
Ich sitze hier, während draußen der Regen fällt, Kälte um‘s Haus kriecht und denke im Nebeldüster über die DIS nach. Meine DIS. Mein Empfinden zu einem Grundsystem, das die neuronalen Abläufe in meinem Körper prägt. Eine Erkrankung mit Persönlichkeit, die doch so viel mehr ist, je länger ich mich damit auseinandersetze. Ich merke, wie mich Instagramaccounts regelmäßig aus der Fassung bringen und in einer Mischung aus persönlicher Panik, Wut und totalem Unverständnis zurück lassen. In dem Beitrag geht es um meine Reaktionen und inneren Auseinandersetzungen mit dem Thema. Sie sind nicht als persönliche Kritik an andere Menschen zu verstehen.
Manchmal möchte man im Außen meinen die DIS handele von schillernden Persönlichkeiten, extrovertiert, mit einem Hang zur medienwirksamen Darstellung von Persönlichkeitsfacetten. Kaum eine Erkrankung ist bereits von der Namensgebung so sehr mit Identität und Persönlichkeit verknüpft. Eine gewisse Faszination schlägt ihr in der öffentlichen Auseinandersetzung deshalb oft entgegen. Eine Diagnose als Attraktion. Wie bei einem Zirkuspferd möchte man die Anteile vorgeführt bekommen. Das Besondere. Das, was den Reiz des Unbekannten ausmacht. Verdrängtes Leid wird dem Betrachter personifiziert auf dem Tablett präsentiert und macht die vermeintlichen Tiefen eines Menschen sichtbar. Kann man sie domptieren? Zähmen? Bändigen? Die Anteile des Selbst dirigieren und in Selbstmeisterung mit therapeutischer Disziplin den gesellschaftlichen Anforderungen unterwerfen? Ich frage mich, warum man laut eigenen Aussagen eine überspitzte Darstellung der Realität wählt, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, das sich in der Realität auch nach eigenen Aussagen der Accounts so eigentlich gar nicht darstellt. Für was wird da der Blick geschärft? Warum zeigt man die Störung dann nicht, wie sie sich im Alltag äußert, um ein Bewusstsein zu schaffen? Oder ist die Attraktion dann nicht groß genug, weil das „Zirkuspferd“ plötzlich ein kleines zerschundenes und misshandeltes Pony sein müsste, das man sich in der breiten Masse gar nicht mehr gerne anschaut und als schmerzhafte Realität vor Augen geführt bekommt?
Denn so schillernd ist die DIS eigentlich gar nicht. Nicht für mich. Ich lerne im Kern nicht Persönlichkeiten kennen, sondern meine neuronalen Netzwerke, meinen Körper, das, wie Traumata das Zusammenspiel aus Körper, Seele und Geist geformt haben, wie ich in der Gesamtheit meiner Anteile funktioniere. Eine Erkrankung ist nichts schillerndes und keine Exzentrik. Nichts, was ich weiter ausgestalten und in mir häuslich einrichten möchte. Nichts was man weiter kultiviert und auf die Bühne stellt. Nichts, was mich mit RG-Hintergrund und der Bedrohung aus organisierter Kriminalität zwischen den Zeilen Staubsaugerroboter, Schmuck oder Periodenunterwäsche im Schlüpfer vor der Kamera verkaufen lassen würde, weil meine Traumata keine Marketingexperten sind, sondern mich wirklich daran hindern gewisse Dinge zu tun und meinen Alltag zu regeln. Ich schreibe keine Bücher, weil meine Schweigegebote Schweigegebote sind und meine Täter mich wirklich umbringen und nicht nur pro Forma in theatralischen Posts die Klickbate steigern. Ja, ich bin neidisch, wenn man das kann, weil ich gerne ein derart freies Leben hätte und von den Traumafolgen und Tätern darin boykottiert werde und ja, ich verstehe nicht, wie das funktioniert. Mir geht es für mich einfach nur darum zu verstehen, was in mir ist. Mich damit langfristig wohler zu fühlen. Zu heilen. Meiner DIS geht es nicht um Aufmerksamkeit. Wofür? Für Todesnäheerfahrungen, die mich innerlich zerfetzen? Ich brauche sie nicht für den Selbstausdruck oder Mitleid oder weil ich mein Leid nicht ernst nehmen kann, solange nicht DIS auf dem Diagnosebogen steht, denn sie drückt nicht mich oder meine Anteile aus, sondern meine Reaktion auf Foltersysteme als Teil unserer Gesellschaft. Ich wünschte, ich hätte diese Erfahrungen nie machen müssen und bin einfach nur froh, wenn ich irgendwie damit überlebe. Ich wünschte, ich müsste persönlich noch nicht mal eine PTBS haben und hätte die Bilder meiner Traumata nicht im Kopf.
Innere Landkarten sind kein Benennungswettbewerb innerer Anteile, um den Therapeuten am besten in rasender Geschwindigkeit glücklich zu machen, weil Problemfelder nach Lehrbuch identifiziert wurden. Anteile, die einen Namen aus unterschiedlichen Gründen bereits mitbringen, können natürlich damit angesprochen und sichtbar gemacht werden. Man hat ja auch keine Angst davor bekannte Hirnteile mit ihren Strukturen als Hippocampus oder Amygdala zu klassifizieren, weil sie sich dann in dem Moment erst ausprägen würden. Vielmehr benennt man einfach ihre Existenz. Entsprechend unproblematisch finde ich es, ein neuronales Spezialnetzwerk, das aufgrund seiner Geschichte mit bestimmten Aspekten meines Überlebens vertraut ist, Susanne, Otto oder Christiane zu nennen, wenn es nunmal aufgrund seiner Geschichte schon so heißt. Gleichzeitig haben aber auch nicht alle Speichereinheiten einen gesonderten Namen. Sie brauchen ihn auch nicht. Sie müssen nicht auf eine Landkarte gezwungen und eindeutig zugeordnet werden. Die Ausformungen mancher Anteile ist insbesondere bei der programmierten DIS komplex genug, wenn man sie wirklich erfassen will. Da braucht es für mich nicht auch noch zusätzlichen Input. Alles ist gut, wie es ist. Es reicht, wenn ich sie fühle, als einen Teil von mir wahrnehme ohne direkt etwas zu forcieren. In der Therapie geht es darum die Getrenntheit zu reduzieren und neue Interaktionsmuster aufzubauen fern von Angst und Schrecken. Manchmal gelingt mir das einfacher, wenn ich die Dinge sachlicher Betrachte und innere Anteile als neuronale Netzwerke dieses Körpers begreife. Das schützt davor Neuroplastizität an der falschen Stelle für die Ausformung der Spaltung zu nutzen, weil da ja eine „Identität“ ist, die man einmal gefunden schwer loslassen kann. Kommunikation findet im und über den Körper statt und diese Verbindung gilt es für alle Anteile immer mehr zu ermöglichen. Wo zusammengerückt wird, werden die einzelnen Anteile/getrennten Netzwerke weniger, aber nicht meine Gesamtidentität, in die sie immer noch alle wie bisher einfließen.
Diagnosen gibt es, weil spezifische Abweichungen von der gesunden Norm persönliches Leid verursachen. Ich Leide – unter den Amnesien, unter der inneren Zerissenheit, unter den schrecklichen Traumata, die in mir und den Teilidentitäten gespeichert sind, unter der massiven Erschöpfung, weil Dissoziation unendlich viel Kraft kostet und das auch, wenn ein vermeintlich fröhlich glucksendes Kind im Außen ist. Ich ertrage in der Tat manche allzu verharmlosende und verniedlichende Darstellung der Erkrankung nicht. Besonders zuwider ist mir das in den Bereichen, die dazu führen, das Betroffene nicht selten alleine deshalb Pflegefälle sind, weil die Symptomatik der DIS im Alltag so sehr einschränkt und extreme Schmerzen verursacht. Wenn ich Angst habe und gerade so sehr leide, düse ich nicht aus Spaß trotzdem durch den Supermarkt, weil die DIS keine eierlegende Wollmilchsau aus mir macht, sondern unterm Strich den gesamten Körper schlaucht – das gilt auch für mich als Alltagsperson, wenn ein anderer Anteil weit weg von meinem Bewusstsein Schmerz empfindet. Da nützt mein ganzes Funktionsniveau nichts. Ich krepiere dann notfalls eben mit der Hochfunktionalität. Ich wechsle mir keine körperlichen Krankheiten weg, indem ich mir eine unbetroffene Innenperson herbeizaubere, weil das auch faktisch so einfach nicht geht. Wenn ich für mich spreche, kostet jede Interaktion mit der Außenwelt – egal wie gut oder schlecht die Erfahrung ist – einen enormen Preis. Sie macht verwundbar, sie fordert Verantwortung ein (auch für die Dinge, die ich nicht mitbekomme!!!), sie kostet Ressourcen und ich halte es für mich auch nicht für legitim, Innenpersonen ungeschützt in die Öffentlichkeit zu stellen. Für mich ist das ein Traumamuster, das mit „sich anbieten“ zu tun hat und ein sich ausliefern, bevor man ausgeliefert wird. Dissoziation und jeder Wechsel basiert für mich auf Ohnmachtserfahrungen. Wo keine Überforderung und maximale Stressbelastung besteht, braucht es den Wechsel nicht, weil ich selbst gemeinsam mit anderen Alltagsanteilen in der Lage bin, mich zu versorgen und für mein Innen zu sprechen. Das heißt nicht, dass Innenanteile keine Interaktion mit der Umwelt brauchen. Im Gegenteil sind gewisse Erfahrungen für die Heilung wichtig. Die Frage ist aber, wie gut ich das begleiten kann und wie viel Überblick ich wirklich habe, ab wann es andere Anteile überfordert. Sich zeigen, braucht für mich im heute sichere Räume, um nicht gleichzeitig Verletzung zu reinszenieren. Dazu gehört das Internet definitiv nicht!
Ich merke, dass ich mir im Moment oft wünsche, dass man die DIS schlicht wieder mehr als das sieht, was sie ist – ohne Schnörkel: Eine Traumafolgestörung nach extremen Gewalterfahrungen vor dem fünften Lebensjahr, weil es keine einzige Bindungsperson gab, die geholfen hat! Als eine valide, eindeutig zu stellende Diagnose. Differenzierbar von anderen dissoziativen Störungen, die ein anderes Symptomspektrum insbesondere auf die Beschaffenheit der Anteile und Amnesien aufweisen- sonst wären es keine eigenen Diagnoseschlüssel im ICD-11. Dass man sich nicht länger hinter einem „Spektrum“ von Dissoziation Pi mal Daumen versteckt, weil das Spektrum nunmal auch klare Abgrenzungen hat, die es im Rahmen einer fachlich fundierten Prozessdiagnostik zu ermitteln gilt. Die DIS ist kein schwammiges Konstrukt der Selbstwahrnehmung und -diagnose. Ich bin kein Zirkuspferd. Keine Attraktion. Kein Tamagotchi mit Anteilen als Haustieren, die ich füttern muss. Habe kein extrovertiertes inneres Kind, das Aufmerksamkeit sucht. Meine Traumata halten mich tatsächlich davon ab, meinen Alltag entsprechend losgelöst davon zu leben und das auch, wenn sie anderen Anteilen passiert sind – wir teilen uns einen Körper! Mir fehlt innerlich aufgrund meines Leidensdruckes aktuell das Verständnis für das, was auf manchen Accounts passiert. Ich merke wie mich teilweise der Neid und die Wut zerfrisst, wenn sich jemand eine „Teilzeit-DIS“ leistet und über Auswirkungen schreibt, die er schon im nächsten Post offensichtlich nicht hat. Ich kann die DIS und Traumafolgestörungen nicht im Kinderparadies abgeben, wenn ich trotz Ängsten gerne einkaufen wollen würde. Ich fühle mich in den Darstellungen denkbar ungesehen und in meiner Not unverstanden, auch wenn es eigentlich nicht um mich geht und wir uns nur die Diagnose teilen. Ich habe Angst vor diesen für mich falschen Darstellungen, weil sie nicht selten auch im Alltag zu noch mehr Missverständnissen für mich und meine Geschichte führen. Ich bin krank und auf dem Weg zu heilen.
wahrlich kein Zirkuspferd!
Ein Mensch!
Eine Kämpferin!
Würden mehr Frauen (und Männer) deines Zuschnitts auf dieser Kugel ihres Weges ziehen, diese Welt wäre besser.
DANKE!
Genau das hatte ich letzte Woche als Thema in der Therapie.
Das ich einerseits überlege, was ICH falsch mache, weil ich nicht alle Anteile benennen kann. Weil ich nicht jeden einzelnen Namen kenne. Nicht meine ganze Lebensgeschichte in allen Details erinnern kann.
Und andererseits macht genau dieses „darstellen“ mich unbeschreiblich wütend.
Danke das es nicht nur mir so geht.