
Schweigegebote werden oft als eine Methode der Täter angesehen, um ihre Taten zu vertuschen. Im Fall von ritueller Gewalt greift das zu kurz, denn sie sind auf Basis der dahinter stehenden Ideologie weit mehr als das.
Ein „satanistisch“ geprägtes Weltbild in Gruppierungen, die sich einen langen geschichtlichen Hintergrund geben, basiert auf viel mehr als die im Volksglauben übrig gebliebene Wahrnehmung von dunklen Gestalten und grausamen schwarzen Messen. Diese falsche Vorannahme ist unter anderem auch eine Ursache, weshalb wir diese Strömung in der Gesellschaft nicht wahrnehmen.
Satanistische Weltbilder beinhalten eine starke Ich-Zentriertheit. Sie suchen einen Gott nicht abstrakt im Außen, sondern verorten ihn als Teil von sich. Deshalb ist alles körperliche so wichtig, weil es als ein Ausdruck des göttlichen anzusehen ist. Jedes Gefühl, jedes Bedürfnis und jeder Ausdruck davon ist heilig. Täter sehen darin pervertiert auch die Erlaubnis zu Vergewaltigen, wenn in ihnen der Drang auftaucht. Der Körper wird als Ausgangspunkt tiefer verkörperter/materialisierter Magie gesehen. Das macht u.a. Sexualpraktiken bei der Anrufung des göttlichen so zentral!
Verschwiegenheit führt zu einer Ich-Zentrierung. In weiten Teilen wird sie nicht nur gegenüber nicht Mitgliedern gefordert, sondern auch untereinander. Über das was in Ritualen stattfindet wird unter den Teilnehmern nicht gesprochen. Schweigen gilt primär als Mittel der Selbstmeisterung.
Sobald man nicht mehr in der Lage ist, sich auszutauschen, ist man gezwungen in sich Lösungen zu finden und die Kraft in sich zu halten. Die Gemeinschaft im Schweigen schafft Bindung. Es gibt Gleichgesinnte, die ähnliches erleben und da man nicht darüber spricht, wird das auch nie in Frage gestellt. Man kann gefühlt nur von denen verstanden werden, die das selbst miterlebt haben, weil über die Sprache kein Verständnis im Außen geschaffen werden kann. Das führt zu einer zu tiefst emotionalen Verbundenheit mit den Gruppenmitgliedern. Die Selbstreflexion gilt als hohe Kunst. Dazu gehört das Verständnis über innerpsychische und -körperliche Zustände aus der akribischen Beobachtung des eigenen Erlebens in allen Extremen. Deshalb fragen Täter bei manchen Praktiken auch so genau, was das Opfer bei welcher Berührung wann, wie fühlt. Das führt sehr schnell in transzendente (und bei Gewalt schwer dissoziative) Zustände. Die Lenkung der eigenen inneren Energie und das nicht entfliehen vor der eigenen Wahrnehmung, egal unter welchen Umständen, gilt als ein zentrales Mittel zur Erlangung der Herrschaft über sich und andere.
Die Aufzählung der Ideologie hinter und der Wirkung von Verschwiegenheit ist hier längst nicht vollständig. Für einen ersten Einblick belassen wir es vorerst allerdings dabei.