
Seit einiger Zeit beobachte ich, dass „rituelle Gewalt“ nicht mehr als eigenständige Gewaltform benannt wird. Der Trend geht in die Richtung, pauschal darum herum zu eiern. Man spricht von „organisierter Gewalt“. Da gehört das ja irgendwie dazu oder?
Der Begriff „rituelle Gewalt“ verschwindet stillschweigend von Websites, Fleyern sowie aus Beschreibungen von Therapie- und Beratungsangeboten. Selbst Therapeuten, die jahrelang dafür einstanden und seine Bedeutung aus der Expertise von und mit Betroffenen geprägt haben, sind plötzlich „nur noch“ Stressexperten oder arbeiten maximal mit Opfern organisierter Gewalt. Man kennt keine „Programme“ mehr und meidet „Mind Control“ wie der Teufel das Weihwasser.
Rituelle Gewalt mit ihren Programmierungen ist jedoch weiterhin die Realität der konditionierten Opfer, die um ihr Leben kämpfen und nicht wissen wie sie einen Ausstieg meistern sollen, weil es keine offiziellen Ansprechpartner gibt. Es ist nicht Aufgabe der Betroffenen erst einen Begriff für ihr Leid finden zu müssen, den die Gesellschaft als tolerierbar genug empfindet, als dass sie ihn auch nennen dürften.
Möchte man sich derzeit beim UBSKM als Mitglied im Betroffenenrat bewerben, dann kann man bei der Frage in welchem Rahmen man sexuelle Gewalt erfahren hat, alles mögliche ankreuzen: Familiär, im kirchlichen Rahmen, in andere Religionsgemeinschaften, im Rahmen organisierter Gewalt, etc. Es findet sich jedoch kein Bereich für Betroffene ritueller Gewalt.
Die unweigerliche Folge daraus ist, dass Betroffene ritueller Gewalt, also ideologisch motivierter Straftaten mit entsprechender Rhythmik und Dynamik, keine öffentliche Abbildung ihrer Belange mehr finden. Weder gibt es spezialisierte Beratungseinrichtungen und Therapieplätze, noch finden sie in der öffentlichen Diskussion statt. Keiner der anderen Begriffe wird ihrer Realität im Umfang und in der Dimension der rituellen Gewalt gerecht. Rituelle Gewalt kann Elemente der Gewalt in Kirchen oder der organisierten Gewalt enthalten, ist aber an sich in der Art und Weise ein eigener Gewaltkomplex!
„Wording“ macht Betroffene aktuell mundtot und das nicht nur bei den Leugnern und Gegnern, sondern auch auf den Plätzen, die an ihrer Seite stehen müssten! Das finde ich persönlich besonders bitter.
Die Ideologie und ritualisierung bestimmter Gewalttaten spielt eine zentrale Rolle bei der Gewaltausübung und sie tut es auch bei der Verarbeitung und im Ausstieg aus dem Gewaltkontext!
Es ist mir ein Anliegen die Fachpersonen darum zu bitten, diese Betroffenengruppe weiterhin zu benennen und damit auch ihnen Ausstieg und Teilhabe zu ermöglichen. Man kann sich um die Wortwahl streiten und langfristig neue Begriffe finden, wenn einem „rituelle Gewalt“ durch Beiträge von Böhmermann, Spiegel und Co. zu verbrannt und diffamiert ist. Prinzipiell ist es völlig egal wie man rituelle Gewalt am Ende benennt. Es ist jedoch im Sinne der Betroffenen wichtig, dass sie als eigenständige Gewaltform auch benannt wird! Inhaltlich haben die Aussagen der Betroffenen nichts an Validität verloren.