
Dem Politiker Hubert Aiwanger wird aktuell vorgeworfen in seiner Schulzeit ein antisemitisches Flugblatt erstellt zu haben und mit Judenfeindlichkeit aufgefallen zu sein. Ein Schrei geht durch die Presse und Forderungen des Zentralrates der Juden werden laut: „Wie kann er nur!? Wo bleibt die Entschuldigung? Die, die es inzwischen schon gibt ist nicht ausreichend! Sakrileg! Er hat sich gegen Juden geäußert!“ Ich heiße Judenfeindlichkeit wie auch alle andere Gewalt keinesfalls gut. Zur Affäre „Aiwanger“ will ich mich hier nicht weiter äußern und distanziere mich ausdrücklich von Antisemitismus. Dennoch möchte ich den aktuellen Fall zum Anlass nehmen, einmal genauer hinzuschauen, ob dieses Land seine geforderten Werte überhaupt vertritt, wie es mit Gleichberechtigung aussieht und was das alles mit organisierter und ritualisierter Gewalt zu tun hat.
Aufgrund der Geschichte dieses Landes reagieren wir besonders empfindlich, wenn nationalsozialistische oder judenfeindliche Äußerungen auftauchen. Zu groß war der Schrecken und das Leid, das im zweiten Weltkrieg verursacht wurde. Systematische Ausbeutung, Kriegsführung und Gewalt verachten wir als Gesellschaft. Jedoch messen wir je nach Betroffenen mit unterschiedlichem Maß. Ich frage mich: Wie echt sind unsere Werte, wenn sie nur gelten, wenn man zur richtigen Personengruppe der Betroffenen zählt!?
Wenn ich Gewaltopfer nicht denunzieren und angreifen soll, dann doch bitte alle! Die Opfer des NS-Regimes waren längst nicht nur Juden. Über Sinti und Roma, Zigeuner, behinderte Menschen oder einfach nur unliebsame Systemgegner spricht aber kaum jemand, weil sie keine milliardenschwere Lobby haben. Wenn sie öffentlich angegriffen und beleidigt werden, müssen sie das häufig als „freie Meinungsäußerung“ einfach hinnehmen.
Gleiches gilt für andere Gewaltopfer insbesondere in organisierten und ritualisierten Gesellschaftsstrukturen! Man darf bis heute völlig ungestraft behaupten es gibt sie nicht oder feindliche Texte über sie verbreiten. Würde einer das erlittene Leid von Juden in diesem Land anzweifeln, wäre das zu Recht ein Straftatbestand – sogar dann, wenn die Aussage eine Generation trifft, die mit den Juden und Tätern von damals gar nichts mehr am Hut hat. Weshalb ist das für Opfer sexualisierter Gewalt anders? Muss man in einem KZ gewesen sein, um Anerkennung der eigenen Geschichte erwarten zu dürfen? Oder braucht man einfach die richtige Lobby, um Respekt erwarten zu dürfen?
Die Ideologien und Methoden auf deren Grundlage Menschen in rituellen Gewaltstrukturen ausgebeutet werden, basieren nicht selten auf dem Nationalsozialismus und den Praktiken, die im zweiten Weltkrieg unter dem Hitler-Regime perfektioniert wurden. Die jeweiligen Gruppierungen führen diese Traditionen und Grundhaltungen fort. Anhänger trugen das Gedankengut und die Lebenseinstellung von damals über Generationen weiter, Ärzte nutzen ihr Wissen für Medizinversuche, Menschen mit Behinderung und unliebsame Gegner, werden einfach aus dem Weg geräumt, Frauen und Kinder ausgebeutet, es wird gefoltert, gequält und abgerichtet – bis heute. Die Kriegstraumatisierung wurde nach Kriegsende in andere „transgenerationale Kriegsgebiete“ in den Familienstrukturen übertragen. Auch das sind Folgen des 2. Weltkrieges mit denen die Opfer leben müssen!
Vieles über den Einsatz von Drogen, Zwilligsforschung, Medizin, Blutlinien und den Umgang mit Mind-Control-Techniken wissen Täter aus Hitlers Forschung! Der Nationalsozialismus förderte Bordelle, setzte Zwangsprostitution für die Wehrmacht ein und verfügte über „Rassenzugehörigkeit“ der ausgebeuteten Frauen. Sofern sie nach den erzwungenen Geschlechtsakten schwanger wurden oder Kinde gebaren, führte man sie gerne den Medizinversuchen zu. Auch heute noch achten organisierte Täterströmungen bei der Kundenauswahl auf „Rassengleichheit“ und lassen ihre Ware/Opfer nicht wahllos mit ihnen zusammenkommen. Die Gewalt wird wie im dritten Reich streng kontrolliert. Im KZ richtete das NS-Regime gezielt Frauen für sexuelle Dienstleistungen ab und experimentierte, um die zielführendsten Methoden auszumachen, die sie ihnen zum Untertan machten. Auf diese Weise verstand man Vergewaltigung als Kriegswaffe und Folter immer besser.
Über die Opfer organisierter und ritueller Gewalt dürfen diverse Blätter völlig ungehindert und ungestraft schreiben, dass es sie und die erlittenen Grausamkeiten nicht gibt. Das ist ja nur Meinung und keine Gewalt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein Stück weit ist das aber eben auch den Holocaust und seine Folgen leugnen! Die Süddeutsche darf noch vor wenigen Tagen einen Artikel entgegen jeder wissenschaftlichen Widerlegbarkeit schreiben, dass man vorsichtig sein muss, dass Therapeuten ihren Patienten die erlittene Gewalt nur einreden. Wo bleibt da der Aufschrei!? Was für einen Aufschrei gäbe es im Vergleich, wenn man auch nur von einem Juden in Frage stellen würde, ob er Opfer ist!?
Wir tun als Gesellschaft so, als hätten wir Werte, sind aber nicht bereit sie in aller Konsequenz durchzusetzen, weil wir in Doppelmoral lediglich so tun wollen als gäbe es nationalsozialistische Strömungen von damals in diesem Land nicht mehr. Wir haben in der Gesellschaft nicht wirklich eine Haltung zu derartigen Taten! Wir tragen Gewisse Einstellungen wie auswendig gelernte Schutzmasken vor uns her. Judenfeindliche Äußerungen müssen weg, weil sonst die Öffentlichkeitsdarstellung nicht mehr stimmt, dass wir Nationalsozialismus und Rechtsradikalität in Deutschland nicht mehr haben. Ansonsten müssten wir ja endlich mit echter Aufarbeitung beginnen!
Mich stört nicht, dass wir genau zu Aiwanger schauen! Mich stört die verlogene Doppelmoral! Entweder müssen Juden auch mit den blöden Sprüchen Leben können und es ist „irgendwann auch mal gut“ oder alle anderen Opfer von heute, die diese Regime immer noch nach sich ziehen – wenn auch meist im Untergrund – sind genau so schützenswert!
Was wäre wenn Aiwanger damals ein Flugblatt gegen die Opfer von organisierter und ritueller Gewalt in der Tasche gehabt hätte? Was wäre wenn er heute ihre Existenz trotz direkter Folge des Naziregimes leugnen würde. Mal ehrlich: Hätte er das Gleiche über die Opfer organisierter und ritualisierter Gewalt gesagt und getan, würde das keine Sau interessieren, obwohl das deutlich aktueller wäre, als ein Flugblatt vor etlichen Jahren!
Wenn wir Kriege und Kriegsfolgen verachten, müssen wir das auch in den kleinsten Staaten unseres Landes tun – den Familien.