Rituelle Gewalt – mehr als eine ideologisch motivierte Straftat

Rituelle Gewalt ist aus unserer Sicht in ihrer Komplexität und Bedeutung für die Opfer schwer mit wenigen Worten zu definieren. Der Einfachheit halber wird sie oft als „ideologisch motivierte Straftat“ umschrieben. Auf der Seite des UBSKM wird sie in einen Topf mit organisierter Gewalt geworfen und lediglich durch die Ergänzung der Tatmotivation in der Definition folgendermaßen erfasst:

Als organisierte sexualisierte Gewalt bezeichnet man die systematische Anwendung schwerer sexualisierter Gewalt in Verbindung mit körperlicher und psychischer Gewalt durch mehrere Täter und/oder Täterinnen oder Täternetzwerke. Häufig ist sie mit kommerzieller sexueller Ausbeutung, wie zum Beispiel Zwangsprostitution oder der Herstellung von Missbrauchsdarstellungen verbunden.

Dient eine Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung von Gewalt, bezeichnet man dies als rituelle Gewalt. Eine solche Ideologie kann religiös sein und beispielsweise im Kontext von Sekten und Kulten vorkommen oder sich aus einer politischen Überzeugung, zum Beispiel in rassistischen oder faschistischen Gruppierungen, ableiten.

Ich habe mich selbst in einigen meiner Artikel der Einfachheit halber und für ein grobes Verständnis der Thematik in aller Kürze auf diese Definition zu den Tathintergründen bezogen. In Anbetracht der aktuellen Umstände und den Tendenzen rituelle Gewalt untergehen zu lassen, möchte ich in diesem Beitrag nochmals erfassen, weshalb sie für die Opfer aus meiner Sicht weit mehr ist als eine ideologisch motivierte Straftat und warum es so wichtig ist, sie unabhängig von anderen Gewaltformen und -zusammenhängen zu betrachten.

Um Gewalt als rituelle Gewalt zu definieren, ist nicht nur die ideologische Motivation des Täters bei der Tat entscheidend. Vielmehr bildet der gesamte Tatkontext die Ideologie ab und das kindliche Opfer wird in die Glaubensvorstellungen vor, während und nach der Tat intensiv eingebunden. Die Betroffenen werden zum Teil der Ideologie und die Ideologie Teil des Lebensgefühls der Opfer. Wert- und Moralvorstellungen, Identitätsgefühl und Weltbild werden in vielen Gruppierungen bereits von Geburt an auf die Ansichten der jeweiligen Gemeinschaft geprägt. Im Kontext der Glaubensgemeinschaft sind die Taten keine Straftaten, sondern völlig normale Alltagsereignisse, die zur Ausübung der Religion oder Ideologie gehören. Sie wiederholen sich rhythmisch und kehren nach einem bestimmten Muster immer wieder. Die „Rituale“ mit den enthaltenen Gewaltexzessen finden zu ganz bestimmten Zeitpunkten, z.B. an bestimmten Feiertagen oder wenn ein gewisses Alter erreicht wird, nach den gleichen vorgeschriebenen Abläufen der Tatbegehung statt. Das Opfer hat darin einen fest zugeschriebenen Platz. Im Begriff rituelle Gewalt findet dieses Vorgehen seine Abbildung in der Beschreibung „rituell“.

Ritualabläufe sind aus intrinsischer Sicht der Gruppe weit mehr als Gewalt mit Sinngebung. Dazu gehören für einige Gruppen z.B. auch Vorbereitungen wie Fasten, um psychische Prozesse anzustoßen, den eigenen Körper zu spüren und zu begreifen und sich für transzendierende Erfahrungen zu öffnen. Für viele sogenannte „satanistische Gruppierungen“ wird Gott nicht als eine externe Macht begriffen, sondern vielmehr als eine eigene über den Körper wahrnehmbare Instanz des Seins, die es sich im Leben zu erschließen gilt. Dabei sollen die Rituale helfen. Ursprung der körper- und ichzentrierten Religionsausübung sind vielmals Erdmutterkulte und Naturreligionen, die den Körper als Ausdruck der guten Holle, also Erdmuttergöttin, sahen und durch die Christianisierung zum Teil mit Gewalt verdrängt wurden.

In Kontexten ritueller Gewalt spielt die Ideologie nicht nur während der Begehung von Straftaten eine Rolle. Vielmehr ist sie Teil des ganz normalen Alltages. Genau so wenig, wie ein Christ nur glaubt, wenn er grade im Gottesdienst sitzt, beziehen sich Sekten, Kulte und ideologische Gruppierungen nur auf ihren Glauben, wenn sie gerade ritualisierte Straftaten begehen. Einen wichtigen Teil des Lebens innerhalb der Gemeinschaft prägt wunderbarer Zusammenhalt, Zusammengehörigkeit, Gespräche über gleiche Ansichten im Glauben, einstehen füreinander in der Not und Aktivitäten, die die Bindung zueinander stärken.

Rituelle Gewalt ist nicht gleich zu setzen mit organisierter, sexualisierter Gewalt. Weder braucht es dafür zwingend mehrere Täter, auch wenn das in der Realität oft der Fall ist, noch muss die Ausbeutung kommerziell erfolgen. Auch ein Einzeltäter kann sein Opfer derart in seine Ideologie involvieren und indoktrinieren, dass man bei gewissen Tatabläufen durchaus von ritueller Gewalt sprechen könnte, wenn sie ein zur Ideologie passendes, rhythmisches Muster erkennen lassen.

Gewalt in Kirchen und Sekten ist nicht zwingend als rituelle Gewalt zu klassifizieren, wenn die Gewalt zwar z.B. durch einen Geistlichen oder in Kirchen erfolgte, der Glaube bei der Tat an sich und in den Tatinhalten aber keine oder nur nebensächliche Rolle spielte und die Tat keiner zur Ideologie gehörigen Rhythmik folgt.

Eine wichtige Unterscheidung ist begrifflich und inhaltlich zwischen ritueller und ritualisierter Gewalt zu ziehen, auch wenn beide häufig synonym verwendet werden. Bei ritualisierter Gewalt spielen bei der Tatausführung ebenfalls ideologische und religiöse Elemente eine Rolle. Sie ist aber viel mehr als eine Art Fetischveranstaltung im Rahmen organisierter Gewalt zu sehen und hat keinen derart tiefen ideologischen Hintergrund wie rituelle Gewalt in Sekten, Kulten und anderen Gruppierungen. So werden für die Taten z.B. religiöse Orte, rituale oder Gewänder gewählt. Kunden des organisierten Verbrechens zahlen oftmals gut dafür, bei einem inszenierten Ritual anwesend sein zu dürfen. Außerhalb der Taten besteht bei ritualisierter Gewalt allerdings kein echter Glauben an einen übergeordneten Sinn der Gewalt. Die Abgrenzung zu ritueller Gewalt kann für Außenstehende schwierig sein und erschließt sich meist nur bei Betrachtung der gesamten Geschichte des einzelnen Opfers.

Mischformen und Überschneidungen der Gewaltformen von organisierter, ritualisierter und ritueller Gewalt sind häufig.

Die Psyche der Opfer wird bei ritueller Gewalt durch die Gemeinschaft und die gemeinsame Ideologie bei den Taten auf eine ganz andere Art und Weise indoktriniert und belastet, als dies bei anderen Straftaten des sexualisierten Formenkreises und in anderen Kontexten der Fall ist. Auch in Zusammenhängen organisierter Gewalt, werden Opfer mit den Vorlieben der Täter indoktriniert und soweit möglich auf deren Erwartungen konditioniert. Diese Konditionierungen unterscheiden sich in meiner Erfahrung jedoch maßgeblich von den Programmen ritueller Gewaltkontexte! Der sakrale und heilige Überbau der Straftatbegehung in ideologisch geprägten Gruppen führt zu einer anderen Tiefe und Zielsetzung in der traumatischen Erfahrung und der Dissoziation durch übergeordnete Sinngebung – peritraumatisch und posttraumatisch! Wichtig ist an dieser Stelle zu verstehen, dass rituelle Gewalt in den Gruppierungen als keine bloße Legitimation der Taten zur Gewissenserleichterung und als Mittel zum Zweck für gefügige Opfer empfunden wird, wie man das gerne annehmen mag. Vielmehr besteht ein echter Glaube mit einer oft ausschweifenden Gruppenhistorie, die nochmals den Zusammenhalt der darin befindlichen Familien stärkt.

Gewalt macht niemals Sinn. In Kontexten ritueller Gewalt besteht in der Hinsicht jedoch plötzlich eine gewisse Transzendenz. Sie wird zum Mittel, die eigenen Grenzen bis in den Tod hinein zu sprengen. Sie wird zum Freund, der es erlaubt, übermenschliches zu leisten. Ist man in der Lage, die eigenen Kräfte so zu bündeln, dass man alles überstehen kann? Gewalt ist in den Gruppen der Lehrmeister, der eine Form der Magie für das eigene Leben und das Leben der Gruppe ermöglicht. Unbeeindruckt und unbeirrt von äußeren Einflüssen und Folter wird das Leben und das Gedankengut weitergetragen. Was den Opfern passiert, ist nichts schlechtes. Es ist das, was sie am Ende veredelt und zu besseren Menschen macht. Sie treten den Weg der Meisterschaft an, den nur wenige in allen Graden bis ganz nach oben erfahren. Das Training von normalerweise unbewussten und automatisierten Körperfunktionen in absoluten Extremsituationen befähigt den eignen Willen am Ende als stärkste göttliche Macht. Nach rituellen Gewalterfahrungen halte ich es für wichtig, im Rahmen der Traumatherapie auch mit diesem ideologischen Blickwinkel auf beschriebene Gewaltvorgänge zu blicken, da ansonsten Vorgänge wie sogenanntes Ekeltraining, Deprivation, Askese und Folter nur schwer aus dem Traumagedächtnis in allgemeingültige Ansichten unserer Gesellschaft überführt werden können, weil das Grundverständnis zum inneren Erleben von Innenpersonen fehlt.

In organisierten Gewaltkontexten bleibt bei den Opfern meist durchaus ein Restbewusstsein bestehen, dass es sich bei dem zugefügten Leid um Gewalt handelt. Ich vermute, dass das deshalb als Opfer leichter zu begreifen ist, weil in der öffentlichen Diskussion mehr gesellschaftliche Einordnung diesbezüglich erfolgt. Bei ritueller Gewalt ist dies nicht der Fall. Das Unrechtsempfinden ist bei ritueller Gewalt nachhaltig durch die Ideologie verstellt, weil bestimmte Begriffe und Worte von Anfang an in ihrer Sinnhaftigkeit umgedeutet werden. Gegenbilder werden von der Gesellschaft mangels Bewusstsein nicht angeboten und stehen nicht frei zur Verfügung. Der Ausstieg aus ritueller Gewalt und der Einstieg in die „normale“ Gesellschaft ist nicht zuletzt deshalb so schwer, weil man das Gegenüber bei gleicher Wortwahl nicht versteht und im Grunde völlig verschiedene Kulturen und Weltbilder aufeinander prallen. In Kontexten ritueller Gewalt bleiben für die Opfer keine Fragen offen. Jeder Handgriff im Alltag wird mit Gruppenlogik besetzt und der Werdegang von Anfang an akribisch durchgeplant.

Die Rhythmik der Taten führt dazu, dass sie ins Unterbewusstsein des Körpers tief übernommen werden. Die Gewalt ist kein unvorhergesehenes Übel, das über einen hereinbricht, sondern mitsamt ihrem Ablauf fest in das Leben als Hilfestellung zur Selbsterfahrung eingeplant. Wie jede „Gewohnheit“ fehlt sie deshalb paradoxerweise als erwartbare Sicherheit im Alltag, wenn ein Ausstieg stattfinden soll. Das unterscheidet sie auch vom Familienvater, der die Tochter regelmäßig abends nach der Arbeit verprügelt. Zwar ist dort die nächste Gewalt mit einiger Wahrscheinlichkeit erwartbar, wenn er nach Hause kommt, aber sie ist nicht durch die Ideologie mit Bedeutung für die eigene Lebensrhythmik versehen. Gleiches gilt für Gewalt in organisierten Tätersystemen, in denen etwa regelmäßig die Kunden von Kindern bedient werden müssen, die Taten an sich aber keinen Mustern folgen und mehr Unsicherheit besteht, was in der Situation genau auf einen zukommt. Bei ritueller Gewalt werden innerlich reflexartig und unbewusst bestimmte Handlungen von den Opfern entweder gar nicht mehr versucht oder zwanghaft ausgeführt, weil die Konsequenzen blind verinnerlicht sind. Sie scheinen der eigene Wille des Opfers zu sein, weil es als Kind in der Gemeinschaft angenommen sein will.

Für mich persönlich kann ich sagen, dass mich die rituelle Gewalt von allen Gewaltformen bis heute am meisten prägt und für mich am schwierigsten zu verdauen ist. Sie ist am tiefsten in die Dissoziation gerutscht und nur schwerlich mit dem Bewusstsein überhaupt in Ansätzen zu versprachlichen. Während Trauma ohnehin nie zu begreifen ist, nimmt es in den Ritualen ein Ausmaß und eine Absurdität an, dass man meint, schier den Verstand im Nichts zu verlieren. Ich war durch die Gruppe gezwungen trotz der Schmerzen und Qualen bewusst und handlungsfähig zu bleiben, um den Sinn der Rituale zu erfüllen und damit zu überleben. Gleichzeitig schwimmt man, dissoziiert, wird wattig. Über allem Geschehen wabert eine unsichtbare Macht, die noch weniger als real zu greifen ist, als das Ritual an sich in dem man nur überleben will. Man ist im Übermaß auf all seine Sinne angewiesen, um die Anforderungen zu erfüllen, kämpft gegen Körperreflexe und ist ihnen doch immer wieder unterworfen, bis man sie irgendwann beherrscht. Ich habe furchtbare Gewalt und Beeinflussung in Kontexten der organisierten Gewalt erlebt. Ich kenne es verkauft zu werden. Ich weiß, was Folter und Todesangst heißt, wenn man einem Täter nicht hörig ist. Nichts hat sich in mir so sehr verwurzelt, als die sinnhafte Gewalt und das Leben in der Glaubensgemeinschaft. Es mag für Außenstehende nicht nachvollziehbar klingen, aber das ist der Bereich, den ich mir noch heute manchmal am meisten zurückwünsche, weil es innerhalb der Gruppe durch die Rhythmik und den Schutz nach außen in der Gemeinschaft, auch Sicherheiten gab, die es so im Alltag nach dem Ausstieg nicht mehr gibt. Bis heute bin ich jeden Tag mit den Anforderungen der Welt ohne die Gruppe überfordert. Das liegt auch daran, dass niemand mehr meine Sprache spricht und ich nicht die der Außenstehenden. Die Welt draußen mag nicht zuhören und sie sieht einen selten mal so lange an, dass man versuchen könnte, sich mit Händen in Füßen zu verständigen. Die Täter sind inzwischen weit weg und doch verfolgt mich ihr „Gott“ im Alltag. Er überwacht mich und meine Gedanken, schickt mir für mein Fehlverhalten gewiss Strafe, jede Krankheit wird zur Frage, nach der Konsequenz für meinen Ausstieg und so sehr ich mich auch bewusst um andere Sichtweisen auf den Glauben bemühe und mein Verstand wach ist – der Gott und seine Instanzen von damals sind nicht zu fassen, weil sie sich als eigene Instanz in mein Gehirn gebrannt haben.

Gerade wenn wir von Prävention sprechen oder dem Anspruch gerecht werden wollen, sexuellem Missbrauch an Kindern so früh wie möglich aufzudecken, erachte ich es für zwingend notwendig Tatkontexte und Tätertypen so genau wie irgend möglich zu erfassen, um Warnsignale herauszuarbeiten. Die Motivation für organisierte Gewalt, ist eine grundlegend andere, als die der rituellen Gewalt und das spiegelt sich in den erkennbaren Hinweisen auf die Gewaltform wieder. Auch wenn Böhmermann, Benecke und Konsorten darüber lachen, dass zur Erkennung der rituellen Gewaltstrukturen in den letzten Jahrzehnten unter anderem fachlich geraten wurde, genau hinzuschauen und hellhörig zu werden, wenn Kinder über die Feiertage besondere Blessuren aufweisen und viele Fehltage haben, so hat dies dennoch weiterhin seine Berechtigung. Natürlich ist das alleine für sich genommen noch kein eindeutiges Signal für rituelle Gewalthandlungen am Kind und doch werden wir sie auch nie aufdecken, wenn wir nicht genau an diesen Stellen im Alltag achtsam sind.

Am Ende dieses Beitrages möchte ich noch einmal mahnen und darum bitten nicht alle Begriffe, Inhalte und erarbeiteten Handlungsempfehlungen zur ritueller Gewalt der letzten Jahrzehnte über Board zu werfen, weil Leugner und Kritiker mit unterschiedlicher Motivation laut werden. Die Folgen für die Opfer sind verheerend und wir entscheiden uns mit der Tendenz zu begrifflichem Einheitsbrei dafür, lieber weitere Gewalt an Kindern zuzulassen und zu vertuschen, statt eindeutige Haltung gegen extreme Gewalt und Diffamierungen der Opfer zu zeigen.

Quellen:

https://beauftragte-missbrauch.de/themen/definition/organisierte-sexualisierte-und-rituelle-gewalt

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