Schlimm, schlimmer, am schlimmsten!

Auf Instagram hab ich heute einen kurzen Beitrag dazu gepostet, dass wir uns oft im Gewaltkontext nicht trauen Dinge in mehr oder weniger schlimm einzuordnen, obwohl ich das prinzipiell als eine gesunde Reaktion ansehe, solange es kein Versorgungsdefizit für den einzelnen Betroffenen zur Folge hat. In diesem Artikel möchte ich meine persönlichen inneren Kämpfe und Sichtweisen als Ergänzung schildern. Achtung, der Einstieg kann als provokativ empfunden werden!

Ich finde das, was ich erlebt habe, ist im Vergleich zu anderen das Schlimmste. Einfache Gewalt ohne organisierten Kontext kann ich oft nicht als schlimm fühlen, obwohl mein Verstand wohl weiß, dass es anders ist und auch schwerwiegende Folgen haben kann. Missbrauch war für mich lange erst Missbrauch, wenn er bis zur Vergewaltigung reichte und wenn jemand nur einmal vergewaltigt wurde, dann genügte auch das nicht, um langfristig einen Schaden daraus zu begründen. Mobbing (ohne physische und sexuelle Gewalt) empfinde ich immer noch für ein Luxusproblem unter all den vorhandenen Gewaltformen und als nicht auseichend, um überhaupt eine Traumafolgestörung daraus zu entwickeln.

Nun würde ich mich durchaus, als einen empathischen Menschen bezeichnen und im Umgang mit anderen, kann ich selbst verständlich sehen und verstehen, wie sie unter ihren Gewalterfahrungen leiden. Aber ich kann es aufgrund meiner eigenen Prägungen und Erfahrungen nicht für mich so fühlen. Mir hilft es mutige Geschichten von Gewaltbetroffenen in unterschiedlichen Bereichen und Ausprägungen zu hören, weil ich mich darüber reflektieren kann. Ich möchte hier niemanden Abwerten, sondern lediglich meine inneren Gefühlsbewegungen sichtbar machen!

Weshalb ordne ich so ein, wie ich es tue? Woher kommt mein Maßstab? Ich glaube, dass die Dimensionen an Gewalt, die wir erlebt haben, so breit sind, dass manche Gewaltformen auf unserer Skala unter harmlosere Varianten des Alltags gefallen sind. Um auch diese Anteile in meinem Innen versorgen zu können, war es wichtig die eigenen Bewertungen von bestimmten Gewaltformen bewusst zuzulassen. Mobbing und psychische Gewalt fallen bei mir persönlich z.B. komplett durch’s Raster. Das hat nichts damit zu tun, dass es nicht schlimm wäre oder andere Betroffene nicht extrem Leiden! Vielmehr habe ich da oft das Gefühl, wenn ich mich damit auch noch auseinandersetzen muss, werde ich gar nicht mehr fertig. Zudem gehörte das in meinem Leben zu „normalem Alltag“. Bei sexuellem Missbrauch haben mir Schilderungen von anderen Betroffenen extrem geholfen, die z.B. nicht angefasst wurden und „nur“ etwas gesehen haben oder selbst auf eine übergriffige Art angesehen wurden. Ohne diese Einblicke hätte ich mich schwer getan, diesen Innenpersonen überhaupt zuzugestehen, dass sie ein Problem haben dürfen und Hilfe brauchen.

Wir müssen unsere Wertungen in der Therapie (nicht gegenüber anderen Betroffenen) aussprechen dürfen ohne uns dafür schämen zu müssen! Vielleicht passen sie nicht in das Raster von gesellschaftlich oder sozial erwünscht. Das tut aber unser gesamtes Leben nicht! Unsere Zuschreibungen an Gewaltformen sind das Resultat unserer Geschichte. Bei der Aufarbeitung dürfen sie bewusst werden. Nur so kann man sie langfristig reflektieren und für sich selbst eine gesunde Haltung dazu finden. Ich sehe die Welt, wie ich sie sehe und nicht mehr so wie andere mir sagen, dass ich sie sehen muss. Dazu gehören nunmal aktuell auch meine Konditionierungen. Ich kann nur fühlen, was ich fühle und nicht wieder das, was ich fühlen soll! Ich glaube manche Geschichten und andere nicht. Meine eigene Wahrheit ist veränderbar. Das ist Heilung. Auf das schauen zu dürfen, wie es bei uns und für mich gerade jetzt ist gehört zum Weg.

Ein Kommentar zu “Schlimm, schlimmer, am schlimmsten!

  1. Ich finde es wichtig, Gewalt unterschiedlich zu bewerten, nicht aber die Folgen davon, also so, wie du es schreibst. Mir hilft es, wenn in meinem jetzigen Alltag Dinge passieren, und ich die als „weniger schlimm als damals“ einordnen kann. Im Wissen, dass ich früher auch überlebt habe, rückt es jetzige Ereignisse in ein anderes Licht. Ich nehme ernst was da ist, aber ich weiss, dass es nicht vergleichbar mit früher ist.

    Was mir allerdings immer noch sehr schwer fällt, ist die erlebte Gewalt (die eben nicht „das Schlimmste“ war), ernst zu nehmen. Weil es hätte schlimmer sein können, und ich darum nicht das Recht habe, darunter zu leiden. Ich habe aber schon öfter gelesen, dass das anderen auch so geht, die Schlimmeres erlebt haben. Es also nicht mit der Gewalt an sich zu tun hat, sondern damit, sich selber und dem Innen fürsorglich zu begegnen und ernst zu nehmen.

    Danke für deinen Beitrag, hat grade wieder zum nachdenken gebracht.

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