Zeit für Vitamine

IMG_6533Gesund zu essen ist bei uns schon immer ein riesen Problem. Unser Essverhalten  schwankt zwischen Extremen. Da die Kräfte für alles fehlten, griffen wir in letzter Zeit wieder häufig auf Fertigprodukte zurück, die unserem Körper nicht mit den nötigen Nährstoffen versorgen. Ein schneller Schokoriegel, mal ’ne Pizza, Pommes aus dem Backofen. Auch die Regelmäßigkeit fehlte. Manchmal aßen wir den ganzen Tag nichts, nur um uns dann Abends vollzustopfen. Es braucht nicht viele Worte, um zu erklären, dass das unsere Heißhungerattacken ordentlich schürte.
Nun haben wir mehr Zeit, weil wir krank geschrieben sind und etwas mehr freie Kraft. Die haben wir genutzt, um uns Essen zu kochen.

Dabei herausgekommen ist Kartoffelpüree mit Schinken-Käse-Rucolasalat. Uns hat es super geschmeckt. Der frische knackige Salat zauberte eine Wohlfühlexplosion und das nicht nur beim Essen. Das Sättigungsgefühl hielt deutlich länger.
Wir waren im Nachhinein einfach zufrieden, ohne schlechtes Gewissen. Wir hoffen kochen klappt jetzt wieder öfter. 🙂

Pi mal Daumen Gugelhupf mit Mango


Wir haben beim Einkaufen eine schöne neue Gugelhupf-Form gefunden.
Da wir in unserer neuen Wohnung noch nicht so ganz komplett eingerichtet sind und bislang weder  Messbecher noch Küchenwaage haben, mussten wir bei der Menge der Zutaten improvisieren. Dabei half uns eine Tasse, die ca. 300 ml Flüssigkeit fasst.

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Unsere Zutaten:
4 Eier
ca. 125g Zucker – nicht ganz eine halbe Tasse
125 g Butter
eine dreiviertel Tasse voll Mehl – Ich schätze es waren ca. 250g
1 Päckchen Backpulver
1 Mango
etwas gehackte Mandeln
100g Schokostückchen – Wir haben uns für einen Beutel grobgehackte und Backstabile Schokolade von Dr. Oetker entschieden, die eigentlich für Cookies verwendet wird.

Die Eier mit dem Zucker schaumig schlagen. Dann die Butter zugeben und gut durchrühren. Mehl und Backpulver langsam unterheben und ebenfalls mit dem Rührgerät luftig aufschlagen. Die Mango klein schneiden und zusammen mit den Schokoflocken und Mandeln kurz dazumengen.
Je nach Saftgehlt der Mango kann man gegebenenfalls noch etwas Mehl hinzufügen. Der Teig sollte nicht zu flüssig sein, dass er beim Backen nicht durchweicht.

Nach ca. 30 – 40 Minuten Backzeit, Ober- und Unterhitze, 160 Grad, ist der Kuchen fertig und kann zum Auskühlen aus dem Ofen genommen werden. Vor dem Verzehren auf einen schönen Teller stürzen und nach Geschmack mit Puderzucker bestäuben.

Die Dimension der Heilung

„Es ist wie bei einem Schock. Alle Energie zieht sich von den Extremitäten zurück, um nur noch die lebenswichtigen Organe zu versorgen. Bei Ihnen ist es gerade ähnlich. Das was passiert ist, war einfach zu viel. Es ist keine Kraft mehr da, sich um das Außen und den Alltag zu kümmern. Ihre Seele hat jetzt andere Prioritäten. Sie braucht die Energie um ihr Innerstes zu erhalten und zu heilen.
Der einzige Unterschied zum investierten Kraftaufwand ist, dass sie dafür leider keinen Uniabschluss oder besondere Auszeichnungen im Außen bekommen. Was sie leisten ist dadurch weniger sichtbar, aber gewiss nicht weniger wertvoll für Sie selbst und unsere Gesellschaft.“ 

Diese Worte meiner Therapeutin haben mich sehr bewegt. Sie bringen sehr gut auf den Punkt, worum es in meiner Situation derzeit und im Leben vieler traumarisierter Menschen geht. Alltagseinbrüche heißen Heilung. Die Anerkennung im Außen dafür fehlt leider häufig.
Neulich habe ich ein Zitat gelesen:
„Jede Frau, die sich selbst heilt, heilt alle Frauen, die vor ihr da waren und all die, die nach ihr kommen.“  
Der Verfasser ist mir leider unbekannt. Gefunden habe ich es hier.
In meinem Herzen gibt es einen Teil, der sich über diese Aussagen freut. Sie zeigen die gesellschaftliche Dimension, die mutige Frauen mit ihrer eigenen Heilarbeit leisten und machen klar, dass Selbstwerteinbrüche nicht sein müssen. Im Gegenteil, sie können stolz auf ihre Courage sein, die sie mitbringen ihren Themen ins Auge zu blicken. Vielleicht sind andere Überlebende, genau wie ich im Moment, über manche Strecken nicht dazu in der Lage, auch noch einen Beruf zu managen oder normalen Alltag zu leben. Sie werden nicht für ihre seelischen Glanzleistung bezahlt und müssen unter Umständen, auf die Versorgung durch den Staat zurückgreifen. Manchmal fallen dann auch noch blöde Sprüche. Man fühlt sich schlecht anderen auf der Tasche zu liegen. Aber hey – es ist ok, dafür aus der Gemeinschaftskasse bezahlt zu werden, dass man Themen therapiert, für die der Staat zu feige ist und sonst keine Lösungen anbieten kann. Für die er es noch nicht einmal hinbekommt, geeignete Therapiemöglichkeiten zu schaffen. Damit meine ich jetzt nicht nur die mangelhaften „Ich stell dich auf die Beine“-Angebote in Kliniken die lediglich funktionierfähig machen sollen. Um Aufarbeitung geht es kaum. Wer das Trauma deckeln kann, gilt als gesund. Was, wenn ich mehr erwarte!? Ich möchte nicht Krankenkassenfinanziert lernen dauerzuverdrängen. Ich möchte mit Empathie und Herzlichkeit auf meine Wunden schauen dürfen. Begleitet. Von Menschen, die Ohnmacht und Schmerz aushalten können und nicht ihre Ziele an mir verwirklichen wollen/müssen.

Das Geschenk der heilenden Frauen an diese Welt ist ein ganz besonderes:
Sie bringen Stück für Stück die Emotionen zurück und ein gesundes Selbst- und Menschenbild in dem euere Kinder sicher aufwachsen.

J. K. Rowling über das Schreiben

Heute war ein bisschen im Internet unterwegs und habe beim stöbern diese Seite gefunden, auf der über die wichtigsten Schreibgrundsätze von J.K. Rowling berichtet wird.

Mit manchen von Ihnen können wir uns gut Identifizieren. Die Worte brauchen das Herz des Autors. Dann lässt sich alles irgendwie transportieren. Es ist die liebe zum Ausdruck, die später den Leser findet.

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Hier ein paar Auszüge, die uns angesprochen haben:

„Haben Sie Vertrauen in Ihre Fähigkeiten und in Ihre Leidenschaft und schreiben Sie das, was Ihr Herz begehrt.“

„…nur […] schreiben, wenn Sie es auch wirklich lieben. “Ich werde solange schreiben, bis ich nicht mehr schreiben kann. Das ist wie ein Zwang bei mir. Ich liebe das Schreiben.”

„Schreiben Sie […] für sich selbst.“

„Ich schreibe, was mich amüsiert. Das ist nur für mich persönlich.“

„Merken Sie sich, kein Mensch ist perfekt. […] Lassen Sie die Charaktere leben und atmen.“

Agro-Day

Ich sitze hier und bin unzufrieden.
Gereizt.
Vor Langeweile eigenaggressiv.
Und das bereits kurz nach dem Aufstehen.
Gestern hatte ich viel Zeit. Zeit, die ich sinnlos in meiner Wohnung verbrachte und mir dabei irgendwelche dämlichen Videos reinzog.
Heute habe ich wieder viel Zeit. Zeit, die ich geschenkt bekommen habe, weil ich mich letzte Woche habe krankschreiben lassen.
Jetzt fällt mir die Decke auf den Kopf.
Das paradoxe daran: Ich habe sehr genau hingespürt, ob ich einfach wieder anfange zu arbeiten. Ob ich einfach losziehe und ein paar Aufgaben erledige, aber das geht nicht. Das ist zu viel.
Jetzt sitze ich Schulterzuckend hier, weil ich die Welt nicht mehr verstehe. Nichts tun geht nicht und etwas arbeiten noch weniger.
Ich hasse mich gerade ohne zu wissen warum.
Einfach nur so.
Weil es zu dem Wut-Aggressionsgefühl passt, dass in diesem Moment meinen gesamten Körper ausfüllt.
Und dann denke ich, dass ich die Zeit doch wollte, um etwas aus meinem Inneren zu verstehen und dass ich sie vielleicht einfach dafür nutzen sollte und mich hinsetzen und Innenarbeit machen…
Und dann spüre ich, dass mich das ebenso aggressiv macht.
Also gesteh ich mir einfach ein, dass heute wohl alles viel Distanzierung braucht und es notwendig ist alles blöd zu finden und koche mir einen blöden Kaffe mit der scheiß Teemaschine, über die ich eigentlich nicht schimpfen darf, weil ich sie gerne mag, aber ausnahmsweise und dann schreib ich einen gereizten Text und schau mir dabei das arschige Wetter an…
…bis ich lachen muss. Weil das alles einfach absurd ist.
Und dann starte ich einfach nochmal neu in den Tag.

Taras Welten auf YouTube

Wer sich für die Serie „Taras Welten“ interessiert findet die meisten Folgen aus den verschiedenen Staffeln mittlerweile auch auf deutsch bei YouTube.
Vorab sei gesagt, dass durchaus oft vulgäre, sexualisierte Sprache benutzt wird, die auch leicht einmal triggern kann. Auch gewisse Szenen sind mit Vorsicht zu genießen.

Wir haben die Serie bereits vor längerer Zeit im Fernsehen gesehen. Damals lief sie zur „Primetime“ auf ARD um ein Uhr nachts. 😉
Für uns persönlich, hat sie mit dem „normalen“ Leben einer multiplen Persönlichkeit nicht wirklich viel gemein. Das liegt auch an der stark überspitzen Darstellung und den mangelhaften medizinischen Fakten. So sucht Tara in der ersten Staffel etwa beständig nach den Puzzelstücken eines Traumas im Alter von 16 Jahren. Dieses sieht sie als Auslöser für ihre Spaltung. Wer also hofft realitätsgetreue Einblicke in das Erleben zu bekommen wird enttäuscht. Bildungsfernsehen ist das sicher nicht.

Dennoch finden wir die Serien als Unterhaltung sehenswert. An vielen Stellen müssen wir einfach über die Absurdität der Situationen lachen.

Therapie von DIS — Melinas Schreibfamilie Blog

Die lieben Melinas haben meinen letzten Beitrag wundervoll mit Ihren Eindrücken und Erlebnissen ergänzt. Es lohnt sich reinzulesen. 🙂

Die wundervolle Beschreibung von Sofies Gespräch mit der Therapeutin ist so klar, dass ich hier für meine follower das noch erwähnen will. Hier ist der Link zur Seite: Sofie Hier kann ich so glasklar erkennen, was eine Therapeutin über Dis wissen muss um den Umfang einer mehrfachen und inzwischen chronischen Traumatisierung zu kennen und nur […]

über Therapie von DIS — Melinas Schreibfamilie Blog

PTBS bei DIS

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Ich telefoniere mit meiner Therapeutin.
Sie ist neu, aber wirkt kompetent.
Das Gespräch führt uns an den Unterschieden in der Behandlung von einer DIS mit komplexer PTBS und einer PTBS nach Monotrauma vorbei.
Was ich in dem Moment interessiert gehört, aber nicht weiter realisiert habe, ist jetzt in meinem Bewusstsein angekommen. Ihre Aussagen fühlen sich verdammt stimmig an:

„Es gibt gewaltige Unterschiede in der Behandlung von einer normalen PTBS und einer Patientin mit DIS. Eine PTBS haben sie nach dem ersten Trauma. Die sieht und merkt man deutlich. Mit Patienten im akuten Zustand der PTBS können sie nicht länger als 5-10 Minuten sprechen. Danach sind sie platt, völlig überfordert und sie bemerken als Behandler das Leid.
Bei Ihnen ist die PTBS chronisch. Sie ist bei DIS mit zunehmender Abspaltung durch die häufigen Traumatisierungen hinter der Fassade versteckt. Deshalb laufen sie auch lächelnd in die Praxis ihres Arztes und er hat Mühe die Ernsthaftigkeit der Lage zu erfassen. Sie sind als Alltagsperson in dem Moment nicht traumatisiert. Sie funktionieren. Alles andere trägt ein Innen. In ihrer Lebenssituation waren sie gezwungen die PTBS unsichtbar in den Alltag zu integrieren. Sie ist chronisch vorhanden, aber auch chronisch unsichtbar.“
(Sinngemäß wiedergegeben)

Diese Worte lassen mich vieles verstehen. Die Therapeutin hat recht.
Das trifft den Nagel meiner Problematik auf den Kopf.
Ich kann nicht mehr, aber eigentlich habe ich damit nichts zu tun. Nicht wirklich irgendwie. Also völlig eigentlich, aber dann doch wieder nicht. Ich trete ein für die inneren Bedürfnisse einer anderen Person. Meine Konversation ist klar und rationell. Die emotionale Dramatik dahinter, bleibt oft verborgen.

„Wenn ich mit einer PTBS-Patientin arbeite muss ich den Überblick für eine Person behalten. Bei einer DIS bin ich für Viele verantwortlich. Wenn ich eine Frau mit DIS stabil nach Hause schicke und übersehe, dass ich innen ein Fass aufgemacht habe, kann sie beispielsweise plötzlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, sobald sie aus der Türe ist.“

Ja, das kann passieren. Das kennen wir gut aus früheren Therapiesituationen. Leider.
Für mich war’s ok zu gehen und kaum draußen ging der Punk ab.
Tut gut das Gefühl, eine Person gegenübersitzen zu haben, die verantwortungsbewusst mit dem Viele sein umgeht und zumindest eine Idee davon hat, dass innen etwas anderes laufen kann, als außen. 👩‍👩‍👧‍👦

Erster Preis

Ich bin dein erster Preis,
dein Hauptgewinn.
Doch seit dem Spiel macht nichts mehr Sinn.

Ich bin dein Ehrenzeichen,
dein Wurf ins Schwarz,
Doch dieses Glück, es trifft mich hart.

Ich bin dein Siegespokal,
dein großes Los.
Doch die Trophäe zittert bloß.

Ich bin dein Grund zu kämpfen,
der große Kick.
Doch ich zerspring’ im Augenblick.

Ich bin dein As beim Poker,
dein großer Joker,
dein Motor zu zocken,
um blaue Augen und Locken,
weil du nun mal auf Kinder stehst
und deshalb zur Partie hier gehst.

Bedachtes stets den nächsten Zug,
gebrauchtest deine Karten klug
und nahmst mich mit zu dir nach Haus,
zogst mich in deinem Bette aus.

Zu spielen hast du wohl verstanden,
auch als die Peitschenhiebe landen
und meine Seele schweigend stirbt,
mein Sein vor Schmerzen berstend klirrt.

Bis irgendwann die Schreie enden –
das Blatt muss ich im heute wenden.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.
„Wer bist du?“ fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. „Ich … ich bin die Traurigkeit“, flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.
„Ach, die Traurigkeit“, rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
„Kennst du mich denn“, fragte die Traurigkeit misstrauisch.
„Natürlich kenne ich dich“, antwortete die alte Frau, „immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja, aber …“ argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?“
„Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst – verzeih diese absurde Feststellung – du siehst so traurig aus?“
„Ich … ich bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. „So, traurig bist du“, wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?“
Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und …
„Ach, weißt du“, begann sie zögernd und tief verwundert, „es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen.“
„Da hast du sicher Recht“, warf die alte Frau ein. „Aber erzähle mir ein wenig davon.“
Die Traurigkeit fuhr fort: „Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.
Sie sagen „Papperlapapp – das Leben ist heiter“, und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.
Sie sagen „Gelobt sei, was hart macht“, und dann haben sie Herzschmerzen.
Sie sagen „Man muss sich nur zusammenreißen“ und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen „Weinen ist nur für Schwächlinge“, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen.“
„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?“
Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Ja, das will ich“, sagte sie schlicht, „aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich.
Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.
Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.“
Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.
Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm. „Wie weich und sanft sie sich anfühlt“, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. „Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt.“
Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin.
„Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?“
„Ich“, antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. „Ich bin die Hoffnung!“

© Inge Wuthe http://www.inge-wuthe.de/traurigetraurigkeit.htm