein bestimmtes Zeichen benutzt, das aus einer Ideologie stammt, dann nutzt er nicht „ein hübsches Motiv“ – er benutzt ein kulturell bedeutungsvolles Narrativ, das er psychisch aufgeladen hat.
Selbst wenn Täter betonen würden: „Wir glauben gar nicht an Satanismus / O9A / Neonazismus“,zeigt die psychologische Forschung: Menschen müssen nicht bewusst an eine Ideologie glauben, um sie azuführen oder einzusetzen.
Es genügt:
wenn sie die Symbolik internalisiert haben,
wenn sie die Ästhetik attraktiv finden,
wenn sie die Machtlogik übernehmen,
wenn sie das Narrativ emotional nutzen.
Auch Nazis müssen nicht „an den Ariermythos glauben“, um neonazistisch zu handeln. Auch O9A-Mitglieder müssen nicht „Satanisten sein“, um satanistische Ideologie auszuführen. Auch 764-Mitglieder müssen nicht reflektieren, was die Rituale bedeuten, um sie als ideenbasierte Gewaltform einzusetzen.
Das nennt man performatives Ideologiehandeln, präreflexive Ideologieübernahme und implizite kulturelle Identifikation.
Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass Menschen Ideologie nutzen können, ohne sie bewusst zu reflektieren.Ein Fetisch ohne Weltanschauung existiert nicht.
Ein Fetisch IST eine Mini-Ideologie.
Und das Ausagieren ideologischer Symbolik unter dem Deckmantel des „Fetischs“ ist in der Psychologie ein bekanntes Phänomen der unbewussten Ideologieübernahme.
Im Fall „White Tiger“ gibt es bislang leider keine Berichte von Betroffenen. Ich nehme jedoch stark an, dass die Zeichen, die sie sich in die Haut ritzen sollten und die Ideologie hinter der Gewalt für Sie keinesfalls so nachrangig wäre, wie es in den Medien der Fall ist. ABC News hat sehr ausführlich mit den Eltern von Jay Taylor gesprochen, der sich mit 13 Jahren das Leben nahm, nachdem er von einem 764-Täter in den Tod gedrängt wurde. Sie beschreiben das Geschehen als „fast biblisch in seiner Definition von teuflisch“. Die Eltern verwenden moralisch / ideologisch aufgeladene Sprache – sie rahmen das eindeutig nicht als „random Sadismus“, sondern als etwas ideologisch Radikales und Zerstörerisches.
Aus analytischer Sicht wäre eine breitere gesellschaftliche Debatte über die ideologischen Verstrickungen – auch in politische Milieus – notwendig. Wir müssten längst nicht den Prozess eines Einzeltäters verfolgen, sondern über die ideologischen Verstrickungen bis hinein in die Politik diskutieren. Es wäre dringend an der Zeit zu Begreifen welche Rolle okkulte und radikale Ideologien für Gewaltstrukturen spielen, wie sie die Gewalt international fördern, ausweiten, immer mehr zu einer Verrohung der Gesellschaft führen und dafür sorgen, dass diese Systeme aufrechterhalten werden.
Aus Sicht der Medienberichterstattung entsteht der Eindruck, dass die Polizei ein Netzwerk zerschlagen möchte. Sie jagt aber Einzeltäter, solange sie die Funktion der Ideologie nicht grundlegend erkennt. Um die Gesamtorganisation ernsthaft beeinträchtigen zu können, müsste man sich überlegen, wie sich die Mitglieder aus der Ideologie lösen lassen. Solange wir nicht kollektiv verändern woran Täter glauben, hilft keine Strafverfolgung, neue Opfer zu verhindern.
Fazit
Es gibt also keine „Satanic Panic“. Wir reden in Deutschland noch nicht einmal dann über satanistische, okkulte und rechtsradikale Einflüsse von Gewaltnetzwerken, wenn sie schon erwiesen sind. Die Debatte der „Satanic Panic“ dreht sich im Grunde nicht – wie sie vorgibt – um die Glaubwürdigkeit von Opfern, sondern um das Versagen von Berichterstattung und kollektive blinde Flecken im Bezug auf ideologische Motivation von Gewalttaten. Die Perspektiven und Innenansichten von Überlebenden ideologisch motivierter Gewalt verschwinden komplett vom öffentlichen Bildschirm, weil kaum überhaupt Bewusstsein für die immense Bedeutung dieses Aspekts besteht.
In anderen Ländern wie Amerika sieht die Berichterstattung und die Einordnung der Gruppierung längst anders aus. Ideologien sind zentraler Eingebunden. Das FBI kritisierte im Fall „White Tiger“ das Vorgehen und die massiven zeitlichen Verzögerungen der deutschen Behörden im Umgang mit dem Terrornetzwerk. Auffällig ist, dass es in gewissen Ländern oft auch bereits die Straftatbestände der rituellen Gewalt gibt. Wir können in Deutschland also hoffen, dass über die vermehrte Bennennung dieser Deliktfelder im Ausland auch das Bewusstsein der Medienlandschaft und ihrer Vertreter wächst.
Journalisten bleibt mir an der Stelle nur auf die Sorgfaltspflicht bei der Information der Bevölkerung zu verweisen. Zu Objektivität und Neutralität gehört am Ende auch, wichtige Informationen nicht weg zu lassen, komplexe Sachverhalte umfassend zu begreifen und für das tiefere Verständnis zu hinterfragen.
Quellen:
https://www.stern.de/news/-spiegel—im–white-tiger–komplex-mindestens-sechs-todesfaelle-36904536.html
https://orf.at/stories/3412782/
https://m.youtube.com/watch?v=TmIYR-LcO7g
https://m.youtube.com/watch?v=79j_7M2kpzY
https://de.wikipedia.org/wiki/764_(Netzwerk)
https://m.youtube.com/watch?v=TrDr35d-Te0
https://www.jugendschutz.net/themen/sexualisierte-gewalt/artikel/der-fall-white-tiger
https://www.volksverpetzer.de/analyse/764-neonazi-terrornetzwerk/3/
https://www.emanuelstiftung.info/sadistische-netzwerke-und-ihre-ideologischen-hintergrunde
https://greydynamics.com/764-decentralised-satanist-terror-network/