Dissoziative Identitätsstörung im Baby- und Kleinkindalter: Alle ein bisschen multipel?

In Fachkreisen wird eine Entstehungsmodell der DIS immer populärer: Am Anfang unseres Lebens, so heißt es, wären wir in gewisser Weise alle multiple. Die Gehirnfunktionen würden alle noch getrennt voneinander ablaufen und sich erst im Laufe der Zeit so verbinden, zusammenwachsen und integrieren, dass letztlich eine Gesamtpersönlichkeit entsteht. Diesen Prozess würden frühkindliche Traumatisierungen unterbrechen, so dass sich später das Bild einer dissoziativen Identitätsstörung zeigen könne. Die Persönlichkeit wachse bei einer DIS einfach gar nicht erst richtig zusammen.

Wir wollen uns in diesem Beitrag kurz aufzeigen, weshalb die genannte Betrachtung für uns persönlich problematisch ist:

  1. Gesunde Babys und Kleinkinder haben kein weniger integriertes Selbst, nur weil sich kognitive Funktionen erst später entwickeln: Sie sind zwar entsprechend ihres Alters noch stärker von den Einflüssen emotional geprägter neurologischer Systeme und Stammhirnreaktionen abhängig, allerdings nehmen sie sich in der Regel nicht als zusammenhanglose und getrennt voneinander handelnde Teilidentitäten wahr. An diese Stelle der Theorie schleicht sich ein Fehler ein, den wir als kognitiv geprägte Gesellschaft gerne machen. Wir glauben, dass erst Verstand, Bewusstsein und Großhirnregionen für ein zusammenhängendes Gefühl sorgen müssen. Wie integriert und als zu uns gehörig wir etwas wahrnehmen, hängt allerdings viel weniger von kognitiven Funktionen ab, als von der Fähigkeit unseren gesamten Körper mit seinen Bedürfnissen spüren zu können und mit ihm emotional verbunden zu sein. Das wiederum können Babys grundsätzlich von ihrem ersten Atemzug an. Die zu einer Persönlichkeit „verbindende Masse“ von Einzelfunktionen – nämlich der Körper – ist damit also von Anfang an vorhanden, wenn nicht
  2. Schwere Traumata die Körper- und Gehirnfunktionen nachhaltig schädigen würden. Die DIS ist aus meiner Sicht nicht einfach nur Folge von unzureichender Verbindung von Großhirnfunktionen und Verstandesleistungen, die das Fühlen und Handeln später bewusst wahrnehmbar und kontrollierbar machen, sondern vielmehr eine aktive Schädigung angeborener, neuronaler Strukturen, die ein vollständiges Körperbewusstsein ermöglichen.
  3. Gewalt verhindert damit nicht nur in der Zukunft liegende Entwicklung, sondern schädigt bereits bestehende Prozesse.
  4. Die DIS ist insbesondere direkte Folge dieser Schädigungen und der Körperwahrnehmung. Sie ist kein reines Entwicklungsdefizit!
  5. Wir sind also keinesfalls am Anfang unseres Lebens alle ein bisschen multipel!

Ich halte diese Unterscheidung für enorm wichtig. Früh traumatisierte Kinder erleben sich und ihre Umwelt völlig anders, als gleichaltrige gesunde Kinder, die sehr wohl ein integriertes Selbst haben. Integration der Persönlichkeit bedeutet die Verbindende Wahrnehmung und das Vertrauen in Körper, Seele und Geist. Das ist es, was die Traumata nachhaltig zerstören. Sie schädigen die angeborene „innere Kommunikation“. Ein Baby fühlt, seinen Körper und weiß, was zu ihm gehört. Es kann das Gefühl in seinem Bauch durchaus als Hunger interpretieren und nach Nahrung schreien. Berührungen kann es als angenehm oder schmerzvoll in sich empfinden. Ein traumatisiertes Kind tut das unter Umständen nicht mehr!

Wenn wir glauben, dass alleine unser Großhirnbewusstsein als Erwachsene für eine integrierte Persönlichkeit sorgt, dann glauben wir auch weiter, dass sich Traumata über reine Verhaltenstherapie heilen liesen.

Ein Kommentar zu “Dissoziative Identitätsstörung im Baby- und Kleinkindalter: Alle ein bisschen multipel?

  1. Mich widert dieser Trend nicht allein an, sondern weckt unangenehme Assoziationen in mir: ich bin verantwortlich, weil ich’s nicht geschafft habe? Also: selbst schuld? Ist das die gegenüberliegende Schiene im Gleis zur Schiene: das wäre Dir alles nicht widerfahren, hättest Du nicht Signale gesetzt, die andere empfangen und dann „eben auch“ oder gar „nur“ das vollzogen, was DU ersehnt hast!

Kommentar verfassen: Entscheidest du dich für das Absenden eines Kommentars wird deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse, dein Name und ggf. deine angegebene Webseite in einer Datenbank gespeichert. Mit dem Klick auf den Button "Kommentar absenden" erklärst du dich damit einverstanden.

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..