
Immer wieder hören wir die vermeintliche Gefahr der „Sekundärtraumatisierung“ als Ausrede, weshalb man mit Betroffenen nicht über Traumainhalte sprechen könne. Es wird mit einem Angstbild kokettiert, als könne man sich mit Trauma ganz leicht anstecken, wenn man ihm zu nahe kommt.
Der Begriff „Sekundärtraumatisierung“ ist in der Forschung umstritten. Zum einen konnte Dr. Judith Daniels vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in einer Studiengruppe mit 21 Therapeuten nachweisen, dass Therapeuten zum Teil mit PTBS-ähnlichen Symptomen (Anspannung, Hypervigilanz, Hoffnungslosigkeit, Vermeidung, Gefühl der Bedrohung,etc.) auf die Schilderung der Patienten reagierten. Zum anderen hat eine Studie der Universität Konstanz, in der 21 Studien und Forschungsergebnisse zu Sekundärtraumatisierung ausgewertet wurden, ergeben, dass keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Traumaexpositionen und einer PTBS-ähnlichen Symptomatik beim Therapeuten bestanden. Wissenschaftler lehnen es deshalb ab vor Sekundärtraumatisierung durch Traumafokussierung zu warnen. Vielmehr sei unklar, inwiefern es sich dabei um ein Forschungsartefakt handle.
Zu einem dysfunktionalen Umgang mit den Schilderungen kam es laut Daniels besonders dann, wenn die Therapeuten sehr empathisch waren und selbst zu dissoziativer Verarbeitung neigten. Kolossa und Kollegen geben deshalb zu bedenken, dass bislang nicht untersucht wurde, inwiefern die in Studien befragten Therapeuten bereits selbst in ihrer Geschichte traumatisiert wurden und die Aufarbeitung nicht ausreichend war.
In einigen Studien zeigte sich eine Überschneidung von Symptomen sekundärer Traumatisierung des Therapeuten und vorhandener Burn-Out-Symptomatik. Unklar blieb, inwiefern Symptome hier eher Ausdruck einer allgemeinen Überlastung im Beruf sind und ob sie vielmehr mangelnder Abgrenzung sowie eigenen Komorbiditäten des Therapeuten zuzuschreiben sind.
„In bisherigen Studien zu sekundärer Traumatisierung wurden physiologische Prozesse vernachlässigt. Es ist wahrscheinlich, dass es auf der am besten physiologisch fassbaren Verteidigungskaskade, beispielsweise bei der Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin/Noradrenalin und Cortisol, Unterschiede zwischen primärer und sekundärer Traumatisierung gibt. Um von einer Traumatisierung der Therapeuten sprechen zu können, müsste gezeigt werden, dass bei ihnen während der Therapie eine qualitativ ähnliche Stressreaktion auftritt wie bei Opfern einer primären Traumatisierung.“
In einer Sache sind sich die Forscher einig: Traumafokussierte Arbeit, bei der die Betroffenen über die erlittene Gewalt sprechen können, bietet die größten Heilungserfolge. Entsprechend stünde die ungewisse und übertriebene Panikmache zu fraglicher Sekundärtraumatisierung durch Betroffenenberichte in keinem Verhältnis zum Nutzen des Ansatzes.
Ich halte es für relativ unwahrscheinlich und für eine billige Ausrede mit Mimimi auf hohem Niveau, wenn Menschen fürchten eine „Sekundärtraumatisierung“ zu erleiden, wenn sie Betroffenen zuhören und in Überschriften von erlittenen Gewalttaten hören, wie es im Freundes- und Bekanntenkreis die Regel ist. Detailschilderungen von Traumainhalten kommen in dem Kontext meist nicht in der Form vor, wie sie in der Therapie bei einer Traumakonfrontation auftauchen. Es mag Bestürzung auslösen können, emotional aufwühlen und an manchen Stellen auch belastend sein. Damit ist man aber weit weg von weitergegebener „Traumatisierung“ zu sprechen – wenn man nicht, wie heutzutage leider oft üblich, alles so nennt, was sich nicht innerhalb kürzester Zeit wieder gut anfühlt.
Mangelnde Abgrenzung und fehlende Selbstfürsorge sind nichts, was man als Zuhörer:in den Betroffenen als Gefährdung anlasten kann. Gerät man dadurch in Not, hat man sich nicht mit ihrem Trauma angesteckt, sondern hat vielmehr eigene Probleme, die im Kontakt offensichtlich werden und um die man sich kümmern sollte. Gleiches gilt für eigene Traumata in der Vorgeschichte.
Es ist gut und legitim sich abzugrenzen, wenn man im Kontakt spürt, dass man Dinge nicht gut aushalten kann oder mit etwas überfordert ist. Das ist menschlich und kann vorkommen. Vielleicht ist das für die Betroffene traurig, aber es nützt niemandem, offenen Auges in den Märtyrertod der Beziehung zu laufen, weil irgendwann vor Überforderung gar nichts mehr geht. Wenn jemand meine Geschichte ganz oder temporär nicht hören kann oder will, dann lasse ich das. Ich möchte Respekt vor meinen Grenzen und das steht auch dem Gegenüber zu. Oft lassen sich im gemeinsamen Gespräch Lösungen für den Umgang finden.
Ich wehre mich aber gegen den Joker „Sekundärtraumatisierung“ als Ausrede vor der Verantwortung für eigene Gefühle. Missbrauch und Gewalt begegnen uns als Überschriften täglich in den Medien. Menschen ziehen sich in ihrer Freizeit zur Unterhaltung Krimis und Thriller rein, die weit schlimmer sind, als das, was ich oder andere Betroffene privat jemals erzählen wollen würden. Wenn dann aber im persönlichen Umfeld jemand benennt, dass er missbraucht wurde, ist man plötzlich schwer in seiner Gesundheit gefährdet und zieht die Karte der „Sekundärtraumatisierung“, um davon nichts hören zu müssen. So leicht und schnell geht das zum Glück nicht! Sie ist kein Grund Betroffene vorsichtshalber im Stich zu lassen!
Einige Punkte haben Zuhörer den Opfern einer traumatischen Situation voraus: Sie sind der Situation nicht ausgeliefert, sondern jederzeit handlungsfähig. Sie können das Gespräch und den Inhalt beeinflussen. Auf die auftauchenden Gefühle und Belastungen lässt sich gezielt reagieren. Es ist möglich vor, während und nach einem Gespräch gut für sich zu sorgen und ggf. professionelle Hilfe bei Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen.
Quellen:
https://library.fes.de/pdf-files/bueros/sachsen-anhalt/10673.pdf