
Viele Betroffene von Trauma und Dissoziation kennen dieses Gefühl: Du siehst dich selbst handeln, obwohl dein Kopf klar sagt: „Hör auf!“ Du nimmst dich wahr wie in einem Film, kannst aber nicht eingreifen.
Dieses Phänomen ist kein Zeichen von Willensschwäche oder mangelnder Disziplin. Es ist ein Schutzmechanismus des Nervensystems, den ich „dissoziative Überbrückung“ nenne. Ein Überlebensmuster, das dich in der Vergangenheit geschützt hat – und heute in Stresssituationen automatisch aktiviert wird.
Was ist dissoziative Überbrückung?
„Dissoziative Überbrückung“ bezeichnet einen Zustand, in dem du bewusst wahrnimmst, was passiert, aber keinen Zugriff auf deine Stoppsignale hast. Es ist, als würde eine andere Instanz das Steuer übernehmen. Dein autonomes Nervensystem reagiert auf eine empfundene Gefahr, während dein rationaler Verstand „offline“ geht. Von außen wirkt es manchmal sogar so, als würdest du dich bewusst falsch verhalten, weil du normal ansprechbar bist. In Wahrheit läuft hier eine Überlebensreaktion, die dich beschützen soll.
Symptome von dissoziativer Überbrückung:
Menschen beschreiben diesen Zustand oft so:
- Das Gefühl, ferngesteuert oder wie betäubt zu sein
- Beobachten, ohne eingreifen zu können (Dissoziation)
- Wiederkehrende, automatische Handlungen (z. B. Essanfälle, Selbstverletzung)
- Emotionale Leere währenddessen, starke Scham danach
- Schwierigkeiten, bewusst zu entscheiden oder sich zu stoppen
Diese Symptome werden oft missverstanden – sogar von Fachpersonen.
Ursachen – was im Nervensystem passiert:
Dissoziative Zustände entstehen nicht, weil du „schwach“ bist, sondern weil dein Körper Überleben priorisiert.
Prägung durch Trauma: Wiederholte Bedrohungen in der Vergangenheit haben dein Nervensystem darauf trainiert, schnell mit bestimmten Verhaltensmustern zu reagieren.
Überlebenslogik: Dein System sucht den schnellsten ihm bekannten Weg, um dich zu stabilisieren – nicht den „besten“.
Aktivierung durch Trigger: Auch harmlose Situationen können heute Gefahr signalisieren, wodurch dein Nervensystem alte Reaktionen abruft.
Offline-Schalten des präfrontalen Cortex: Dein Denkzentrum wird gehemmt, um Energie für Schutzreaktionen zu sparen.
Das ist vergleichbar mit einem Feueralarm: Du nimmst den schnellsten Weg nach draußen, den du kennst, egal wo deine Schuhe stehen und du liest auch nicht mehr lange die Gebäudepläne.
Warum Selbstverurteilung alles verschlimmert:
Wer sich für seine Reaktionen hasst oder beschämt, verstärkt die innere Unsicherheit.
Das Nervensystem interpretiert Selbsthass als weitere Bedrohung – und reagiert mit noch mehr Schutzmustern.
Dissoziative Überbrückung ist also kein „Versagen“, sondern ein Hilferuf des Körpers:
„Ich brauche Sicherheit – sofort.“
Umgang mit dissoziativer Überbrückung:
Der Schlüssel ist nicht Härte, sondern Sanftheit und Sicherheitstraining:
Benennen: Sag dir: „Mein Nervensystem schützt mich gerade.“
Begleiten statt stoppen: Versuche nicht, das Verhalten mit aller Gewalt zu unterbrechen.
Prüfe: Manche klassische Skills setzen starke Reize auf den Körper. Für mich fühlte sich das oft wie Gewalt an und hat die Spirale von innerer Unsicherheit eher verstärkt.
Sicherheit signalisieren: Sanfte Selbstgespräche, Atmung oder ein vertrautes Ritual können helfen. Zeig deinem Körper, dass du ihn ernst nimmst und seine Reaktion nicht relativierst.
Trigger verstehen: Lerne, welche Situationen dein System aktivieren.
Therapeutische Begleitung: Ein traumasensibler Therapeut kann diesen Prozess sicher begleiten.
Du wirst nicht mit 200 Sachen auf den Feldweg abbiegen können. Aber du kannst durch Offenheit und Empathie mitregulieren. Signalisiere, dass du am gleichen Strang ziehst, statt den Sinn der Reaktion zu relativieren. Suche Lücken im Verkehr: Kleine Momente der Sicherheit. Danke deinem Körper, dass er sein Bestes gibt. Dann könnt ihr gemeinsam langsam zum stehen kommen.
Persönliches Beispiel:
Ich selbst kenne dissoziative Überbrückung besonders im Zusammenhang mit Essanfällen: Ich sehe mich essen, obwohl ich längst satt bin und es nicht möchte. Früher habe ich mich dafür gehasst und versucht, es zu stoppen – erfolglos. Heute sage ich mir: „Offensichtlich brauchst du gerade Schutz.“ Statt zu kämpfen, begleite ich mich bewusst durch diesen Moment. Das hat mir geholfen, Vertrauen zu meinem Körper zurückzugewinnen.
Dein Körper ist nicht dein Feind. Dissoziative Überbrückung ist keine Schwäche, sondern ein Ausdruck deiner Überlebenskraft. Dein Nervensystem macht das Beste aus dem, was es kennt. Heilung beginnt damit, die Signale deines Körpers ernst zu nehmen und ihm Sicherheit statt Zwang zu geben. Erst wenn das Nervensystem zur Ruhe kommt kann es wieder Entscheidungen treffen.
Dissoziative Überbrückung ist ein Zeichen von Überlebenskraft – kein Mangel. Heilung beginnt damit, deinem Körper Sicherheit zu geben.