Wild Berry Lillet und ein Schaukelstuhl voll Sorgen

Ich nippe an meinem Pseudo-Wild-Berry-Lillet ohne Alkohol. Im Mund prickelt die Kohlensäure. Während die Dämmerung sich immer mehr Richtung Nacht schiebt, will ich einfach nur noch Ruhe. Ich bin müde – vom Kämpfen, vom irgendwie sein müssen, vom alles richtig machen und damit doch nichts als das nächste Burnout erreichen. Vom Termine haben, um sie absagen zu müssen, weil man sie ohnehin nur ausmacht, weil sie erwartet werden, obwohl man eigentlich längst nicht mehr kann und es ohnehin schwer ist zwischen all den Symptomen irgendwas zu planen. Vom sich erklären müssen weshalb, was, wann, wo nicht geht, wenn es nunmal so ist. Von all den Ansprüchen im Innen und im Außen.

Dabei würde ich so gerne einfach nur in der lauen Sommerluft am Abend in meinem Schaukelstuhl auf dem Balkon lehnen und mich freuen. Ein bisschen von den Kirschen des Nachbarn naschen. Füße im Wasser plantschen. Wissen, ich komme irgendwie über die Runden. Den Vögeln lauschen. Meine Katzen kraulen und mich freuen, dass ich noch am Leben bin.

Statt dessen rechtfertige ich meinen permanenten Aktivismus mit sozialem Engagement, nur um vor mir selbst zu verheimlichen, dass ich gar nicht still sein kann und eigentlich innerlich selbst nach Hilfe schreie, das aber nicht merken will. Ich schreibe Posts zu aktuellen Themen, die mich zugegebenermaßen vermutlich einen Scheiß interessieren würden, wenn meine Bedürfnisse als Traumaüberlebende erfüllt wären. Statt dessen schüren sie die Angst, dass die knappen Ressourcen noch knapper werden und ich beginne noch mehr zu funktionieren. Wir werden gelobt für unsere Leistungen nur um am Ende des Tages festzustellen, dass sie nichts weiter sind als reine Überlebensleistungen. Sie haben keine edle Motivation und sind nichts, worauf eine Gesellschaft stolz sein kann. Um genau zu sein, spiegeln sie jeden Tag wie kaputt wir sind. Wir kämpfen mit gesellschaftlich anerkannten Methoden um unser Überleben, weil der Blick von außen noch immer oft verpönt ist, wenn man ausspricht, wie es ist:

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr und wenn ich bis zum Ende meines Lebens vom Sozialleistungen auskommen muss, dann ist das so. Mir reicht das. Ich will nicht mehr kämpfen, nicht weil ich mich so glücklich schätze ein Sozialschmarotzer zu sein und vom Amt so kritisch betrachtet zu werden, als will ich den Staat abzocken und sicher nur nach Betrug suchen, sondern weil ich gesund werden will und damit genug vom Leben habe! Weil ich die Systemgewalt nicht mehr ertrage. Die Ausgrenzung. Als Preis für Dinge, für die ich gar nichts kann: Die Gewalt und ihre Folgen! Und am lautesten schreien immer noch die Menschen, die bis heute nicht im Stande sind sie zu verhindern, geschweige denn gewillt wären, wirklich etwas zu verändern.

Ich habe genug davon, mich zu schämen. Mich schlecht zu fühlen. Mir Vorwürfe zu machen. Schweigend und im Boden versunken vor mich hin zu murmeln, wenn mich jemand fragt, was ich arbeite. Nichts, verdammt noch mal! Gerade gar nichts. Ich habe aufgehört alles zu geben. Mich anzustrengen so gut ich kann und gefühlt doch nie ausreichend zu sein. Statt gesund durch die permanente Überlastung immer kränker zu werden. Ich will leben und einfach sein. Lange dachte ich, das geht nur, wenn ich leiste. Heut ist mir bewusst: Es geht nicht, wenn ich leiste. Nicht so. Nicht, indem ich versuche in einem kranken, traumatisierten System von meinen Traumata zu heilen. Daran ändert auch kein Studium und der beste Abschluss etwas. Ich bin dankbar, für jede und jeden, die mit ihrer Arbeit Sozialeistungen ermöglichen und mir damit Sicherheit geben! Ich kann nicht mehr. Und das ist OK so.

2 Kommentare zu “Wild Berry Lillet und ein Schaukelstuhl voll Sorgen

  1. Ja, es ist gut so! Und es gibt nichts Besseres für die Gesellschaft, als wenn Menschen wirkliche, innere Heilung erfahren. Und nichts Schlimmeres, als wenn eine Gesellschaft einfach nur immer weiter und schneller im Hamsterrad des Wirtschaftswachstums rennet und rennet und rennet, statt sich auf inneren Wachstum und innere Heilung zu fokussieren. Ich kenne Dich/euch zwar nicht, aber wünsche dir von Herzen alles Gute.

Kommentar verfassen: Entscheidest du dich für das Absenden eines Kommentars wird deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse, dein Name und ggf. deine angegebene Webseite in einer Datenbank gespeichert. Mit dem Klick auf den Button "Kommentar absenden" erklärst du dich damit einverstanden.

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..