Organisierte und rituelle Gewalt – ein „Familienunternehmen“

In den letzten Tagen haben wir uns viel mit der Frage beschäftigt, weshalb es für viele Menschen so schwer ist, die planmäßige und gezielte Ausbeutung von Menschen in organisierten und rituellen Gewaltsystemen anzuerkennen. Was schafft die Barriere eine gewisse Unterwanderung unserer Gesellschaftsorgane für möglich zu halten und zuzuhören? Was an den Erfahrungsberichten von Opfern führt genau dazu, dass sie die Vorstellung von Außenstehenden so übersteigen, dass sie sie direkt für unmöglich halten? Die Grausamkeit der Schilderung mal bei Seite genommen, glaube ich, dass ein Problem immer noch die sprachliche und inhaltliche Mystifizierung dieser Vorgänge ist. Sie werden in den Bereich von Parallelgesellschaften verrückt und noch immer nicht als ein leider bislang ganz alltäglicher Teil von ein und der selben Gesellschaft gesehen. Sie sind nicht verborgen. Wir trauen uns nur nicht sie in der „Normalität“ zu sehen. Organisierte und rituelle Gewalt funktioniert im Grunde nicht anders, als jedes andere „Familienunternehmen“.

Der Großteil der Grundstrukturen von gut etablierten Täternetzwerken basiert auf Familien, die bereits über mehrere Generationen in dieses „Unternehmen“ eingebunden sind und ihr Wissen von Generation zu Generation weitergeben. Schaut man auf die gezielte Besetzung gesellschaftlich relevanter Posten in diversen Berufsfeldern, mag das vielleicht kompliziert werden, wenn man von kleineren Grüppchen ausgeht, die sich erst neu formatieren müssten und mit begrenzter Teilnehmeranzahl irgendwie ihren Fuß in die Tür kriegen wollen. Das ist jedoch ein Problem, das sich für die großen Player in der organisierten Kriminalität so gar nicht stellt! Es mangelt nicht an Mitgliedern. Es gibt genug Perverse, die den nahezu perfekten Schutz vor Strafverfolgung in diesen Gemeinschaften genießen. Sie haben alle auch irgendwelche Berufe, die sie im Alltag ausführen. Über die Generationen gibt es immer wieder Mitglieder, die es geschafft haben sich in unterschiedlichen Bereichen einen gewissen Status zu erarbeiten. Sie können ihren Einfluss bereits nutzen. Gute Kontakte zu benötigten Partnern wurden über lange Zeit gepflegt. Die branchenübergreifende Pflege von Geschäftsbeziehungen ist völlig normal in jedem großen Unternehmen. Alles was man in der organisierten Kriminalität jetzt macht – wie in jedem guten Familienunternehmen – ist den Nachwuchs entsprechend so ranzuziehen und zu bilden, dass er diese Posten einfach nachbesetzen kann. Es werden sich in der Breite der Mitglieder immer Personen finden, die für manche Stellen persönliches Interesse und Eignung mitbringen. Hin und wieder kauft man sich von Außen vielleicht Spazialisten hinzu, wenn die brauchbar und vertrauenswürdig (d.h. meist im Notfall gut erpressbar) sind. Ansonsten hütet man seine Familiengeheimnisse zu „Produktionsinterna“. Man kann das „unterwandern“ nennen und dem damit einen Beigeschmack der besonderen Herausforderung geben oder es einfach als das sehen, was es ist: Gutes Management in der Geschäftsführung. Im Grunde sind das ganz normale wirtschaftliche Vorgänge, wenn es auch der Geschäftsinhalt in dem Fall nicht ist.

Als ich begonnen habe mit einem Freund über meine Geschichte zu sprechen, sind wir immer wieder auf die Hürde gestoßen, dass er uns sagte, dass Täter ja aber totale Genies sein müssten, wenn die wirklich alles so planvoll umsetzen könnten und er sich das einfach nicht vorstellen könne. Er hatte nie einen Zweifel, dass uns das passiert ist, deutete aber immer wieder an, ob das nicht auch zufällig so zustande gekommen sein könnte. Es dauerte etwas und kostete viele Tränen, bis wir irgendwann begriffen haben, weshalb es für ihn so schwer war die Systematik als ein Teil der Gewalt anzuerkennen. Er versuchte sich als Außenstehender mühevoll vorzustellen, was er als Täter wann, wie in welchem Schritt tun müsste, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. Das ist kompliziert, aufwendig und im Rahmen seiner bisherigen Vorstellungskraft aufgrund mangelnden Täterwissens unmöglich! So machen das diese Täter aber nicht! Sie müssen nicht jeden einzelnen Schritt mit enormen Aufwand durchdenken, weil das ist wie Fahrradfahren. Als Kind strauchelt man die ersten Male, bis man es gelernt hat. Dann kommen bald die Stützräder ab und von da an fragt sich niemand mehr wie er das mit dem Gleichgewicht eigentlich macht. Die Grundprinzipien der Balance sind so verinnerlicht, dass alles wie von selbst abläuft. Manchmal gibt es auf dem Weg vielleicht Hürden und Unwegsamkeiten über die man explizit nachdenken muss oder bewusst eine bestimmte Technik wählt, um nicht auf die Schauze zu fallen. Heikel jedoch ist das nicht, weil man auch da auf persönliches und externes Erfahrungswissen zurückgreifen kann. Ein Täter aus transgenerationalen, organisierten Systemen sinnt nicht den ganzen Tag darüber nach, was er wann wie mit dem Opfer tun muss. Er weiß es. Meist seit seiner eigenen Kindheit. Hat es oft genug gesehen, erlebt, angewendet und zu einer Art Intuition verinnerlicht. Der Täter kennt die zu erwartenden Reaktionen der Opfer.

Wenn ich ein Auto bauen müsste, gäbe es keines. Davon habe ich überhaupt keine Ahnung und auch keine Vorstellung wie Technik funktioniert. Es würde mich unendlich viel Kraft und Kapazitäten kosten mir das anzueignen und selbst dann wäre ich nicht sicher, ob ich wirklich zum Ziel kämme. Dagegen habe ich fünf jährige Jungs erlebt, die ganz genau wissen wie und wo im Auto etwas seinen Platz hat und wie man es repariert, weil sie das mit ihren Vätern ständig machen. Kinder lernen und wissen in der Regel über Gebiete, die ihre Eltern interessieren oder beruflich verfolgen von klein auf auf ganz natürlichem Weg besser bescheid, als andere. So ist das auch, wenn Mamas und Papas Business die Ausbeutung in der organisierten Kriminalität ist. Als Nicht-Täter so denken zu wollen und Handlungen nachvollziehen zu können wie ein Profitäter, ist wie der Versuch ein Neurochirurg sein zu wollen, ohne je Medizin studiert zu haben, geschweige denn mal live bei einer Op dabei gewesen zu sein. Für den Neurochirurgen sitzt jeder Handgriff in einem eingespielten Team. Für die Außenstehenden ist es unmöglich diese Leistung zu bringen. Als mein Freund und ich diese Erkenntnis irgendwann hatten, viel mir ein Stein vom Herzen. Wir kamen raus aus einer Spirale von „Ich kann mir das nicht vorstellen, also ist das vielleicht nicht so planvoll“, hin zu einer natürlicheren Sicht, weshalb er sich das ganz real einfach nicht vorstellen können kann, weil ihm einfach auch der Wissenszugang zu diesen Bereichen völlig fehlte und er nie etwas über planvolle Gewalt gelernt hat.

Ich begreife im Kontakt und in der Auseinandersetzung mit Menschen in meinem Umfeld aktuell immer mehr, dass dieses „sich nicht vorstellen können“ tatsächlich ein Mangel an Wissen ist, das ich voraussetze, weil ich es kenne wie meine Westentasche. Der Ausbildungsberuf „Opfer“ bzw. „Täter“ organisierter Gewaltsysteme beruht auf der Aneignung von umfangreichen, fachspezifischen Wissen, wie in jeder anderen Sparte mit der man später sein Geld verdienen will. Für mich ist es im Alltag völlig normal ein Kind anzusehen und sofort im Kopf zu haben, was man jetzt tun müsste, wenn man XY mit diesem Kind erreichen wollen würde. Mein System erfasst Dissoziation voll automatisch, weil ich es für‘s Überleben und meine im organisierten Verbrechen angedachte Position lange und intensiv gelernt habe. Ich kenne wie Kinder dann aussehen, sich verhalten und geformt werden könnten, weil ich es oft genug erlebt habe. Darüber denke ich nicht bewusst nach. Ich weiß es und entscheide mich heute lediglich dafür nicht mehr auf dieses „Fahrrad“ zu steigen.

Ich glaube, dass wir als Betroffene gut daran tun, diese durchaus komplexen Strukturen und vielfach undurchsichtig erscheinenden Gewaltsysteme immer wieder auf eine ganz einfach Ebene zu bringen, weil das dem gegenseitigen Verständnis nützt. Auch Täter haben das Rad nicht neu erfunden. Sie nutzen die gleichen gesellschaftlichen Strukturen für andere Zwecke. Überschneidungspunkte schaffen für mich im Dialog immer wieder auch Verständnistreffpunkte mit der Außenwelt, die so wichtig sind, um weitere Verletzungen zu vermeiden.

Ein Kommentar zu “Organisierte und rituelle Gewalt – ein „Familienunternehmen“

  1. Wow, was für ein guter Text!
    Das mit dem Kinder nur ansehen zu müssen um sofort in dieses gedankliche Nutzungsdenken zu kommen geht uns auch so. Wir leiden sehr darunter auch schon nur diese Gedanken im Kopf haben zu müssen.

    Wir finden es auch sehr schlimm, wie der Begriff „mind control“ mit „Gehirnwäsche“ übersetzt wird und gerade in den Medien kaum weiter erklärt. Natürlich denken die Leute so, dass es das nicht geben kann!
    Dabei ist das hier gemeinte Mind Control ja nichts weiter als die
    umfassende und planvolle Manipulation von Kleinkindern mittels extremer Gewalt.
    Dass dies gemacht werden kann und wird sollte hingegen allen klar sein! Schade, dass es in den Medien nie so erklärt wird

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